Graf Kessler war nie auf einem Vulkan
»Der Kaiser hat abgedankt. Die Revolution hat in Berlin gesiegt«, so begann Harry Graf Kessler, der Kunstmäzen und Diplomat, seine Aufzeichnung vom 9. November 1918, den er einen der »denkwürdigsten, furchtbarsten Tage der deutschen Geschichte« nannte. Die Notizen des Grafen aus den Monaten der deutschen Revolution 1918/19 zählen zweifellos zu den Glanzstücken seines vielbändigen Tagebuchwerks, mit dessen vollständiger Edition der Klett Cotta Verlag seit 2004 begonnen hat. Kessler kannte nicht nur die alten Politiker des kaiserlichen Deutschlands, sondern auch die neuen Herren in der Revolutionsregierung, die ihn Mitte November für einen Monat als Gesandten nach Warschau schickten. Er verkehrte mit Intellektuellen, Schriftstellern, Künstlern – mit Walther Rathenau, René Schickele, Wieland Herzfelde, George Grosz. Mit ihnen diskutierte er seinen Plan für einen Völkerbund, der dem besiegten Land die Wiederaufnahme in die Staatengemeinschaft ermöglichen sollte.
Vor allem aber war Kessler ein unermüdlicher Flaneur, der sich auf den Straßen Berlins ein Bild über den Fortgang der Revolution zu machen suchte. Ausführlich schildert er die Weihnachtskämpfe um das Berliner Schloss, den Januaraufstand 1919, das Wüten der vom Sozialdemokraten Gustav Noske aufgebotenen Soldateska, dem unter anderem Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Opfer fielen. Die Dramatik der Ereignisse erschließt sich einem erst recht, wenn man einer (vom Schauspieler Johannes Steck eindrucksvoll gesprochenen) Aufnahme lauscht, die Kesslers Revolutionstagebuch in Auszügen präsentiert.
Was beim Hören noch stärker auffällt als beim Lesen, ist eine Beobachtung Kesslers, die sich wie ein Leitmotiv durch seine Aufzeichnungen zieht – der frappierende Kontrast nämlich zwischen der welterschütternden Umwälzung auf der einen und dem scheinbar normal weiterlaufenden Alltag auf der anderen Seite. »Die Revolution hat nie mehr als kleine Strudel im gewöhnlichen Leben der Stadt gebildet, das ruhig in seinen gewohnten Bahnen darum herumfloss«, heißt es am 12. November. Irritiert und zugleich fasziniert erlebte Kessler, wie sich neben den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen die Vergnügungssucht in der Hauptstadt ungehemmt Bahn brach. Nie zuvor und nie danach wurde in den Bars so wild getanzt wie in den Wintermonaten 1918/19. Je tiefer die historische Zäsur, desto größer offenbar das Bedürfnis der Menschen nach Zerstreuung. Der »Tanz auf dem Vulkan«, von dem Kessler sprach – erleben wir ihn nicht auch gegenwärtig angesichts einer globalen ökonomischen und ökologischen Krise? Volker Ullrich
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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