Fliegen Gar nicht übel
Von Künstlern designt, mit frechen Sprüchen bedruckt: Die Kotztüte ist ein begehrtes Sammlergut geworden. Georg Jablonowski über die neuesten Trends auf dem Spuckbeutelmarkt
DIE ZEIT: Herr Jablonowski, Sie sammeln Kotztüten, stellen Ihre Exponate sogar im Internet aus . Warum haben Sie sich ein so unappetitliches Hobby gesucht?
Georg Jablonowski: Den Anstoß gab ein Text im Satiremagazin Titanic. Die haben in den Achtzigern mal Kotztüten aus aller Welt verglichen. Ich war fasziniert, wie vielseitig die sind. Seither packe ich bei Flügen die Spuckbeutel – das ist der offizielle Name – ein. Auch Freunde bringen mir welche von ihren Reisen mit. Ich habe mehrere Hundert, in allen Formen und Farben.
ZEIT: Was machen Sie denn mit den vielen Spuckbeuteln?
Jablonowski: Ich unterziehe jede Tüte einem Test. Ich prüfe, ob sie sicher schließt. Ob sie auch heil bleibt, wenn man sie gegen die Wand schleudert. Und ob sie reißfest ist. Wichtig sind auch gute Böden. Eine Qualitätstüte sollte stehen können. Sonst muss der Passagier sie im Notfall in der Hand halten, bis die Stewardess kommt. Das ist doch unangenehm. Und natürlich sollten sie nicht lieblos gestaltet sein. Die Ergebnisse stelle ich dann ins Netz.
ZEIT: Seit wann werden Notfalltütchen über den Wolken benutzt?
Jablonowski: Seit die ersten Flüge über den Atlantik gingen. Da waren Krankenschwestern an Bord, die hatten entsprechende Sanitärartikel dabei. Später wurden Krankenschwestern durch Stewardessen ersetzt – die Kotztüten blieben.
ZEIT: Welcher Spuckbeutel ist Ihr Liebling?
Jablonowski: Eine Papiertüte aus Usbekistan. Die sieht richtig toll aus, violett und mit goldenen Ornamenten. Im Moment hängt sie gerahmt bei mir im Wohnzimmer.
ZEIT: Gibt es je nach Land Unterschiede, wie die Tüten gestaltet sind?
Jablonowski: Oh ja. Griechische Fluggesellschaften etwa mögen mythologische Motive. Eine meiner Tüten hat auf der Rückseite eine Art Malen nach Zahlen. Verbindet man die Punkte, sieht man den Minotaurus. Asiatische Spuckbeutel werden gerne mit Heilpflanzen verziert. Besonders edel sind oft Tüten aus armen Ländern. Cameroon Airlines etwa wartet mit einem Spuckbeutel aus schönem, dicken Papier auf. Auch Billigflieger haben oft schön designte Tüten. Offenbar soll der Low-Budget-Passagier vergessen, dass er ein Low-Budget-Passagier ist. Bei Germanwings etwa ist der Tütenkörper aubergine. Das bildet einen schönen Kontrast zu dem signalgelben Streifen, der die maximale Füllmenge markiert.
ZEIT: Wie wird die unschöne Funktion der schönen Tüten thematisiert?
Jablonowski: Sehr unterschiedlich. In Japan wird der Fluggast extrem umsorgt. Bei All Nippon Airways stehen oben auf der Tüte Pfeile. Der Gast soll genau wissen, was er wie wo verschließen muss. Die Tüten sind blickdicht, die Aufschrift »disposal bags« ist verschämt ganz klein gedruckt. Mexikaner sind da unverkrampfter. Ihre Kotztüten sind durchsichtig. »Air sickness bag« ist dort in Großbuchstaben zu lesen.
ZEIT: Wie viel Füllung passt denn in so einen Spuckbeutel?
Jablonowski: Die Standardtüte fasst 2,1 Liter. Ich habe aber auch eine von Monarch Airlines, die dreieinhalb Liter fasst. So viel braucht kein Mensch.
ZEIT: Und was sind die neuesten Trends im Spuckbeuteldesign?
Jablonowski: Freche Sprüche sind gerade sehr in. Gerade bei den Billigfliegern, die sich ja auch an ein jüngeres Publikum wenden. Da steht dann zum Beispiel »Vielen Dank für Ihre Kritik« auf der Kotztüte. Neuerdings legen die Fluggesellschaften sehr viel wert auf das Design. Sie haben bemerkt, dass die Beutel gerne gesammelt werden. Virgin Airlines etwa hat Kotztüten von Künstlern gestalten lassen und in kleinen Auflagen ausgegeben.
ZEIT: Sie stehen mit Ihrem Hobby also gar nicht allein da?
Jablonowski: Nein. In den letzten Jahren hat sich eine Szene gebildet. Da sind alle Schichten vertreten, vom Arzt bis zum Handwerker. Im Moment gibt es in Deutschland etwa 100 passionierte Sammler. Selbst bei Yahoo gibt es eine Kotztütengruppe. Mir ist das fast schon zu viel. Bald ist »Ich sammle Kotztüten« genauso gewöhnlich wie »Ich sammle Briefmarken«.
ZEIT: Haben Sie jemals einen Spuckbeutel verwendet?
Jablonowski:
Im Flugzeug noch nie. Aber einmal, beim Karneval, war ich im Bus unterwegs. Mir gegenüber saß ein Mann, kostümiert und sehr betrunken. Ich sah, wie er zu würgen begann. Zum Glück hatte ich ein Exponat aus meiner Sammlung dabei. Das konnte ich ihm gerade noch rechtzeitig rüberreichen. Aber zugegeben – mit der Tüte aus Usbekistan oder China hätte ich das nicht gemacht. Die sind viel zu schön zum Benutzen.
Georg Jablonowski, 48, Dachdeckermeister, betreibt die Website
www.kotztueten-museum.de
- Datum 17.03.2009 - 09:37 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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Germanwings hat auch eine Tüte mit "War doch nur ein kleines Luftloch" fand ich sehr witzig
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