Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Jahrgang 1929, der in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, das geistige und kulturelle Nachkriegsdeutschland auf einzigartige Weise geprägt hat. Denn nur jene, die zehn Jahre alt waren, als der Krieg begann, und fünfzehn, sechzehn, als er endete, konnten trotz ihrer frühen, existenziellen Erfahrung mit Flucht, Bunkern und Trümmern moralisch nie wirklich zu Mitläufern oder Tätern werden. Es ist dieses singuläre Erfahrung/Schuld-Verhältnis, das dazu führte, dass die Jahrgangsgenossen Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Ralf Dahrendorf, Peter Rühmkorf, Walter Kempowski et alii im Westen und Heiner Müller, Christa Wolf (siehe auch nächste Seite), Werner Tübke und Günter Kunert im Osten die kulturelle Erneuerung und moralische, soziologische und politische Identität des Landes schärften. Wer wusste, dass Anne Frank, dürfte sie noch leben, so alt wäre wie er selbst, der empfand nach 1945 trotz aller spätpubertären Lebensgier, trotz allen Überlebenskampfes, trotz aller frühen Verantwortung vor allem auch Dankbarkeit – »das Kriegsende war ein absoluter Freiraum«, sagte Heiner Müller.

Es war wie eine zweite Geburt. Dieser Glaube an die Möglichkeit eines zweiten, besseren Lebens ist die geistige Existenzgrundlage des Jahrgangs 1929. Bis heute versucht er erfolgreich, seine eigene Biografie zur Blaupause für ein allgemeines Verstehen, für ein allgemeines Gelingen zu machen. Symbolisch hat das Eric Carle, Jahrgang 1929, mit seiner Kleinen Raupe Nimmersatt erzählt – das erfolgreichste Kinderbuch der Bundesrepublik ist im Kern nicht weniger als die Geschichte der Bundesrepublik. Sie beginnt in kalter Mondnacht, auf einem kahlen Blatt – die Bilderbuchversion der Stunde null. Dann frisst sich die nimmersatte Raupe durch die Torten und Würste des Wirtschaftswunders, vor Selbsthass und Völlegefühl rettet sie dann die Öko-Bewegung. Mit den grünen Blättern im Bauch kann sie sich selbstvergessen verpuppen (späte achtziger Jahre), um dann, Wiedervereinigung, als schöner Schmetterling neugeboren zu werden. »In dem Buch«, so sagte Carle einmal, »steckt die Hoffnungsbotschaft: Ich kann auch groß werden.« Man könnte auch sagen: Die Raupe Nimmersatt – oder »Du bist Deutschland«.

Weil sie mit einem Bein noch in der Weimarer Republik stehen, mit dem anderen aber im Jahr 1945, deshalb stehen sie sicher (und genau deshalb können sie auch manchmal aus Übermut auf den Bühnen der Öffentlichkeit herumtänzeln wie Harald Juhnke oder Enzensberger). Der Jahrgang 1929 wurde in die Weltwirtschaftskrise, die great depression hineingeboren, und diese Erfahrung hat die depression babies, wie sie in Amerika heißen (dort etwa Jackie Onassis, Audrey Hepburn, Martin Luther King), auf eine wundersame Weise imprägniert gegen jede Unbill der Wirklichkeit. Bei James Last, Jahrgang 1929, der tatkräftig mithalf, die Raupe Bundesrepublik in einen sanften Klangteppich wie in einen Kokon einzuwickeln, klingt das so: »Ich denke, unser Leben ist reicher, wenn wir unsere Grenzen kennen und innerhalb dieser Grenzen das Beste aus unserem Leben machen.« Es ist ein Jahrgang, der Glück hatte und dies auch wusste, es ist die »Gnade der späten Geburt« (Günter Gaus, Jahrgang 1929). Und der deshalb die innere Stabilität und Kraft hatte, immer aufs Neue die ungenutzten Möglichkeiten, die unerforschten Wege, die großen Herausforderungen zu sehen (des Romans, der Lyrik, der Geschichte, des Menschen, der Moderne).

Das Verbindende – über alle charakterlichen oder ideologischen Grenzen hinweg – wird immer dann deutlich, wenn die Jahrgangsgenossen sich begegnen. Wenn etwa Walter Kempowski und Eduard Zimmermann mit der gleichen erschütterten Gefasstheit über ihre gemeinsame Zeit im Gefängnis in Bautzen sprechen. Wenn Werner Tübke und Horst Janssen, diese Halbbrüder Dürers und der Manieristen, sich 1986 zu einem zufälligen Ost-West-Gipfel der Zeichnung treffen und sich schnell darüber verständigen können, dass es längst nicht mehr Politiker sind, sondern die Künstler, die ihre Epochen prägen (mangelndes Selbstbewusstsein ist nicht das Problem des Jahrgangs 1929).

Das unsichtbare Band wird auch deutlich in jenem Briefwechsel aus dem Jahre 1991, in dem Jürgen Habermas fast schon beschwörend an Christa Wolf schreibt: »Wir gehören beide demselben Jahrgang an, und wir teilen dieselben ›Kindheitsmuster‹. Aus diesem Grunde teilen wir auch dieselben Grundeinstellungen.« So müsse es darum gehen, gemeinsam den Schutt wegzuräumen, unter dem die deutsche Kultur begraben liege, es gehe um das Freilegen der aufklärerischen Traditionslinien.

Dieser Jahrgang will trotz der ungeheuren Erschütterungen, die er in seiner Kindheit erlebt hat, das »Dritte Reich« nicht als Sicht- und Lärmschutzwand zur Vergangenheit akzeptieren. Deshalb der unermüdliche Kampf um das Anknüpfen an ein Ideenkontinuum, das bis nach Athen reicht (Christian Meier, Jahrgang 1929), um »das unvollendete Projekt der Moderne« (Habermas) oder, wie Michael Ende (Jahrgang 1929) den historischen Erfahrungsraum seines Jahrgangs zusammenfasste: Die unendliche Geschichte. In der Philosophie und in der Soziologie, in der bildenden Kunst wie in der Lyrik geht es den Neunundzwanzigern immer um die Argumentation aus der Tiefe des Raums, um eigenwillige Synthesen aus Vergewisserung und Erneuerung, um Paradiesvogelschiß und um Die Jahre, die Ihr kennt, wie Peter Rühmkorf den Lockruf an seinen Jahrgang programmatisch nannte. Und wenn Ralf Dahrendorf in seinen Versuchungen der Unfreiheit das Idealbild eines Intellektuellen zeichnet, der die Fähigkeit hat zu unabhängigem Denken, die Widersprüche der Gesellschaft aushält, diese akribisch und engagiert beobachtet und die Vernunft als Grundlage jeder Theorie akzeptiert – dann hat er damit vor allem ein präzises Gruppenbild seiner Jahrgangsbesten gezeichnet.

Wenn man – wie Hartmut Rosa – die Geschichte der Moderne als eine die Menschen überfordernde Beschleunigungsgeschichte erzählt, die ihn nur noch zum Reagieren zwingt – »anstelle einer gestaltenden Führung individuellen und kollektiven Lebens« –, dann bewundern wir den Jahrgang 1929 genau für die letzte Verkörperung dieser besonnen proaktiven Lebensführung. Es ist ein erfahrungsgesättigter Stoizismus, der mit dem Fatalismus der Älteren und dem Zynismus der Jüngeren nichts zu tun hat. Weil er, trotz aller Gebrochenheit, in der Philosophie und Soziologie wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Gute vom Bösen zu trennen versuchte – und immer Haltung bewahrte, egal ob es Nadja Tiller als Das Mädchen Rosemarie war, Pierre Briece als Winnetou, Eduard Zimmermann in Aktenzeichen XY ungelöst oder Friedrich Nowottny im Bericht aus Bonn. Das ist das wahre Geheimnis dieses Jahrgangs. Er ist zu unserem Trost auf dieser Welt.