Japan »Gründlich arbeiten!«

Japan steckt in der schlimmsten Wirtschaftsflaute der Nachkriegszeit und bekämpft sie mit nationalen Tugenden: Zähigkeit und Ruhe

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Hinter Daisuke Murata schaut ein Schüler von der Wand, der mit Reagenzgläsern hantiert. Das naive Ölporträt vermittelt Forschergeist. Murata kann sich nicht erinnern, wann sein Vater dieses Bild aufgehängt hat. Aber der Sohn hat hier, im kleinen Konferenzsaal seiner Firma Muratec in der Tempelstadt Kyoto, gerade zwei Stunden lang für den Erhalt des Forschergeistes gekämpft. Beziehungsweise um die letzte japanische Fabrik für Telefaxe, die seine Firma betreibt. »Wir hatten eben einen großen Streit«, sagt Murata. »Mein Manager wollte die Faxfabrik schließen. Aber ich habe ihm gesagt: Mach weiter!«

Murata trägt eine Krawatte mit Elefantenmuster. Er raucht. Seine Augen tragen Schatten, die Anstrengung des Tages steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dabei ist er mit 47 Jahren immer noch ein Jungstar unter Japans führenden Unternehmern. Mit 41 übernahm er die Firma vom Vater: eines der bekanntesten Familienunternehmen des Landes mit einem tadellosen Ruf. 4000 Angestellte, 1,5 Milliarden Dollar Umsatz.

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Muratec zählte zu den Erfindern des Faxgerätes. Die Firma ist Weltmarktführer für automatische Wickelmaschinen, wie es sie in jeder Textilfabrik gibt. Sie entwickelt gerade einen Krankenhausroboter, der beispielsweise in der Nacht die Arbeit von Krankenschwestern verrichten kann. Sie steht für ein grundsolides, hocheffizientes Japan. Aber was bleibt davon, wenn die Aufträge um 90 Prozent einbrechen? Im vergangenen März lieferte Muratec 12000 Spindelmaschinen in alle Welt, in diesem März sind es nur noch 1200.

Doch Daisuke Murata bleibt entspannt. Er klagt nicht. Ihn kann die Krise nicht überraschen. Schon vor zehn Jahren habe die japanische Industrie ihre Konkurrenzfähigkeit eingebüßt, erklärt er im teuer möblierten, ansonsten aber schmucklosen Empfangszimmer seiner Firmenzentrale. Nur dem China-Boom und der amerikanischen Finanzblase habe Japan das Wachstum der vergangenen Jahre zu verdanken. Von eigenen Verdiensten, von Innovation könne keine Rede sein.

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Aus dem Fenster schaut er auf die benachbarten Anlagen des Nintendo-Konzerns, des derzeit erfolgreichsten Videospielproduzenten der Welt. Doch auch die Nintendo-Geschichte beeindruckt Murata nicht. Japan sei zur Konsumgesellschaft verkommen, sagt er. Verbraucher und Investoren diktierten die Unternehmensentscheidungen. Das sei der amerikanische Weg, sagt Murata. Verbraucher und Investoren hätten die Abwanderung der Industrien in die Schwellenländer sorglos in Kauf genommen. Stattdessen müsse man wieder zu Hause investieren und sich auf Innovation und Spitzentechnologie konzentrieren. »Das gilt für gestern, aber das wird jetzt in der Krise noch unendlich viel wichtiger«, sagt Murata.

»Wenn hier alles sauber ist, werden wir nicht weggejagt«

Eben deshalb hat der Unternehmer sein Management heute zurückgepfiffen. Natürlich sei es für die Faxsparte seines Unternehmens einfacher, Geld zu verdienen, wenn sie nur noch in China produziere, sagt Murata. Aber er brauche die Elektronikspezialisten der Faxsparte hier in Kyoto, wo sie seinen Textilmaschinenbauern wichtige neue Ideen lieferten. »Jeder andere Textilmaschinenbauer der Welt beneidet mich um meine Faxsparte«, sagt Murata. Plötzlich spürt man seinen Eifer. Er beugt sich nach vorn, gestikuliert. Die Sache ist ihm wichtig. Murata will seinen technologischen Vorsprung verteidigen. Bitterböse spricht er von den deutschen und italienischen Textilmaschinenbauern, die ihre Technologie nach China verkauft hätten. Heute seien seine gefährlichsten Wettbewerber Chinesen mit deutscher und italienischer Technologie. »Die denken kapitalistischer als wir alle«, rügt er ihre Ruchlosigkeit.

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

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Wie aber kann sich seine Firma gegen die neuen Verhältnisse wehren? »Das machen, was wir am besten machen: Gründlich arbeiten!«, sagt Murata. Ein Familienunternehmen wie seines könne harte Zeiten ertragen. Er müsse keinem Investor gehorchen. Er habe 500 Arbeitern mit Zeitverträgen gekündigt. Es habe ihm wehgetan. Er sorge sich um den Zusammenhalt in der Firma. Er habe die Gehälter gekürzt: Der Vorstand bekomme 35 Prozent, das Management zehn Prozent und die Arbeiter fünf Prozent weniger.

Leser-Kommentare
  1. Wenn ich lese: 2 Hochgeschwindigkeitszugstunden = 500 KM muss ich schmunzeln.

    Japan hat offensichtlich sehr viel Zeit und Geld in die Entwicklung einer energieeffizienten Infrstruktur investiert. Auf Deutschland übertragen würde es bedeuten, dass ich jede Stadt in Deutschland innerhalb von 4 Stunden (=1000km) mit dem Zug erreichen könnte. Das ist utopisch.

    Dieser Sachverhalt wirft ein Licht auf den wahren Wohlstand einer Nation:

    Der Zustand des öffentlichen Raums, wie der Autobahnen und der Zugverbindungen, den Ausbildungsgrad der Bevölkerung, das Alter, der Gesundheitszustand, usw.

    Wenn wir über Japan und seine Schulden reden, so muss erwähnt werden, dass diese Schulden bei der eigenen Bevölkerung aufgenommen wurden. Es sind keine Verpflichtungen gegenüber anderen Ländern. Oder prägnant. Die Japaner haben mehr "Steuern" bezahlt in dem Sie dem Staat ihr Geld kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Das Geld wurde in Schinen und Infrastruktur investiert.

    Bei uns hat man das GEld in Lehmanzertifikate angelegt und damit die Villen und Yachtendichte in St. Tropez erhöht und nicht den öffentlichen Sektor weiter ausgebaut. Die Frage ist nicht ob der Topmanager 100000 MIo € verdient - sondern was man mit dem GEld anfängt. Wenn davon Forschung und Kindererziehung unterstützt werden, zinslos oder sogar gespendet - dann ist da s SUPER - wenn davon aber 4 Porsches, 100 Waffen, 10 Yachten und 5 Villen gebaut werden, halte ich es für DUMM.

    Trotzdem hat auch Japan enorme Probleme: in einer Welt in der Maschinen immer mehr Arbeit erledigen, wird immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt. Aber ist dann der Mensch, der eben unten in der Gesellschaft steht nichts mehr Wert? Sicherlich, er wird nicht mehr "benötigt" - so wie irgendwann fast jede Form der physischen Arbeit überflüssig werden wird.

    Auf diesen Schritt ist die japansiche Gesellschaft, genauso wie die USA, nicht vorbereitet. Die "harte Arbeit" steht im Zentrum der Gesellschaft - nicht das "angeneheme und kollektiv ausgeglichene" Leben. Dabei arbeiten wir um angenehm zu leben und leben nicht um angenehm zu arbeiten. Aber genau auf dieses Ziel arbeitet wir Menschheit hin - dass eines Tages kein Mensch mehr Arbeiten muss um leben zu können. Jede Maschine, jeder Roboter ist ein solcher Schritt. Nur müssen wir eben die systemischen Auswirkungen unseres Handelns erkennen und das unsere Gesellschaft die Armen entschädigen muss, die ihrer einfachen "Arbeit" beraubt wurden.

    Denn die Lösung kann nicht sein, dass die Armen nicht mehr leben dürfen. Das würde nämlich auch den Konsum einbrechen lassen und weitere Menschen würden arbeitslos werden. Außedem welches Menschenbild läge einer solchen Haltung zugrunde? Aber genau auf diese Frage steuert die Welt zu und jede Gesellschaft muss darauf eine Antwort finden. Hartz IV ist nicht schön und muss verbessert werden. Aber es ist besser als alles was die jap. oder US Gesellschaft bietet.

    Trotzdem kann man bei belieben Dosen einsammeln und recyceln - ich halte es für eine sinnvolle Arbeit zum Schutz der Umwelt. Aber nicht als Zwang für den Rand der Gesellschaft.

    • mkill
    • 16.03.2009 um 5:56 Uhr

    Der Artikel gibt die Stimmung, die ich hier selbst in Tokyo erlebe, gut wieder. Man merkt, dass der Autor seit Jahren hier lebt. Deswegen danke dafür.

    Die Einstellung "Japan's Fundamentaldaten sind gut, es muss nur die Krise durchhalten" ist aber auch nicht ungefährlich. Das Land ist hoch verschuldet, und ewig kann es auch nicht weiter bei den eigenen Leuten Kredit aufnehmen.

    Womit ich gar nicht übereinstimmen kann ist, die japanische Politik aus der Schuld zu entlassen, nach dem Motto "es passiert zwar nichts, aber das ist nicht so schlimm". Nach Koizumis Abgang befindet sich die LDP im freien Fall, und hat nach jetziger Prognose nicht den Hauch einer Chance, die nächste Wahl zu gewinnen. Das wäre in einer funktionierenden Mehrparteiendemokratie nicht weiter tragisch, nur leider regiert die LDP seit den 50ern fast ununterbrochen, und das einzige Mal, dass die Partei den festen Griff auf die Macht verloren hat, ist 1993, auf dem Höhepunkt der letzten Krise gewesen. Ob die DPJ, die möglicherweise das Ruder übernimmt, den Job besser machen wird weiß leider keiner so recht.

    Was das Land dringend braucht ist ein Kick, um aus der Lethargie der letzten 10 Jahre zu kommen. Also genau das Gegenteil des "Durchhalten und es wird schon".

    Was Japan braucht sind mehr innovative Produkte wie der Prius und die Nintendo Wii. Es braucht junge Manager, die bereit sind neue Wege zu gehen und nicht auf eine neue Bubble hoffen. Und es braucht Politiker, die mehr bieten als einen Stammbaum.

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