Japan »Gründlich arbeiten!«

Japan steckt in der schlimmsten Wirtschaftsflaute der Nachkriegszeit und bekämpft sie mit nationalen Tugenden: Zähigkeit und Ruhe

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Hinter Daisuke Murata schaut ein Schüler von der Wand, der mit Reagenzgläsern hantiert. Das naive Ölporträt vermittelt Forschergeist. Murata kann sich nicht erinnern, wann sein Vater dieses Bild aufgehängt hat. Aber der Sohn hat hier, im kleinen Konferenzsaal seiner Firma Muratec in der Tempelstadt Kyoto, gerade zwei Stunden lang für den Erhalt des Forschergeistes gekämpft. Beziehungsweise um die letzte japanische Fabrik für Telefaxe, die seine Firma betreibt. »Wir hatten eben einen großen Streit«, sagt Murata. »Mein Manager wollte die Faxfabrik schließen. Aber ich habe ihm gesagt: Mach weiter!«

Murata trägt eine Krawatte mit Elefantenmuster. Er raucht. Seine Augen tragen Schatten, die Anstrengung des Tages steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dabei ist er mit 47 Jahren immer noch ein Jungstar unter Japans führenden Unternehmern. Mit 41 übernahm er die Firma vom Vater: eines der bekanntesten Familienunternehmen des Landes mit einem tadellosen Ruf. 4000 Angestellte, 1,5 Milliarden Dollar Umsatz.

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Muratec zählte zu den Erfindern des Faxgerätes. Die Firma ist Weltmarktführer für automatische Wickelmaschinen, wie es sie in jeder Textilfabrik gibt. Sie entwickelt gerade einen Krankenhausroboter, der beispielsweise in der Nacht die Arbeit von Krankenschwestern verrichten kann. Sie steht für ein grundsolides, hocheffizientes Japan. Aber was bleibt davon, wenn die Aufträge um 90 Prozent einbrechen? Im vergangenen März lieferte Muratec 12000 Spindelmaschinen in alle Welt, in diesem März sind es nur noch 1200.

Doch Daisuke Murata bleibt entspannt. Er klagt nicht. Ihn kann die Krise nicht überraschen. Schon vor zehn Jahren habe die japanische Industrie ihre Konkurrenzfähigkeit eingebüßt, erklärt er im teuer möblierten, ansonsten aber schmucklosen Empfangszimmer seiner Firmenzentrale. Nur dem China-Boom und der amerikanischen Finanzblase habe Japan das Wachstum der vergangenen Jahre zu verdanken. Von eigenen Verdiensten, von Innovation könne keine Rede sein.

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Aus dem Fenster schaut er auf die benachbarten Anlagen des Nintendo-Konzerns, des derzeit erfolgreichsten Videospielproduzenten der Welt. Doch auch die Nintendo-Geschichte beeindruckt Murata nicht. Japan sei zur Konsumgesellschaft verkommen, sagt er. Verbraucher und Investoren diktierten die Unternehmensentscheidungen. Das sei der amerikanische Weg, sagt Murata. Verbraucher und Investoren hätten die Abwanderung der Industrien in die Schwellenländer sorglos in Kauf genommen. Stattdessen müsse man wieder zu Hause investieren und sich auf Innovation und Spitzentechnologie konzentrieren. »Das gilt für gestern, aber das wird jetzt in der Krise noch unendlich viel wichtiger«, sagt Murata.

»Wenn hier alles sauber ist, werden wir nicht weggejagt«

Eben deshalb hat der Unternehmer sein Management heute zurückgepfiffen. Natürlich sei es für die Faxsparte seines Unternehmens einfacher, Geld zu verdienen, wenn sie nur noch in China produziere, sagt Murata. Aber er brauche die Elektronikspezialisten der Faxsparte hier in Kyoto, wo sie seinen Textilmaschinenbauern wichtige neue Ideen lieferten. »Jeder andere Textilmaschinenbauer der Welt beneidet mich um meine Faxsparte«, sagt Murata. Plötzlich spürt man seinen Eifer. Er beugt sich nach vorn, gestikuliert. Die Sache ist ihm wichtig. Murata will seinen technologischen Vorsprung verteidigen. Bitterböse spricht er von den deutschen und italienischen Textilmaschinenbauern, die ihre Technologie nach China verkauft hätten. Heute seien seine gefährlichsten Wettbewerber Chinesen mit deutscher und italienischer Technologie. »Die denken kapitalistischer als wir alle«, rügt er ihre Ruchlosigkeit.

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Wie aber kann sich seine Firma gegen die neuen Verhältnisse wehren? »Das machen, was wir am besten machen: Gründlich arbeiten!«, sagt Murata. Ein Familienunternehmen wie seines könne harte Zeiten ertragen. Er müsse keinem Investor gehorchen. Er habe 500 Arbeitern mit Zeitverträgen gekündigt. Es habe ihm wehgetan. Er sorge sich um den Zusammenhalt in der Firma. Er habe die Gehälter gekürzt: Der Vorstand bekomme 35 Prozent, das Management zehn Prozent und die Arbeiter fünf Prozent weniger.

Er gehe jetzt jeden Tag durch Büros und Fabriken. In der Krise dürfe sich der Chef nicht hinter seinem Schreibtisch verkriechen, sondern müsse sein Gesicht zeigen. Er hänge jetzt jeden neuen Auftrag, und sei er noch so unbedeutend, an die große Glocke. Damit die Leute spüren, dass es weitergehe. Er werde seine Forschungsausgaben, die je nach Sparte bei zwei bis fünf Prozent des Umsatzes liegen, nicht kürzen. Zwei Jahre könne er bei der heutigen, katastrophalen Auftragslage so durchhalten. Das schaffe weltweit kein zweites Unternehmen der Branche. »Wir werden nicht untergehen«, sagt Murata.

Draußen schneit es. Eine dünne weiße Haut überzieht Kyotos alte Tempeldächer. Unter ihnen wird Zen-Buddhismus gelehrt. Es ist die Lehre vom Leben im Hier und Jetzt. Ihr zufolge ist bei der Arbeit glücklich, wer sich ganz in der eigenen Tätigkeit verliert. »Gründlich arbeiten«, fordert Murata von sich und seinen Angestellten.

Zwei Schnellzugstunden weiter, 500 Kilometer östlich, liegt die Hauptstadt Tokyo. Zwei U-Bahn-Stationen nördlich vom Tokyoter Hauptbahnhof, im altstädtischen Armenviertel Sanya, stehen hier jeden Morgen um sechs Uhr die Obdachlosen und die Tagelöhner Schlange, denn sie wollen einen Tagesjob auf dem Bau ergattern. Das morgendliche Ritual in der Nähe der Namida-Brücke ist seit Jahrzehnten das Gleiche.

Kleinbusse der Arbeitsvermittler, die meist der Yakuza-Mafia angehören, brausen im Dunkeln heran, laden ihre Kundschaft ein und sind schnell wieder verschwunden. Aber jetzt, in der Krise, warten immer mehr Leute auf immer weniger Jobs. Sie stehen in Grüppchen vor den Getränkeautomaten auf den Bürgersteigen. Diejenigen, denen die Yakuza per SMS mitgeteilt hat, dass sie abgeholt werden, trinken warmen Dosenkaffee. Sie werden verdienen. Die keine Nachricht haben, warten und frieren. Sie rempeln und schnauzen nicht, sie gedulden sich.

»Es gibt gute und schlechte Zeiten. Jetzt sind sie ganz schlecht«, sagt der ehemalige Bahnarbeiter Nomoe Seichi. Er trägt einen blauen Anorak und Khakihosen. Er hat seinen Atemschutz herabgestreift, um sich verständlich machen zu können. Er erzählt, dass die Jungen heute in der sozialen Hierarchie über den Alten stünden. Deshalb finde er mit 58 Jahren nirgendwo mehr einen festen Job. Sozialhilfe gebe es in Japan nicht. Aber die Familie hänge immer noch von ihm ab. Da bleibe ihm nur das tägliche Anheuern bei der Yakuza. In diesem Moment surrt sein Handy. Er hat eine Nachricht bekommen: Arbeit für einen Tag. »Ich habe mir das Klempnern selbst beigebracht. Man muss eben gut sein«, sagt Seichi, lächelt und verschwindet in einer Seitengasse, wo jetzt ein Bus auf ihn wartet.

Auch der Tagelöhner Seichi beherzigt offenbar die buddhistische Moral. Er lässt sich von der neuen sozialen Hierarchie nicht anfechten. Für ihn zählt, wie gut er seine Sache verrichtet. So geht er trotz aller Ungewissheit in der Krise mit einem Lächeln zur Arbeit.

Ganz unten in der Hierarchie der japanischen Gesellschaft steht Ohara Shigeaki. Er trägt im kalten Winter einen dünnen Trainingsanzug, Sandalen und statt eines Schals ein Handtuch um den Hals. Er hat keine Familie mehr und kein Zuhause. Er geht nur noch durch Straßen und Parks, um Getränkedosen zu sammeln, und lebt mit anderen Obdachlosen in blauen Zelten unter einer Autobahnüberführung in Sanya. Über ihm brausen die Autos in Richtung Flughafen Narita. Unten hat Ohara an diesem Morgen Zelt, Futon und Küchengeräte ordentlich zusammengeräumt.

Er und seine Zeltgenossen erwarten die allmonatliche Inspektion der städtischen Behörden. »Sie sagen uns: ‚Lungert nicht herum! Geht arbeiten!’ Aber wenn alles sauber ist, werden wir nicht weggejagt«, sagt Ohara. So lebe er seit fünf Jahren unter der Autobahnbrücke. Vorher habe er 26 Jahre lang für eine Spedition gearbeitet. »Ich will in mein normales Leben zurück«, sagt Ohara. Aber er habe die Arbeitssuche aufgegeben. Er sei 55 Jahre alt. Ab 50 sei die Suche sinnlos.

Trotzdem hat Ohara jeden Tag viel zu tun. Er verantwortet das Dosensammeln der Zeltbewohner. Jeden Morgen um drei Uhr gehen sie los, jeder auf seiner Strecke, meist zu dritt. Zehn Stunden sind sie unterwegs. Im Durchschnitt schafft es jeder, an einem Tag zehn Kilo Dosen zu sammeln. Ohara zeigt auf das Werk der letzten Nacht: zwei riesige durchsichtige Plastiksäcke voller Aluminium. Sie müssen noch gewogen und verkauft werden. »Wahrscheinlich sind es nur 15 Kilo. Wir mussten heute früher aufhören, wegen der Inspektion«, sagt Ohara. Für die zwei Säcke bekämen sie derzeit nicht viel mehr als 500 Yen, umgerechnet vier Euro. Denn der Kilopreis fürs Aluminium, den die Stadtverwaltung zahle, liege bei 35 Yen, umgerechnet 28 Cent. Im August, während der Olympischen Spiele in Peking, habe er noch bei 160 Yen, umgerechnet 1,30 Euro, gelegen. Deshalb würde die Wirtschaftskrise auch sie betreffen. »Solange es der Wirtschaft in den USA gut ging, konnte China viel an die USA verkaufen und nahm deshalb unsere Dosen ab. Da war der Preis hoch«, sagt Ohara. Aber jetzt wollten die Amerikaner ja nicht einmal mehr Toyota-Autos kaufen. »Sogar Toyota hat kein Geld mehr. Da trifft es natürlich auch uns«, sagt Ohara.

Seine Erklärung entspricht durchaus der ökonomischen Realität. Nur dass die chinesische Aluminiumnachfrage nicht so sehr aufgrund des Zusammenbruchs der chinesischen Exporte in die USA einbrach, sondern eher wegen des Kollapses der chinesischen Bauwirtschaft, die zuletzt besonders viel Aluminium verbrauchte. Aber das ist ein Detail, darüber lässt Ohara Shigeaki mit sich reden.

Sehr viel interessanter ist hingegen, wie er sich trotz seiner sozialen Randstellung als Teilnehmer des Weltmarktgeschehens empfindet. Deshalb klagt er auch nicht. Er verzichtet in der Krise auf neue Ansprüche an Behörden und Regierung. Sie seien sowieso unrealistisch, sagt Ohara. Lediglich die kleinen Parteien, die Buddhisten und die Kommunisten, würden sich in Japan ernsthaft für eine Erhöhung der Sozialausgaben einsetzen. Auf sie könne man allerdings nicht zählen. Stattdessen hoffe er lieber auf eine Wiederbelebung der Weltwirtschaft. Dann würde auch der Aluminiumpreis wieder steigen.

Am nächsten Morgen wird Ohara wieder um drei Uhr morgens aufstehen. Er wird erneut seinen Weg machen und dabei gründlich jeden Papierkorb und jede Mülltonne nach verwertbaren Dosen absuchen. Ohara wird weiter das machen, was er unter seinen Umständen am besten kann. So ähnlich, wie es der Firmenchef Murata in seiner Firma macht.

Die Zahl der Einwohner sinkt, der Staat ist hoch verschuldet

Wo hoch angesehene Unternehmensführer und ausgestoßene Obdachlose jeweils auf ihre Art klaglos und arbeitsam auf die Krise reagieren, erklärt sich vielleicht auch, warum die Politik in Japan so wenig zu tun hat. Und warum die übliche Schelte, die japanische Regierung handle in der Krise zu passiv, vermutlich ziemlich überflüssig ist.

Gerade mal eine Viertelstunde Fahrt von Oharas Autobahnbrücke entfernt, steht das Steingebäude der japanischen Zentralbank, errichtet im Jahr 1896. Es ist eines der wenigen vom Weltkrieg verschonten Wahrzeichen der Meiji-Reformära (1868 bis 1912), jenem Zeitalter, in dem sich Japan erstmals für Weltmarkt und Weltpolitik öffnete.

Wer das Gebäude betritt, merkt gleich, dass die Uhren in Japan anders ticken. Es gibt keine Sicherheitskontrolle, niemand überprüft die Pässe. Man sagt bloß seinen Namen, erhält einen Besucherausweis und betritt ohne Begleitung den Fahrstuhl. Schnell erreicht man die im dunklen Mahagoniholz vertäfelte neunte Etage, auf der sich einmal im Monat der japanische Zentralbankrat trifft.

Hier Kiyoto Ido, leitender Direktor dieser Institution und ihr höchster Beamter, hauptsächlich für internationale Finanzpolitik bei der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt zuständig. Es ist Montag, neun Uhr morgens, Idos erster Termin in der Woche. Man serviert grünen Tee. Ido streckt Arme und Beine.

Vor ein oder zwei Jahrzehnten wäre es noch unvorstellbar gewesen, dass sich einer wie er mit einem einzigen Telefonanruf zum Gespräch mit einem westlichen Reporter verabredet. Japans hohe Finanzbürokratie war eine Welt für sich. Als Anfang der neunziger Jahre die große Tokyoter Aktien- und Immobilienblase platzte, igelte man sich erst recht ein. Ratschläge des Westens wies man ab. So dauerte es zehn Jahre, bis Japan seine bankrotten Banken nationalisierte und den Problemen auf den Grund ging. Aber man hat daraus gelernt.

Die Zentralbank ist weitaus unabhängiger und zugleich transparenter geworden. Ido lacht. Früher hätte der Westen Japan belehrt, dass es zu spät und zu vorsichtig auf die Bankenkrise reagiere. Heute fahre er mit der Botschaft nach Washington, der Westen mache zu wenig und das zu spät.

Doch natürlich ist er, was die gegenwärtige Lage betrifft, nicht zu Späßen aufgelegt. Man erfährt von ihm, wie dramatisch die westliche Finanzkrise auf die japanische Wirtschaft zurückschlägt. Die beiden großen Wachstumsmotoren Japans stottern: Investition und Exporte. Gerade die Vorzeigebranchen Automobil, Informationstechnologie und Maschinenbau leiden. Der Schaden ist groß, die Firmen müssen zahlreiche Angestellte entlassen. Japans makroökonomische Zahlen sind derzeit die schlechtesten von allen Industrieländern.

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Tokyo: Ein Obdachloser geht mit seiner Matratze unter blühenden Kirschbäumen entlang

Das liegt auch daran, dass in Japan an ein Wirtschaftswachstum aus eigener Kraft nicht mehr zu denken ist. Die Zahl der Einwohner sinkt, der Staat ist hoch verschuldet, die Zinsen befinden sich seit Langem auf niedrigstem Niveau. Das setzt allen möglichen Konjunkturmaßnahmen der Regierung einen engen Rahmen. Ido hofft auf die Weltwirtschaft, auf China mehr als auf die USA. »Ich erwarte gute Auswirkungen von dem chinesischen Konjunkturpaket«, sagt er.

Japan steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn Kiyoto Ido trotzdem keine Katastrophenszenarien heraufbeschwört, dann hat das andere Gründe; finanzielle Gründe.

Japan ist liquide. Als einziges G7-Land hat es dem Internationalen Währungsfonds kürzlich 100 Milliarden Dollar überwiesen – in weiser Voraussicht, weil davon auszugehen war, dass man das Geld für Krisen in Osteuropa und in den Entwicklungsländern benötigt. Zudem zapft das Land seine Devisenreserven an, um anderen Ländern in Asien, aber auch den eigenen Firmen im Ausland zu helfen. Toyota werden so von der Japanischen Bank für Internationale Zusammenarbeit zwei Milliarden Dollar geliehen.

Zugleich zeigt sich: Auch wenn die niedrigen Aktienkurse derzeit die Kapitalbasis vieler japanischer Banken schmälern – das System ist gesund. Anders als derzeit in den Vereinigten Staaten und in Europa funktioniert das wichtige Geschäft zwischen den Finanzhäusern. Die Banken vertrauen sich gegenseitig. Das verschafft ihren Kunden, den Unternehmen, die nötige Flexibilität, um auf die Krise zu reagieren.

Die derzeitigen Massenentlassungen halten viele Ökonomen ohnehin für überfällig. Sie waren in den guten Zeiten lediglich politisch nicht durchsetzbar. Arbeitslosigkeit aber ist für Japan langfristig gesehen das geringste Problem, es ist eher andersherum: Die Bevölkerung geht stark zurück, sodass sich sowohl der Zentralbank-Lenker Ido wie auch Muratec-Chef Murata eine Öffnung des japanischen Arbeitsmarktes für Immigranten wünschen. Sie glauben, dass Japan mit anderen Mitteln das Niveau seiner Industrieproduktion nicht halten kann.

Viele langfristige Prognosen für Japan sehen gar nicht mal so schlecht aus: Laut Informationen der Europäischen Handelskammer in Peking wird Asien seinen Anteil an der weltweiten Industrieproduktion bis zum Jahr 2020 von etwa 30 auf dann 35 Prozent steigern können. Japans Anteil daran – derzeit beträgt er ungefähr die Hälfte – wird sich zwar verringern, nicht aber der Wert seiner Industrieprodukte. Das liegt vor allem an den vielen hochwertigen Komponenten, die Japan nach China liefert. Gemessen an der Deindustrialisierung, die derzeit den Westen bedroht, sind das jedenfalls beinahe schon rosige Aussichten.

Doch bis es wieder merklich bergauf geht, muss Japan noch viel ertragen. Unternehmenschef Murata spürt das sehr deutlich. In China und Indien hatte er bisher seine größten Kunden. Mittlerweile kommt von dort kein einziger Auftrag mehr herein. Dennoch bewahrt Murat Ruhe. Bei der Verabschiedung steht er vor der Glastür seiner Zentrale im Freien und verbeugt sich. Er schaut dem Wagen seines Gastes nach. Er verbeugt sich ein zweites Mal, als das Auto das Firmengeländ erlässt. Er verbeugt sich ein drittes Mal, als das Auto nach eine langen Wartephase vor der roten Ampel die nahe Kreuzung überquert.

Erst jetzt dreht sich Murata um. Es schneit immer noch. Man weiß in diesem Moment, dass Japan die Geduld und Mühe aufbringen wird, auch diese Krise zu überwinden.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ich lese: 2 Hochgeschwindigkeitszugstunden = 500 KM muss ich schmunzeln.

    Japan hat offensichtlich sehr viel Zeit und Geld in die Entwicklung einer energieeffizienten Infrstruktur investiert. Auf Deutschland übertragen würde es bedeuten, dass ich jede Stadt in Deutschland innerhalb von 4 Stunden (=1000km) mit dem Zug erreichen könnte. Das ist utopisch.

    Dieser Sachverhalt wirft ein Licht auf den wahren Wohlstand einer Nation:

    Der Zustand des öffentlichen Raums, wie der Autobahnen und der Zugverbindungen, den Ausbildungsgrad der Bevölkerung, das Alter, der Gesundheitszustand, usw.

    Wenn wir über Japan und seine Schulden reden, so muss erwähnt werden, dass diese Schulden bei der eigenen Bevölkerung aufgenommen wurden. Es sind keine Verpflichtungen gegenüber anderen Ländern. Oder prägnant. Die Japaner haben mehr "Steuern" bezahlt in dem Sie dem Staat ihr Geld kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Das Geld wurde in Schinen und Infrastruktur investiert.

    Bei uns hat man das GEld in Lehmanzertifikate angelegt und damit die Villen und Yachtendichte in St. Tropez erhöht und nicht den öffentlichen Sektor weiter ausgebaut. Die Frage ist nicht ob der Topmanager 100000 MIo € verdient - sondern was man mit dem GEld anfängt. Wenn davon Forschung und Kindererziehung unterstützt werden, zinslos oder sogar gespendet - dann ist da s SUPER - wenn davon aber 4 Porsches, 100 Waffen, 10 Yachten und 5 Villen gebaut werden, halte ich es für DUMM.

    Trotzdem hat auch Japan enorme Probleme: in einer Welt in der Maschinen immer mehr Arbeit erledigen, wird immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt. Aber ist dann der Mensch, der eben unten in der Gesellschaft steht nichts mehr Wert? Sicherlich, er wird nicht mehr "benötigt" - so wie irgendwann fast jede Form der physischen Arbeit überflüssig werden wird.

    Auf diesen Schritt ist die japansiche Gesellschaft, genauso wie die USA, nicht vorbereitet. Die "harte Arbeit" steht im Zentrum der Gesellschaft - nicht das "angeneheme und kollektiv ausgeglichene" Leben. Dabei arbeiten wir um angenehm zu leben und leben nicht um angenehm zu arbeiten. Aber genau auf dieses Ziel arbeitet wir Menschheit hin - dass eines Tages kein Mensch mehr Arbeiten muss um leben zu können. Jede Maschine, jeder Roboter ist ein solcher Schritt. Nur müssen wir eben die systemischen Auswirkungen unseres Handelns erkennen und das unsere Gesellschaft die Armen entschädigen muss, die ihrer einfachen "Arbeit" beraubt wurden.

    Denn die Lösung kann nicht sein, dass die Armen nicht mehr leben dürfen. Das würde nämlich auch den Konsum einbrechen lassen und weitere Menschen würden arbeitslos werden. Außedem welches Menschenbild läge einer solchen Haltung zugrunde? Aber genau auf diese Frage steuert die Welt zu und jede Gesellschaft muss darauf eine Antwort finden. Hartz IV ist nicht schön und muss verbessert werden. Aber es ist besser als alles was die jap. oder US Gesellschaft bietet.

    Trotzdem kann man bei belieben Dosen einsammeln und recyceln - ich halte es für eine sinnvolle Arbeit zum Schutz der Umwelt. Aber nicht als Zwang für den Rand der Gesellschaft.

    • mkill
    • 16.03.2009 um 5:56 Uhr

    Der Artikel gibt die Stimmung, die ich hier selbst in Tokyo erlebe, gut wieder. Man merkt, dass der Autor seit Jahren hier lebt. Deswegen danke dafür.

    Die Einstellung "Japan's Fundamentaldaten sind gut, es muss nur die Krise durchhalten" ist aber auch nicht ungefährlich. Das Land ist hoch verschuldet, und ewig kann es auch nicht weiter bei den eigenen Leuten Kredit aufnehmen.

    Womit ich gar nicht übereinstimmen kann ist, die japanische Politik aus der Schuld zu entlassen, nach dem Motto "es passiert zwar nichts, aber das ist nicht so schlimm". Nach Koizumis Abgang befindet sich die LDP im freien Fall, und hat nach jetziger Prognose nicht den Hauch einer Chance, die nächste Wahl zu gewinnen. Das wäre in einer funktionierenden Mehrparteiendemokratie nicht weiter tragisch, nur leider regiert die LDP seit den 50ern fast ununterbrochen, und das einzige Mal, dass die Partei den festen Griff auf die Macht verloren hat, ist 1993, auf dem Höhepunkt der letzten Krise gewesen. Ob die DPJ, die möglicherweise das Ruder übernimmt, den Job besser machen wird weiß leider keiner so recht.

    Was das Land dringend braucht ist ein Kick, um aus der Lethargie der letzten 10 Jahre zu kommen. Also genau das Gegenteil des "Durchhalten und es wird schon".

    Was Japan braucht sind mehr innovative Produkte wie der Prius und die Nintendo Wii. Es braucht junge Manager, die bereit sind neue Wege zu gehen und nicht auf eine neue Bubble hoffen. Und es braucht Politiker, die mehr bieten als einen Stammbaum.

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