Japan »Gründlich arbeiten!«Seite 5/5

Japan ist liquide. Als einziges G7-Land hat es dem Internationalen Währungsfonds kürzlich 100 Milliarden Dollar überwiesen – in weiser Voraussicht, weil davon auszugehen war, dass man das Geld für Krisen in Osteuropa und in den Entwicklungsländern benötigt. Zudem zapft das Land seine Devisenreserven an, um anderen Ländern in Asien, aber auch den eigenen Firmen im Ausland zu helfen. Toyota werden so von der Japanischen Bank für Internationale Zusammenarbeit zwei Milliarden Dollar geliehen.

Zugleich zeigt sich: Auch wenn die niedrigen Aktienkurse derzeit die Kapitalbasis vieler japanischer Banken schmälern – das System ist gesund. Anders als derzeit in den Vereinigten Staaten und in Europa funktioniert das wichtige Geschäft zwischen den Finanzhäusern. Die Banken vertrauen sich gegenseitig. Das verschafft ihren Kunden, den Unternehmen, die nötige Flexibilität, um auf die Krise zu reagieren.

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Die derzeitigen Massenentlassungen halten viele Ökonomen ohnehin für überfällig. Sie waren in den guten Zeiten lediglich politisch nicht durchsetzbar. Arbeitslosigkeit aber ist für Japan langfristig gesehen das geringste Problem, es ist eher andersherum: Die Bevölkerung geht stark zurück, sodass sich sowohl der Zentralbank-Lenker Ido wie auch Muratec-Chef Murata eine Öffnung des japanischen Arbeitsmarktes für Immigranten wünschen. Sie glauben, dass Japan mit anderen Mitteln das Niveau seiner Industrieproduktion nicht halten kann.

Viele langfristige Prognosen für Japan sehen gar nicht mal so schlecht aus: Laut Informationen der Europäischen Handelskammer in Peking wird Asien seinen Anteil an der weltweiten Industrieproduktion bis zum Jahr 2020 von etwa 30 auf dann 35 Prozent steigern können. Japans Anteil daran – derzeit beträgt er ungefähr die Hälfte – wird sich zwar verringern, nicht aber der Wert seiner Industrieprodukte. Das liegt vor allem an den vielen hochwertigen Komponenten, die Japan nach China liefert. Gemessen an der Deindustrialisierung, die derzeit den Westen bedroht, sind das jedenfalls beinahe schon rosige Aussichten.

Doch bis es wieder merklich bergauf geht, muss Japan noch viel ertragen. Unternehmenschef Murata spürt das sehr deutlich. In China und Indien hatte er bisher seine größten Kunden. Mittlerweile kommt von dort kein einziger Auftrag mehr herein. Dennoch bewahrt Murat Ruhe. Bei der Verabschiedung steht er vor der Glastür seiner Zentrale im Freien und verbeugt sich. Er schaut dem Wagen seines Gastes nach. Er verbeugt sich ein zweites Mal, als das Auto das Firmengeländ erlässt. Er verbeugt sich ein drittes Mal, als das Auto nach eine langen Wartephase vor der roten Ampel die nahe Kreuzung überquert.

Erst jetzt dreht sich Murata um. Es schneit immer noch. Man weiß in diesem Moment, dass Japan die Geduld und Mühe aufbringen wird, auch diese Krise zu überwinden.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ich lese: 2 Hochgeschwindigkeitszugstunden = 500 KM muss ich schmunzeln.

    Japan hat offensichtlich sehr viel Zeit und Geld in die Entwicklung einer energieeffizienten Infrstruktur investiert. Auf Deutschland übertragen würde es bedeuten, dass ich jede Stadt in Deutschland innerhalb von 4 Stunden (=1000km) mit dem Zug erreichen könnte. Das ist utopisch.

    Dieser Sachverhalt wirft ein Licht auf den wahren Wohlstand einer Nation:

    Der Zustand des öffentlichen Raums, wie der Autobahnen und der Zugverbindungen, den Ausbildungsgrad der Bevölkerung, das Alter, der Gesundheitszustand, usw.

    Wenn wir über Japan und seine Schulden reden, so muss erwähnt werden, dass diese Schulden bei der eigenen Bevölkerung aufgenommen wurden. Es sind keine Verpflichtungen gegenüber anderen Ländern. Oder prägnant. Die Japaner haben mehr "Steuern" bezahlt in dem Sie dem Staat ihr Geld kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Das Geld wurde in Schinen und Infrastruktur investiert.

    Bei uns hat man das GEld in Lehmanzertifikate angelegt und damit die Villen und Yachtendichte in St. Tropez erhöht und nicht den öffentlichen Sektor weiter ausgebaut. Die Frage ist nicht ob der Topmanager 100000 MIo € verdient - sondern was man mit dem GEld anfängt. Wenn davon Forschung und Kindererziehung unterstützt werden, zinslos oder sogar gespendet - dann ist da s SUPER - wenn davon aber 4 Porsches, 100 Waffen, 10 Yachten und 5 Villen gebaut werden, halte ich es für DUMM.

    Trotzdem hat auch Japan enorme Probleme: in einer Welt in der Maschinen immer mehr Arbeit erledigen, wird immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt. Aber ist dann der Mensch, der eben unten in der Gesellschaft steht nichts mehr Wert? Sicherlich, er wird nicht mehr "benötigt" - so wie irgendwann fast jede Form der physischen Arbeit überflüssig werden wird.

    Auf diesen Schritt ist die japansiche Gesellschaft, genauso wie die USA, nicht vorbereitet. Die "harte Arbeit" steht im Zentrum der Gesellschaft - nicht das "angeneheme und kollektiv ausgeglichene" Leben. Dabei arbeiten wir um angenehm zu leben und leben nicht um angenehm zu arbeiten. Aber genau auf dieses Ziel arbeitet wir Menschheit hin - dass eines Tages kein Mensch mehr Arbeiten muss um leben zu können. Jede Maschine, jeder Roboter ist ein solcher Schritt. Nur müssen wir eben die systemischen Auswirkungen unseres Handelns erkennen und das unsere Gesellschaft die Armen entschädigen muss, die ihrer einfachen "Arbeit" beraubt wurden.

    Denn die Lösung kann nicht sein, dass die Armen nicht mehr leben dürfen. Das würde nämlich auch den Konsum einbrechen lassen und weitere Menschen würden arbeitslos werden. Außedem welches Menschenbild läge einer solchen Haltung zugrunde? Aber genau auf diese Frage steuert die Welt zu und jede Gesellschaft muss darauf eine Antwort finden. Hartz IV ist nicht schön und muss verbessert werden. Aber es ist besser als alles was die jap. oder US Gesellschaft bietet.

    Trotzdem kann man bei belieben Dosen einsammeln und recyceln - ich halte es für eine sinnvolle Arbeit zum Schutz der Umwelt. Aber nicht als Zwang für den Rand der Gesellschaft.

    • mkill
    • 16.03.2009 um 5:56 Uhr

    Der Artikel gibt die Stimmung, die ich hier selbst in Tokyo erlebe, gut wieder. Man merkt, dass der Autor seit Jahren hier lebt. Deswegen danke dafür.

    Die Einstellung "Japan's Fundamentaldaten sind gut, es muss nur die Krise durchhalten" ist aber auch nicht ungefährlich. Das Land ist hoch verschuldet, und ewig kann es auch nicht weiter bei den eigenen Leuten Kredit aufnehmen.

    Womit ich gar nicht übereinstimmen kann ist, die japanische Politik aus der Schuld zu entlassen, nach dem Motto "es passiert zwar nichts, aber das ist nicht so schlimm". Nach Koizumis Abgang befindet sich die LDP im freien Fall, und hat nach jetziger Prognose nicht den Hauch einer Chance, die nächste Wahl zu gewinnen. Das wäre in einer funktionierenden Mehrparteiendemokratie nicht weiter tragisch, nur leider regiert die LDP seit den 50ern fast ununterbrochen, und das einzige Mal, dass die Partei den festen Griff auf die Macht verloren hat, ist 1993, auf dem Höhepunkt der letzten Krise gewesen. Ob die DPJ, die möglicherweise das Ruder übernimmt, den Job besser machen wird weiß leider keiner so recht.

    Was das Land dringend braucht ist ein Kick, um aus der Lethargie der letzten 10 Jahre zu kommen. Also genau das Gegenteil des "Durchhalten und es wird schon".

    Was Japan braucht sind mehr innovative Produkte wie der Prius und die Nintendo Wii. Es braucht junge Manager, die bereit sind neue Wege zu gehen und nicht auf eine neue Bubble hoffen. Und es braucht Politiker, die mehr bieten als einen Stammbaum.

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