KINDER- UND JUGENDBUCH Mit Papa Vogel sein

David Almonds bezaubernde Liebeserklärung an einen ziemlich verrückten Vater

E

s sind seltsame mystische Kreaturen, die manche der Geschichten des britischen Autors David Almond bevölkern: verträumte, geflügelte Wesen, märchenhaft und real zugleich. Und sie brauchen Hilfe, die sie von starken, großherzigen Kindern bekommen, literarische Figuren von großer Ausstrahlung, mit denen sich die kleinen Leser gerne identifizieren.

Hier ist es Lissie, die sich seit dem Tod ihrer Mutter für ihren Vater verantwortlich fühlt. Sie hat sich daran gewöhnt, dass ihr Papa ein Traumtänzer ist und sie auf ihn aufpassen muss. Morgens macht sie ganz allein das Frühstück und scheucht ihn aus dem Bett, und bevor sie zur Schule geht, ermahnt sie ihn streng: »Ich möchte, dass du heute duschst, dich rasierst und ordentlich anziehst.« Und wie ein kleiner Junge verspricht er ihr alles. Aber als er ihr mit leuchtenden Augen erzählt, dass er Fliegen üben will, während sie in der Schule ist, weil er sich für den großen Menschenvogel-Flugwettbewerb am nächsten Sonntag anmelden will, macht sie sich Sorgen und kehrt auf dem Weg zur Schule nach Hause zurück. Sie weiß, dass ihr Lehrer nicht böse ist. »Herr Minz ist ein netter Mann, er versteht, dass ich manchmal zu Hause bleiben muss.«

Dass ihr Vater sich in der letzten Zeit mit etwas Geheimem beschäftigte, hatte Lissie schon geahnt, aber als sie nun seine Flügel sieht, die er sich aus Federn, Schnüren und Drähten gebaut hat, ist sie doch beeindruckt. »Sie seufzte mit ihm über die große Schönheit der Federn und Flügel. Ihr Papa hatte schon immer geschickte Hände gehabt. Schon immer hatte er Sachen für sie gebastelt, aber diese Flügel hier waren etwas ganz Anderes, etwas Ungewöhnliches, etwas Wundervolles.«

Lissie glaubt zwar nicht, dass er damit fliegen kann, und versucht ihm seinen gefährlichen Traum auszureden, aber dann platzt die dicke Tante Doreen ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Im Gegensatz zu Lissies Papa steht sie mit beiden Beinen auf der Erde, glaubt an Ordnung und deftige Mehlklöße, und von Vogelmenschen und Flugwettbewerben hält sie rein gar nichts.

Doch als sie Lissies Papa beschimpft und das Mädchen wegen des verrückten Vaters bedauert, ja, sie sogar mitnehmen will, da siegt Lissies Liebe zu ihrem Papa über ihre Zweifel an seinem Verhalten, und sie beschließt, sein Vogelspiel mitzuspielen. Gemeinsam bauen sie Flügel auch für Lissie, Schnäbel, Kämme, ja sogar ein Vogelnest zum Ausruhen.

Vor der Konkurrenz im Wettbewerb, dem Stabhochspringer aus Smolensk, dem Trapezmädchen aus Malta, den Gleitfliegern, Katapulten und Fallschirmen fürchten sie sich nicht. Schließlich haben sie ihre wundervollen Flügel, ihr Selbstvertrauen, und sie haben einander. Dass die beiden dann gemeinsam mit einem gewaltigen Platsch im Fluss landen, macht fast gar nichts, denn schließlich hatten sie eine Menge Spaß gehabt, und nach dem großen Abenteuer schmecken sogar Tante Doreens Mehlklöße.

Der heitere Schluss dieser bewegenden Liebeserklärung eines Kindes an seinen Vater macht froh, zumal hier mit der hübschen Ausstattung und den fröhlichen Bildern der englischen Illustratorin Polly Dunbar ein besonders schönes Buch gelungen ist.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Jugendbuch | Recht | Malta | Vogel | Literatur | MIT | Schule | Smolensk
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