KINDER- UND JUGENDBUCH »Lieber Onkel Richie, hier läuft es ziemlich gut«

Zweimal Nahost: Ein bewegender Roman über den Krieg im Irak. Und der missglückte Versuch, die Geschichte eines Selbstmordattentats zu erzählen

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ie erste Seite dieses Buches zeigt eine Landkarte, Kuwait, der Irak und die Nachbarländer. Viele Namen sind uns geläufig: Basra, Nadschaf, Kerbela, Falludscha, Tikrit… Von Kuwait aus fahren wir nach Norden, in den Irak, in den Krieg im Jahr 2003. Wir sind »eingebettet«, begleiten eine Einheit der US-Armee für Civil Affairs, als Nachhut der angreifenden Verbände zuständig für diverse technische Aufgaben und für den Kontakt zur Bevölkerung. Der junge Soldat Robin Perry ist unser Erzähler, und Major Spring Sessions begrüßt uns im Camp Doha in Kuwait: »Ich bin sicher, wir werden gut miteinander auskommen und die Armee stolz auf uns machen.«

In den USA ist der Afroamerikaner Walter Dean Myers, geboren 1937, aufgewachsen in Harlem, ein bekannter Jugendbuchautor. Mit seinem Roman Fallen Angels näherte er sich 1988 dem Trauma des Vietnamkrieges. In seinem Roman Himmel über Falludscha beschäftigt er sich mit dem Irakkrieg und den Erfahrungen der amerikanischen Soldaten. Dabei setzt Myers konsequent auf eine einfache erzählerische Linie, kunstlos, der Reportage verwandt. Wir lesen den Erlebnisbericht des Soldaten Robin Perry, nur hin und wieder unterbrochen von seinen Briefen und E-Mails an die Eltern und an seinen Onkel, den Vietnamveteranen: »Lieber Onkel Richie, hier läuft es ziemlich gut.«

Zunächst läuft es auch gut – in Doha, in Kuwait. Hier gibt es den Krieg nur auf der Leinwand. Im Armeekino läuft ein Film über Iraks Diktator Saddam Hussein, am Ende zeigen die Bilder kurdische Iraker, die durch Gas ermordet worden waren: »Ich wollte diese toten Menschen nicht da liegen sehen. Ich versuchte, darüber wütend zu werden, aber ich bekam nur Angst.« Noch spekuliert man in der angespannten und hochgerüsteten Militäridylle, ob Saddam Hussein nicht doch noch einen Rückzieher machen wird. Aber dann kommt der Marschbefehl, ein endloser Konvoi fährt in die Wüste.

Für Robin, der sich nach dem 11. September freiwillig zur Armee gemeldet hatte, beginnt der Weg der Desillusionierung; der Krieg wird ihm Bilder in den Kopf setzen, die er nie mehr loswerden wird.

Mit Robins Nachhut-Einheit lernen wir den Krieg aus besonderer Perspektive kennen: nach der Schlacht, nach dem Bombardement, der Zerstörung. Wir sehen, was die Kämpfe angerichtet haben. Die Wege führen in Krankenhäuser und Leichenhallen. Robin spürt, wie der Krieg in ihn hineinkriecht, mit seinen Gerüchen und Geräuschen. Nie lässt die Anspannung nach. Eine Hausdurchsuchung kann plötzlich in eine Schießerei umschlagen. Immer ist die Ruhe nur scheinbar. »Du gehst raus und Du siehst Leute beim Einkaufen. Frauen, die Zwiebeln und Brot kaufen; Leute, die Kaffee trinken. Und am Ende der Straße wird jemand in die Luft gejagt.« Robin beobachtet sich: »Ich war bereit, Menschen zu töten, die ich nie zuvor gesehen hatte, mit denen ich keinen Streit hatte und die mir möglicherweise gar nichts antun wollten. Aber ich hatte Angst – und deshalb war ich bereit zu töten.«

So fügen sich in Myers’ Roman Ereignisse und Selbstreflexion schlüssig zu einer spannenden Erzählung. Und auch die dramatischen Momente und die Schlusssequenz in der Manier eines Showdowns wirken keineswegs aufgesetzt.

Ganz am Ende steht ein Brief an den Onkel, den Robin aber nicht abschicken will: »Onkel Richie, ich war wütend auf Dich, als Du nicht über Vietnam sprechen wolltest.« Jetzt versteht Robin das Schweigen des Onkels. Und es geht ihm ebenso: Robin spürt, dass er seine Erfahrungen in sich einzuschließen beginnt. Wenn er einst Kinder haben wird, dann aber will er ihnen genug erzählen, »damit sie begreifen, was Krieg bedeutet«. Myers’ Buch ist der beachtliche Versuch, ebendies zu tun.

Ein weiterer Versuch, unmittelbare Zeitgeschichte im Roman zu verarbeiten, stammt von der israelischen Autorin Tamar Verete-Zehavi. Thema des Buches ist das Selbstmordattentat einer jungen Palästinenserin in einem Supermarkt in Jerusalem, bei dem diese eine fast gleichaltrige Israelin mit in den Tod riss. 2002 geschah die Tat, unweit der Wohnung der Autorin.

Verete-Zehavi weicht bewusst von einer Dokumentation der Ereignisse ab und schafft sich ihr eigenes Figurenensemble. Ella nennt sie eine Freundin der getöteten Israelin, die das Attentat miterlebt und nun mit ihren Verletzungen im Krankenhaus liegt. Sie ist die Erzählerin, mit der wir den fassungslosen Schrecken teilen und vielleicht einige Schritte darüber hinaus finden sollen.

Aftershock heißt der Roman – bei einer Übersetzung aus dem Hebräischen ins Deutsche eine unglückliche Lösung und leider ein schlechtes Vorzeichen. Tamar Verete-Zehavi scheitert mit ihrem Versuch, das Nachbeben der mörderischen Explosion zu erkunden. Die Figuren, die sie um Ella gruppiert, bleiben seltsam blass und ohne Eigenleben. Maher, ein junger Araber, den Ella im Krankenhaus kennenlernt, ist eine zu gewollte Figur, die irgendwann und irgendwie den Blick auf ein gegenseitiges Verstehen lenken soll.

Der Geschichte fehlt der eigene Ton, in die Dialoge mischen sich immer wieder Belanglosigkeiten und Wiederholungen. Einige wenige Szenen lassen zwar die Möglichkeiten des erzählerischen Konzepts erahnen. Aber nie findet die Erzählung zu der Konzentration, die gerade bei diesem Thema nötig gewesen wäre. Schade, sehr schade.

 
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