KINDER- UND JUGENDBUCH Paris, Afrika
Marie-Florence Ehrets Roman zeigt eindrucksvoll, wie Welten zusammenwachsen
N
ein, Fanta wird nicht mit ihrer Mutter Delphine nach Paris fliegen. Die Elfjährige bleibt bei ihrer Großmutter, den Onkeln, Tanten und Cousinen. Die leben in Nanou, einem Dorf in Burkina Faso, das eines der ärmsten Länder der Welt ist. Fanta fühlt sich bei ihnen geborgen. Und Delphine, die wie Hunderttausende von Emigrantinnen in Paris als Putzfrau und Kindermädchen in einer weißen französischen Familie arbeitet, finanziert ihrer aller Überleben. Wenn es auch wehtut, die beiden Töchter zurückzulassen, weiß sie doch, dass man hier auf sie aufpassen wird. Die Plackerei der Mutter und die umsichtige Autorität der Großmutter garantieren voraussichtlich noch ein paar ruhige Jahre des sich nur behäbig ändernden Dorflebens. Danach werden die großen Entscheidungen fallen – nicht nur für Fanta, auch für das Dorf, für Burkina Faso, für Afrika.
Vom nachdenklichen Mädchen Fanta zur Weltpolitik, das ist in dem Kinderbuch der französischen Autorin Marie-Florence Ehret ein bewundernswert kleiner Schritt. Unaufdringlich, aber konsequent behält sie die Zusammenhänge zwischen den Alltagssorgen der Leute von Nanou und den weltweiten Veränderungen im Blick.
Da gibt es zum Beispiel »die Reinigung«, ein geheimnisvoll Respekt erheischendes Ritual, das den Müttern, Frauen und Mädchen im Dorf ein Gefühl der Zugehörigkeit gibt – und hinter dem sich nichts anderes verbirgt als die Beschneidung. Der politisch indoktrinierte Lehrer belehrt die Dorfbewohner, dass dieses grausige Ritual gesetzlich verboten ist. Fantas Großmutter hat ihre Tochter nicht beschneiden lassen und weiß auch ihre Enkeltöchter zu schützen. Ein mühsam hergestelltes Handygespräch mit Delphine schafft – wie so oft – eine Allianz der Vernunft zwischen Paris und Nanou.
Aber Ehret will diese Allianz gerade nicht als Einsicht in überlegene europäische Werte verstanden wissen. Mutter und Großmutter treiben handfeste, in Afrika selbst entstandene Gründe zu ihrer Entscheidung gegen die Tradition. In dieser Erzählkonstellation liegt das Geheimnis des Buches vom glücklichen und vom gefährdeten, auf Veränderung wartenden Leben in einem afrikanischen Dorf. Die Wasserpumpe versagt. Es gibt keine Rechtssicherheit. Bald werden der Verkauf der Baumwolle und das Geld aus Paris nicht mehr reichen. Beschwernisse und Träume, Liebe und Hunger bestimmen Stagnation und Veränderung. Die Telefongespräche und der kurze Besuch der Mutter machen die in europäischer Wahrnehmung für gewöhnlich ausgeblendete Vernetzung der afrikanischen Immigranten mit ihrer Heimat sichtbar.
Ehret erzählt ebenso einfach wie anspruchsvoll. Gemeinsam mit Fanta genießt der Leser in kurzen Episoden Schönheit und Würde ihrer Kindheit: das Licht, die Pflanzen, die Geräusche und die Lebensfreude der Feste und ruhigen Tagesabläufe. Auch hier weiß die Autorin einen Weg, das ästhetische Empfinden eines afrikanischen Kindes nicht an die europäische Erwartenshaltung einer »wilden« Schönheit zu verraten. Kleidung wird sowohl aus afrikanischer wie europäischer Sicht geschildert. Die landwirtschaftlich funktionale Perspektive auf Sonne und Mond konkurriert mit dem bezauberten Blick auf grazile tanzende Mädchen unter Sternen.
Europäische Kinderbücher über Afrika galten lange Jahre nicht viel. Doch authentischer afrikanischer Kinder- und Jugendliteratur ist jenseits von Schulbüchern und hoch subventionierten Förderprojekten kein Erfolg beschieden. Gute Manuskripte bleiben rar. Daher ist Ehrets literarischer Vorstoß in eine neue erzählerische Dimension mehr als willkommen. Sie erzählt Kindern aus Afrika und Europa von der Verschränkung und langsamen Integration ihrer Kulturen – ruhig, behutsam und integer.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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