KINDER- UND JUGENDBUCH Zeit der Superkraft
Ingrid Laws in den USA viel gelobter Roman »Schimmer« verklärt eine schwierige Phase: Die Pubertät
A
n der Grenze zwischen Nebraska und Kansas, im Herzen Amerikas, lebt eine Familie, die nicht ganz normal ist. Zwar ist das meiste im Leben der Beaumonts wie bei anderen Menschen auch: »Wir werden geboren, und irgendwann später sterben wir. Und in der Zwischenzeit sind wir glücklich und traurig, wir empfinden Liebe und Angst, wir essen und schlafen und wir haben Schmerzen wie alle anderen.« Aber jeder der Beaumonts ist darüber hinaus noch mit einer besonderen Gabe ausgestattet: Der Großvater kann Berge versetzen. Rocket, 17, ist ziemlich geladen: Er sprüht Funken und verursacht häufig Kurzschlüsse. Und der 14-jährige Fish ist gut im Stürmen. Ist er aufgeregt, kommt in seiner Umgebung schnell eine Böe auf, und gehen seine Emotionen hoch, kann sich das zu einem Orkan auswachsen. Jeder Beaumont kriegt an seinem 13. Geburtstag seinen ganz persönlichen Schimmer , und niemand weiß vorher, ob es ein stiller, freundlicher oder ein starker, handfester sein wird.
Und jetzt ist also Mississippi Beaumont, genannt Mibs, dran. Dass an ihrem großen Tag einiges anders läuft als geplant, hat damit zu tun, dass der Vater infolge eines Autounfalls im Koma liegt, die Frau des örtlichen Pastors glaubt, sie müsse für das arme Kind ein Geburtstagsfest ausrichten, und dass schließlich just an dem Tag der Lieferwagen eines Bibelvertreters vor der Kirchentür steht. Kurze Zeit später sind wir schon mit einer Gruppe von mehr oder minder eigenartigen Halbwüchsigen zwischen Schachteln voll rosaroter Bibeln im Mittelwesten unterwegs. »Ist das der Bus für die bösen Kinder?«, fragt die Kellnerin Lill, die unterwegs nach einer Autopanne zusteigt. Nein, können wir getrost antworten. Auch wenn nicht alle Insassen von Anfang an sympathisch sind, in der Folge aber alle für einiges Chaos sorgen: Am Ende erweisen sie sich ausnahmslos als Gute.
Ingrid Law hat mit Savvy in den USA einen Hit gelandet: Ihr Debütroman fand sich auf der Ehrenliste zweier bedeutender Kinderbuchpreise und auf mehreren Bestsellerlisten. Und tatsächlich ist der Autorin eine außerordentliche Geschichte gelungen: Mit Schimmer adelt sie jene Phase im Leben Heranwachsender, die als die süßeste, peinlichste, verträumteste und rabiateste gilt. Sie stattet ihre Pubertäts-Heldinnen und Helden nicht nur mit dem angemessenen Übermaß an Gefühlen aus, sondern zusätzlich mit außerordentlichen Fähigkeiten, die sie einzigartig machen, gefährdet und gefährlich. Es sind zwar Superkräfte, aber, so erzählt uns die Geschichte, sie werden sich auswachsen zu jenen besonderen Fähigkeiten, von denen jeder Mensch eine hat.
Die originelle Idee, die liebenswerten Figuren und die frohe Botschaft der Autorin (jeder Mensch ist besonders, wenn er nur zu sich findet, und jeder Mensch ist gut, wenn man ihn nur gut sein lässt) machen die Lektüre zu einem wahren Wohlfühlerlebnis. Verlässt man aber das Lesesofa, meldet sich Skepsis. So viel Gutes findet hier statt – und so wenig von dem, was zu Pubertät auch dazugehört: Pickel, Wut, Aggression, Widerstand. Das alles hat kaum Platz in einem Roman, der eine Gesellschaft beschreibt, in der Elternliebe großgeschrieben wird, Pastoren es nicht nur gut meinen, sondern auch gut sind und die Bibeln rosarot.
Auch der bilderreiche, gefühlsbetonte Stil der Autorin, der für die Übersetzerin Sylke Hachmeister eine Herausforderung gewesen sein dürfte, nährt die Skepsis. So hat die Erzählerin Mibs schon auf der ersten Seite »mächtig gern… im Süden am Rand des Landes gelebt, nah bei den Wellen, die kommen und gehen«. Dorthin mag man ihr noch folgen, aber Luftschlangen, die in einem plötzlich auftauchenden Hurrikan »in Fetzen rissen wie eine Geburtstagsparty im Mixer«, oder ein kleiner Junge, »der wuchs und alt wurde wie Wein und Dreck«, das ist zu viel.
Trotzdem: Laws etwas andere Familien-Geschichte bleibt ein schönes Hohelied auf die Pubertät – jene Zeit, in der niemand ganz normal ist.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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