KINDER- UND JUGENDBUCH Von Globke und Dutschke
Hermann Vincke erklärt die Geschichte unserer Republik
I
n diesem Jahr feiert die Bundesrepublik ihren 60. Geburtstag. Glaubt man Umfragen, so wissen die Jüngeren erstaunlich wenig über die Geschichte ihres Landes. Hier will Hermann Vincke Abhilfe leisten.
Der Journalist und Autor preisgekrönter Jugendbücher hat bereits vor einem Jahr einen Band zur DDR vorgelegt, die ja ebenfalls 1949 gegründet wurde, allerdings mit ihrem 40. Jahrestag 1989 zugleich ihr Ende erlebte. Wie Vincke seinerzeit bewusst darauf verzichtete, die Geschichte der DDR allein aus der Perspektive ihres Scheiterns zu betrachten, so vermeidet er es jetzt, die Entwicklung der Bundesrepublik als reine Erfolgsgeschichte zu präsentieren. Vielmehr ist er darauf bedacht, sie in ihren Brüchen und Widersprüchen verständlich zu machen.
Vincke schreibt sachkundig, ohne den aufdringlichen Gestus der Belehrung, in einer prägnanten, schnörkellosen Sprache. Und er verfügt über die seltene Gabe, auch komplizierte Sachverhalte bündig darzustellen.
Der 1940 geborene Autor hat die sechzig Jahre Bundesrepublik miterlebt; er tritt hier also gewissermaßen in der Doppelrolle als Historiker und Zeitzeuge an. »Die Geschichte der Bundesrepublik ist auch meine Geschichte«, schreibt er im Vorwort. »Das bewusste Erleben und Erinnern beginnt Anfang der 1950er Jahre, in einer Zeit, in der es vielen Familien darum ging, überhaupt erst wieder Fuß zu fassen.«
Es waren Jahre, die als »Wirtschaftswunder« in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Vincke schildert das Doppelgesicht dieser Gründerzeit: einerseits die Schaffung des Grundgesetzes, das sich, entgegen den Befürchtungen seiner Schöpfer, als erstaunlich funktionsfähig erwies; der rasche wirtschaftliche Aufschwung, der der jungen Demokratie zur Stabilität verhalf. Andererseits die weitgehende Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit; der militante Antikommunismus, der vielen als willkommene Ablenkung vom eigenen Versagen im »Dritten Reich« diente; die Nachkriegskarrieren auch Schwerbelasteter wie Hans Globkes, des Kommentators der Rassegesetze von 1935, der es unter Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Leiter des Kanzleramtes brachte.
Ebenso abwägend, aber pointiert im Urteil verfolgt der Autor die weiteren Stationen: die sechziger Jahre, ein Jahrzehnt des Aufbruchs und des Umbruchs; die Reform-Ära der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt seit 1969, die Demokratisierung im Innern mit einer neuen Politik des Ausgleichs nach Osten verband; die »bleierne Zeit« des RAF-Terrorismus; die konservative Wende der von Pannen und Skandalen geprägten Regierung Helmut Kohls; die historische Zäsur von 1989/90, die den Deutschen dank der Implosion der UdSSR die Einheit brachte; schließlich die von vielen Enttäuschungen begleiteten zwei Jahrzehnte des wiedervereinigten Landes.
Wie schon im Band zur DDR verknüpft Vincke die Darstellung der einzelnen Etappen mit Porträts wichtiger Akteure: die Bundeskanzler (es fehlt nur der Kanzler der ersten Großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger), einzelne Bundespräsidenten (besonders gelungen die Skizze zum »Bürgerpräsidenten« Gustav Heinemann), Journalisten und Verleger wie Rudolf Augstein und Axel Springer, Schriftsteller wie Heinrich Böll, Protagonisten der Studentenrevolte wie ihre Symbolfigur Rudi Dutschke oder der Ende der siebziger Jahre sich formierenden Partei der Grünen wie Petra Kelly. Nicht immer ist die Auswahl einleuchtend. So fragt man sich, was die an Inkompetenz einander ebenbürtigen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush hier zu suchen haben.
Wie wird es weitergehen? Vinckes Ausblick fällt eher düster aus: Die Kluft zwischen Ost und West ist nicht überwunden; die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander; die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise stellt Politiker und Bürger vor völlig neue Herausforderungen. Ohne die Bereitschaft gerade der Jüngeren, sich für die Demokratie zu engagieren, werden diese Herausforderungen kaum zu bewältigen sein. Hermann Vinckes Buch ist, so gesehen, auch ein Appell.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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