Diese Listen sind meine Hoffnung«, sagt Renate Gruber und legt ein großes, schweres Buch auf den Tisch ihres Wohnzimmers im Kölner Westen. Von draußen scheint die Sonne auf den Band, den die Witwe des großen Fotosammlers und -vermittlers L. Fritz Gruber nun vorsichtig aufblättert. Auf mehr als 250 Seiten ist hier das Leben ihres Mannes aufgelistet. Akribisch sind Seite für Seite all jene Dokumente und Magazine, Briefe und Zehntausende Fotos aufgelistet, die das Kölner Ehepaar zu einem großen Teil schon an das Historische Archiv der Stadt Köln übergeben hatte, bevor L. Fritz Gruber im Alter von 96 Jahren im März 2005 starb – eine Etage höher, friedlich im Schlafzimmer. Gruber brachte die internationale Fotografie nach Deutschland und trug die deutsche Fotografie hinaus in die Welt. Nicht allein dadurch, dass er zwischen 1950 und 1980 die wegweisenden Ausstellungen zur photokina organisierte: Zwischen dem gebürtigen Kölner, der noch bis ins hohe Alter publizierte, und vielen der beteiligten Fotografen entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge persönliche Freundschaft – zu Man Ray und Helmut Newton zum Beispiel, zu Edward Steichen und Robert Mapplethorpe, zu Oliviero Toscani und Annie Leibovitz, die im Gästebuch der Grubers ein Triptychon aus ihren Fußabdrücken hinterließ. Sie alle sahen in ihm den großen europäischen Humanisten, der sich als Journalist schon früh gegen die Nazis stellte, von ihnen aus Deutschland vertrieben wurde und über die Kultur zurück in seine Heimat fand. Sie alle standen mit dem Ehepaar Gruber in jahrzehntelanger Korrespondenz.

L. Fritz Gruber hatte alles aufbewahrt, was zu seinem Leben gehörte. Er besaß noch seine Geburtsurkunde, sein Abiturzeugnis und alle Ausgaben des Kölner Kuriers, den Gruber am Ende der Weimarer Republik mitbegründete und in dem er schon früh vor dem kommenden Holocaust warnte. Selbst die Bordkarte von seiner Seereise 1939 zur Weltausstellung in New York war noch vorhanden. Natürlich habe sich das Getty Museum in Kalifornien sehr für den Nachlass interessiert, sagt Renate Gruber, viel Geld sei ihr dafür geboten worden. Sie und ihr Mann hätten sich trotzdem für das Historische Archiv der Stadt Köln entschieden – vor genau 25 Jahren wurde der Nachlassvertrag unterzeichnet. »Ich hatte vor, irgendwann in den kommenden Wochen einige Freunde zu einer symbolischen Silberhochzeitsfeier mit dem Archiv einzuladen. Wir waren dankbar, dass wir unserer Heimatstadt mit dem Archiv eine Freude machen konnten – weil wir hier ein glückliches und gutes Leben hatten. Und wegen Eberhard.«

Eberhard Illner, 22 Jahre lang im Historischen Archiv der Stadt Köln tätig und seit 1999 Abteilungsleiter für Nachlässe, Sammlungen und Fotografie, sitzt Renate Gruber gegenüber. Er kannte das Gruber-Archiv so gut wie außer ihm nur die Sammler selbst. Auch er blättert im Bestandsverzeichnis, dessen Zweitausfertigung im Arbeitszimmer von Renate Gruber steht. Insgesamt umfassen alle Bände des Verzeichnisses rund einen halben Meter. Mehr als 14000 Fotografien hätten zum Nachlass gehört, sagt Illner: »Der Londoner Fotograf Charles E. Fraser hat jede photokina-Ausstellung mit der Kamera dokumentiert und anschließend für die Grubers zu Alben zusammengestellt. Im Archivbestand 1319 befanden sich alle Briefe, die Fritz erhielt, alle Plakate, alle Magazine, für die er schrieb, Katalogaufsätze, Ideenskizzen zum ›Imaginären Photomuseum‹, der lebenslange Austausch mit der weltweiten Fotoszene. Insgesamt rund 70 Regalmeter. Die Geschichte der modernen Fotografie in Deutschland existiert nicht mehr.« Was bleibt, sind Reproduktionen in einem Katalog des Historischen Archivs von 1990 und ein kurzer Blick ins zerstörte Archivgebäude auf der Website fototv.de.

Illner, der seit wenigen Wochen das Historische Zentrum und das Stadtarchiv in Wuppertal leitet, hatte schon Stunden nach dem Einsturz als Erster darauf hingewiesen, dass es seit Anfang 2008 Anzeichen ernst zu nehmender Gebäudeschäden am sechsstöckigen Archivhaus in der Severinstraße gab. Sie wurden aber offenbar weder ausreichend begutachtet, noch zog irgendjemand irgendwelche Konsequenzen aus den unübersehbaren Schäden. In Köln gilt Illner mit seinen Aussagen inzwischen als Nestbeschmutzer. Das städtische Personalamt erinnerte ihn zwei Tage nach der Archivkatastrophe an seine Verschwiegenheitspflicht.

Illner ficht das nicht an. Als Privatmann kam er am Wochenende nach Köln, um Renate Gruber zu besuchen. Auf die Frage, ob der Besuch auch eine Entschuldigung sei, blickt der seit Mittwoch 55-Jährige lange aus dem Fenster. Tränen füllen seine Augen. An seiner Stelle antwortet Renate Gruber: »Ich möchte wissen, wo fahrlässig gehandelt wurde. Ich hoffe aber auch, dass ein Neuanfang möglich ist. Teile der Bestände ließen sich vielleicht rekonstruieren. Die Inventarbücher haben ja die Katastrophe überstanden. Nun müsste man schnell damit beginnen, Forscher, Sammler und Fotografen zu fragen, was sie noch an Kopien oder an Gegenüberlieferung haben und einem neuen Archiv zur Verfügung stellen würden. Vieles ist aber sicher für immer verloren. Das schmerzt.«

Bislang, sagt Renate Gruber lächelnd bei der Verabschiedung an der Haustür, habe sich noch kein Vertreter der Stadt bei ihr gemeldet. Eine Entschuldigung erwarte sie nicht. Jemand sollte aber die Verantwortung für das übernehmen, was geschehen ist: »Wer das tun müsste, hätte mein volles Mitgefühl: Was hat er Fürchterliches angerichtet.« Einladungen in das Haus mit dem großen Schriftzug »Gruber« auf der Briefkastenklappe sind bis heute ein gesellschaftliches, vor allem aber eines der seltenen wirklich intellektuellen Ereignisse geblieben, die Köln noch zu bieten hat. Der Kulturdezernent Georg Quander ist bislang noch keiner Einladung gefolgt.

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