BELLETRISTIK Wahnsinn in der Enge

Hermann Burgers großer Roman »Schilten« ist endlich wieder greifbar

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ieser Roman ist unerhört. Schön, dass wir ihn endlich wieder lesen können. Was der Schriftsteller Hermann Burger 1976 mit Schilten vorgelegt hat, ist ohne Beispiel in der Schweizer Literatur. Nie zuvor und leider auch nie danach durfte man ein solch präzises Dokument des Wahnsinns, eine solche Brandrede gegen die Obrigkeit, ein so komisches Bild der Schweiz lesen. Der Lehrer Armin Schildknecht, gefangen im leeren Schulhaus eines »gottverlassenen, aber sektenreichen Tals«, entwirft in einem wütenden Monolog zuhanden des Schulinspektors eine Welt, die nur noch zwischen Leben und Tod flackert. Die »nervenaufreibende Rechthaberei und Kleinarbeit« ist ein Hilfeschrei des Pädagogen nach Aufmerksamkeit, wissend, dass sie ihn nicht mehr ereilen wird. Gibt es etwas Aktuelleres zur Situation der Lehrpersonen? Sowieso: Welche Realität Burger in seiner Fiktion voraussah! Das Schildknechtsche Prinzip der »Einheitsförderklasse« erlebt in der Form des »altersdurchmischten Lernens« eine Renaissance. Dem schweren Thema stellt Burger, diese Schweizer Version von Thomas Bernhard, eine im wahrsten Sinn irrwitzige Sprache entgegen; der Begrenzung des Daseins entgeht er mithilfe der Buchstaben. Wir erleben den Untergang und die Wiedergeburt einer Existenz durch ihre Verschriftlichung.

Burger war ein Außenseiter der Schweizer Literatur. Was denn sonst? Niemand traute diesem Mann mit Hut, der im Ferrari vorfuhr, manchmal eine nicht unansehnliche Frau auf dem Beifahrersitz. Was er schrieb, war seinen Zeit- und Schreibgenossen höchst verdächtig. War das politisch? War das privat? Nein, es entzog sich den üblichen Kategorien, war ideologiefrei und humorvoll, nur von Neugierde und dem Willen nach dem Treffenden geleitet. Und das in einer Zeit, in der Autoren wie etwa Paul Nizon meinten, die Schweiz könne einem Schriftsteller kein Anschauungsmaterial mehr bieten. Burger aber suchte in der Enge der Schweiz den großen Stoff, in Schilten hatte er ihn gefunden. Was, man muss es sagen, auch sein Unglück war, blieben seine folgenden Texte doch vor allem Spielarten dieses einen großen Romans. In die Burgersche Tradition der unbedingten Neugierde reiht sich der Germanist Thomas Strässle mit seinem Nachwort ein. Er teilt dem Leser seine Begeisterung mit, indem er ihm Genauigkeiten aus der Lektürearbeit auf den Weg mitgibt. Die Voraussetzungen sind also da, dass eines der wichtigsten und witzigsten Bücher der Schweizer Literatur endlich die Vielzahl an Lesern bekommt, die es verdient.

 
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