BELLETRISTIK Alles ist Schicksal

Jonathan Coes Roman reist durch die Generationen einer Familie

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er Regen, bevor er falle, erklärt die siebenjährige Thea, sei der schönste Regen, nicht obwohl, sondern gerade weil er nicht existiere. So weit die entwaffnende Logik eines Kindes. Sie ist sehr poetisch, verweist sie doch auf jenen Raum der vielfältigen Möglichkeiten und unendlichen Bezüge, der sich hinter dem strikt kausalen Denken eröffnet.

Genau diesen Raum durchmisst Jonathan Coe in seinem neuen Roman. Es ist ein Familienroman, dessen lineare Zeitstruktur herkömmlicherweise durch die Abfolge der Generationen vorgegeben ist. Jonathan Coe verwirft diese Zeitstruktur. Er versucht sich an der größtmöglichen Gegenwart mehrerer Zeiten. Dazu nimmt der britische Autor, er ist Jahrgang 1961, Anleihen beim Film und auch bei der Musik. Eine Schlüsselszene führt in eine Kirche im Londoner Westend, dort musiziert eine Gruppe von Musikstudenten. Eine junge Flötistin, sie gehört zur dritten Generation der Familie, um die es geht, benutzt dafür einen Verstärker, sodass keiner ihrer gespielten Töne verhallt. In den Köpfen ihrer Zuhörer stellen sich bei dieser Musik Szenen aus dem Leben der Vorfahren ein, und der Erzähler lässt uns wissen, dass die Vorfahren, als sie jung waren, ein Konzert in dieser Kirche besuchten.

Das Herzstück seiner Geschichte betrifft vier Generationen von Müttern und Töchtern, die aneinander scheitern, deren Beziehung von Kälte und auch Gewalt geprägt ist. Diese tragische Entwicklung wird von der alten, sterbenden Rosamond aufgezeichnet in Form eines akustischen Vermächtnisses an Imogen, die jüngste der Frauen.

Imogen ist blind, und Rosamond bespricht für sie am Tage ihres Freitods Kassetten. Anhand von 20 ausgewählten Fotografien erzählt Rosamond Imogen ihre Geschichte, beginnend bei der Urgroßmutter Ivy und weiter zu den jeweiligen Töchtern Beatrix und Thea. Da die Frauen sehr früh Kinder bekommen haben, umfasst die Erzählung rund 80 Jahre bis zum Jahr 2006. Schauplatz ist neben London die Grafschaft Shropshire in den Midlands, meistens ist es dort Winter oder Nacht, und viele kahle Zweige recken sich vor grauen Himmeln. Ein kriminalistisches Element liegt dieser Erzählung zugrunde, ein Geheimnis, das es zu enthüllen gilt, denn Imogens Blindheit ist eine Folge der Gewalt, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.

Jonathan Coes große Begabung liegt in der Visualisierung dieser Szenen. Rosamond will Imogens inneres Auge ansprechen und konzentriert sich auf den Bildaufbau, die Proportionen, die Farben, die Tiefenschärfe, die sichtbaren und unsichtbaren Inhalte der Fotos. Rosamond beschreibt diese Bilder genau und in möglichst einfachen, gesprochenen Worten.

Jonathan Coe versteht sich auf die pointierte Zuspitzung seines Arguments: In der Überlagerung vieler Zeiten und Wahrnehmungen entstehen Koinzidenzen. C. G. Jung hat dafür den Begriff der Synchronizität geprägt, manche nennen es auch einfach Schicksal. Und wer sich unter all dem bisher nichts vorstellen konnte, der ist nach der Lektüre schlauer. Bevor Coe allerdings zu deutlich würde oder gar abgeschmackt, zieht er die Reißleine. »Das Muster, nach dem sie gesucht hatte, war verschwunden. Schlimmer noch – es war nie da gewesen«, so lauten die letzten Sätze dieses Romans. Der kommt sowohl proportioniert und schmackhaft daher wie ein saftiger Apfel aus dem Supermarkt. Eine Seite ist rot, die andere grün. Man beißt hinein und schmeckt makelloses Apfelaroma. Es fehlt nur der Fehler. Jene Delle, die uns wissen lässt, dass alles, was lebt, auch mal hingefallen sein muss.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Schicksal | Belletristik | Literatur | Westend | Fotografie | Musik | London
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