Etwa hundert eher dezente Seiten, fast die Hälfte des neuen Romans von Kawakami Hiromi, Herr Nakano und die Frauen, hat der Leser bereits hinter sich gebracht, da überrascht ihn völlig unverhofft eine pornografische Handlungsanleitung. Die »Medianlinie« ist das für einen Porno zunächst überraschende Thema: »Du darfst nie von der Medianlinie abweichen. Fahre mir sanft mit deinem Finger über Stirn, Nasenrücken, Lippen, Kinn, Hals, Brust, Solarplexus, Nabel, von der Klitoris zur Vagina und weiter zum Anus. Ganz langsam, ohne abzusetzen, in einer anhaltenden Bewegung…kneten, reiben, jede Kraftanwendung – und sei es auch nur die geringste – ist untersagt. Etwas schwerer als eine Feder, etwas leichter als fließendes Wasser, diesen Grad darfst du nicht verlassen.«

Das ist noch hinreichend poetisch gesagt. Die anschließende pornografische Fantasie freilich wird direkter: »Liebkose mit deinem lüsternen Mittelfinger langsam die sanfte Linie meines Körpers von der Stirn bis zu meinem Steißbein.« Und die Icherzählerin des Romans, die 27-jährige, aber noch mädchenhafte Hitomi, fragt erstaunt: »Machen alle Erwachsenen auf der Welt solche komplizierten Sachen? In dem, was Sakiko geschrieben hatte, leckten ›ich‹ und ›du‹ einander alle nur erdenklichen Stellen des Körpers, nahmen alle nur möglichen Stellungen ein, stießen alle nur möglichen Lustlaute aus und gaben sich allen nur möglichen Genüssen hin.«

Das sind aber auch schon die gröberen stofflichen Reize eines Romans, dessen Autorin im letzten Jahr für die bezaubernde Zartheit ihres ersten auf Deutsch erschienenen Romans Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß gerühmt worden ist. Hier, wie bei dem weiteren von ihr gebotenen erotischen »Schnickschnack«, kommt es eher auf die Komik solcher »komplizierter Sachen« als auf das Handfeste an. In der literarischen Fiktion des neuen Romans ist auch nicht die Icherzählerin Hitomi die Autorin der Porno-Passage, sondern Herrn Nakanos schöne Geliebte Sakiko. Und etwaige Hoffnungen auf Fortsetzungsgeschichten werden nicht erfüllt.

Vordergründige Spannung bietet der Roman trotz eines Attentats auf Herrn Nakano und einer Episode in der Tokyoter Unterwelt ebenso wenig. Dass er es gleichwohl schafft, die anhaltende Aufmerksamkeit des Lesers zu finden, könnte eines seiner Rätsel sein, wenn man sich nicht gerade von seinen so schlichten wie suggestiven Sätzen wie von seinem leisen Witz gern einfangen ließe. Wie beiläufig, als ob es gälte, minimalistisch Belangloses über Belanglosigkeiten mitzuteilen, berichtet die Icherzählerin von Herrn Nakano und seinen Frauen, zu denen sie selbst im erotischen Sinn nicht zählt.

Herr Nakano ist der liebenswerte, skurrile, pfiffige, ökonomisch und bei den Frauen erfolgreiche mittelalte Besitzer eines Trödelladens in einem Stadtteil von Tokyo. Er legt indessen Wert darauf, nicht mit dem Besitzer eines anspruchsvolleren Antiquitätenladens verwechselt zu werden. Das darf man auch als gelinde Absage an einen nostalgischen Traditionalismus lesen. Es geht nur um den alten Kram eines japanischen Dickensschen Old Curiosity Shop, der aber seine Kunden findet, Trödel eben, den man wie die Zeit vertrödelt. Auch Herrn Nakanos Gewohnheit, seine Sätze mit einem »Und überhaupt« einzuleiten, kultiviert nur die komische Marotte. Auf nichts Allgemeines, Prinzipielles hat es die Autorin abgesehen. Alles irgendwie Bedeutsame wird ignoriert. Warum also davon erzählen?

Doch da sind die Frauen. Sie sind in diesem »Old Curiosity Shop« die interessantesten Personen: Herrn Nakanos anziehende ältere Schwester, die künstlerisch begabte Puppenmacherin Masayo; die schon erwähnte schöne Sakiko, mit der Herr Nakano die Love-Hotels frequentiert; schließlich Hitomi, die Erzählerin, die mit dem etwa gleichaltrigen Laufburschen Takeo als Aushilfe bei Herrn Nakano angestellt ist. Diese drei Frauen haben in ihrer kompromisslosen Liebe tragisches Format. Ihre Lieben zerbrechen oder drohen zu zerbrechen. Der für die Frauen wichtigste Satz bleibt zu Lebzeiten der Liebe ungesagt; Masayo sagt ihn erst nach dem Tod ihres treulosen Geliebten gleich mehrfach: »Ich liebe dich am meisten auf der ganzen Welt.« Erstaunlich genug: Diese japanische Autorin spricht wieder von Liebe, Angst, zumal der Angst vor der Liebe, und dem Tod.

Nach einer mehrjährigen Unterbrechung – Herrn Nakanos Trödelladen wird aufgegeben – finden Hitomi und Takeo allerdings wieder zueinander. Kawakami Hiromi scheut das Happy End, die glückliche Liebe nicht. Aber ihr gelingt es, das Pathos zu meiden, ohne ihre Liebesgeschichten an die Banalität zu verraten.

In der neueren japanischen Frauenliteratur, zwischen »Girlie«-Autorinnen (Kanehara Hitomi, Kuroda Akira, Wataya Risa), die in der reizinflationären Welt Japans Überbietung durch die immer stärkeren Reize suchen, und jener Literatur, die die Liebe wie alles tiefere Gefühl auf das Coole, Banale herunterbringt, findet Kawakami Hiromi ihren eigenen Ton.