BELLETRISTIK Neue deutsche Helden

Thomas Klupp trifft in seinem ersten Roman »Paradiso« den naturtrüben Slang und die schlingernden Herzen der Studenten von heute

Ein etwas schnöseliger Endzwanziger mit Schuppenflechte im Nacken steht im Hochsommer an einer Autobahnraststätte bei Potsdam, wo er an der Hochschule für Film und Fernsehen Drehbuch studiert. Er wartet auf seine Mitfahrgelegenheit nach München. Von dort wird er morgen, begleitet von seiner neuen Freundin Johanna, nach Portugal fliegen.

Wer seine Geschichte in der unmittelbaren Gegenwart spielen lässt, hat den Vorteil, sich nicht als Stimmenimitator versuchen zu müssen. Wer in der eigenen Zeit dann auch noch eine Figur zum Erzähler macht, die dem eigenen Leben nahekommt, entgeht der Gefahr übertriebener sprachlicher Einfühlung gleich doppelt. Beide Vorzüge kann der 1977 in Erlangen geborene Thomas Klupp, der am Literaturinstitut Hildesheim unterrichtet, und dessen Buch einen Möchtegerndrehbuchautor fränkischer Herkunft zum Helden hat, für sich geltend machen.

Doch es ist nicht nur die Glaubwürdigkeit eines quasi naturtrüb getroffenen Slangs, der die Sprache von Klupps Erstling Paradiso interessant macht. Sein Held Alex Böhm ist einer, der selbstbewusst vor sich hin schwadroniert, aber was er in seinem knapp 200 Seiten langen, inneren Monolog von sich gibt, ist oft unfreiwilliger Selbstverrat. Man fühlt sich in Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Jelineks Liebhaberinnen versetzt. Deutlich süddeutsch grundiert, geben die gesprochen wirkenden Gedanken einen Hinweis auf all das Undurchdachte, das sie prägt: »Ich kämpfe ja permanent gegen dieses Gefühl an, mit Johanna nichts zu tun zu haben, und in solchen Momenten bricht alles zusammen.« Alex’ Portugal-Ticket steckt in dem Rucksack, den er in einem Taxi liegen gelassen hat. Er kann sich aber nur kurz freuen, dass er nicht mit der plötzlich Ungeliebten wegfahren muss: »Die Überlegung ist ja bereits vom Ansatz her falsch (…) wahrscheinlich genügt zum Einchecken bereits der Pass. Ich kann mir gar nicht erklären, warum ich mir die Dinge immer so schönreden muss, obwohl es keinerlei Aussicht für mich gibt und von Anfang an nicht gegeben hat.«

Aber auch das treffsichere Schlingernde der Gedanken ist erst ein Teil des Reizes von Paradiso. Ein anderer ist der gelassene Beginn des Buchs, seine nicht unriskante Dramaturgie, das erst allmählich anziehende Tempo. Die schon bejubelte »Bosheit« des Textes ist anfangs die eines recht harmlosen Jugendromans, in dem der Held in Pornokabinen von Autohöfen gerät und dabei den coolen Gedanken haben darf, dass er die Filmchen, in denen Heldinnen »blondierte Dauerwellen und auftoupierte Ponys« trugen, lieber mag als diese »deprimierende Leistungspornografie, die in den letzten Jahren um sich gegriffen hat und einen jedes Mal wieder völlig abgelöscht vor dem Bildschirm zurücklässt«. Der Kluppsche Held ist ein friedlicher deutscher Houellebecq, der, sich in der eigenen Intellektualität sonnend, über die verkommene Gegenwart lästert.

Erst gegen Mitte des Buches, als es ob seiner gesprächigen Friedlichkeit schon etwas durchhängt, versteht man genauer, dass man nicht mit, sondern gegen den Helden fühlen soll. Das Trampen nach München wird für ihn zu einer Reise in die eigene Jugend, in der Leichen begraben liegen. Nicht dass der Junge aus den oberfränkischen Weiden, wohin er per gut motivierten Mitfahrzufall bereits auf Seite 76 gelangt, gefährlich wäre oder viel aufs Spiel setzte. Aber am nächsten Morgen hat der Held einen Jugendfreund beinahe zu Tode getrampelt und bei einer Feld-Wald-und-Wiesen-Party mit seiner langjährigen Freundin geschlafen, der er wieder nicht erzählt hat, dass er sich schon vor langer Zeit von ihr getrennt hat.

Alex Böhm ist windig, unehrlich, feige, ein Schleimer, der niemandem wehtun will, aber dies, wenn es gerade passt, skrupellos tut. Danach wird er sentimental. Immer mal wieder gibt er ein viel zu üppiges Trinkgeld, was zuerst nur wie Unbeholfenheit wirkt. Doch weil eine ausführliche Psychologisierung von Alex unterbleibt, wird das Geld, das der verbissen-strenge Vater, ein Bueb-Phrasendrescher, anhäuft und das Alex von der kaum sichtbaren Luxusmutti kleinteiliger nachgeworfen wird, allmählich zum Hauptgrund seiner sozialen Deformation gemacht.

Beinahe noch makabrer ist das Bild vom völlig wohlstandsverwahrlosten jüngeren Bruder des Erzählers, der pausenlos mit Freunden an Luxus-Playstations hängt und sich die beklagten Leistungspornos besorgt. Die Szenen im Edel-Grün der Kleinstadt sind so einprägsam geschildert, dass schon deutlich wird: Besonders die Provinz verträgt die sogenannten neuen Medien und ihre immer krasseren Inhalte schlecht. Das seit je dünne reale Leben in Kleinstädten kann ihnen wenig entgegensetzen.

Die ersten Kritiken zu Paradiso konnten kaum anders, als süffisant darauf hinzuweisen, dass der kräftig beworbene Klupp, auch als Exmitherausgeber der Literaturzeitschrift Bella Triste bekannt, literarisches Schreiben unterrichtete, bevor sein erster Roman erschien. Nun gibt es berechtigte Vorbehalte gegen Facharbeiterprosa von Kursabsolventen aller Art, aber was da vorliegt, ist doch etwas anderes. Klupp demonstriert eine Durchlässigkeit zur Wirklichkeit und eine atmosphärische Genauigkeit, einen souveränen Umgang mit allen möglichen Stilmitteln von Humor bis Groteske; er schafft es, innerhalb eines Bewusstseinsstroms plastische Szenen zu isolieren, destilliert aus dem engen Rahmen des Denkens eines Einzelnen doch so viel, dass man am Ende glaubt, einen kleinen Gesellschaftsroman der Gegenwart gelesen zu haben. So viel kann man gar nicht lernen, wenn man nichts kann.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Belletristik | Literatur | Erlangen | Portugal | Potsdam | Weiden | München
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