WirtschaftskriseWie geht's weiter?

Nobelpreisträger Paul Krugman und andere weltbekannte Kollegen erforschen den Kapitalismus von 

Paul Krugman

Paul Krugman ist Professor für Ökonomie und Internationale Beziehungen an der Universität Princeton, Kolumnist der New York Times und Nobelpreisträger für Ökonomie 2008  |  © Paul J. Richards/AFP/Getty Images

Das Neue an dieser Wirtschaftskrise ist, dass niemand den Arbeitslosen die Schuld gibt. Niemand beklagt, sie seien zu faul. Niemand verlangt, sie sollten Spargel stechen. Niemand behauptet, sie bekämen zu viel Geld vom Staat. Beim letzten Mal war das anders. Auch in den Jahren 2002 bis 2005 steckte Deutschland in einer schweren Krise. Die Zahl der Arbeitslosen lag bei fast fünf Millionen, weit höher als heute, in den Talkshows stellten die Moderatoren immer wieder dieselbe Frage: Woran liegt das? Warum geht es dem Land so schlecht?

Sie bekamen immer wieder dieselbe Antwort: Die Deutschen seien zu satt, zu bequem, zu unflexibel. Sie seien sich zu schade, Spargel zu stechen. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: "Es gibt kein Recht auf Faulheit." Es war keine Feststellung, es war ein Vorwurf. Die Wirtschaftskrise war demnach direkte Folge eines uralten Lasters, das schon Papst Gregor der Große unter dem lateinischen Namen Acedia zu den sieben Hauptsünden zählte: der Trägheit. 1500 Jahre später waren die Deutschen ihr offenbar erneut verfallen.

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Heute, im Jahr 2009, erlebt Deutschland wieder eine Rezession. Wieder steigt die Arbeitslosigkeit. Wieder stellen die Talkshows die Frage nach dem Warum. Doch diesmal redet niemand von der Faulheit, obwohl auch in diesem Frühjahr osteuropäische Erntehelfer deutschen Spargel stechen werden. Diesmal haben Politik und Öffentlichkeit einen anderen Grund für die Rezession ausgemacht: "Die Finanzkrise bestätigt manches, was mit Gier verbunden wird", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Oktober.

Die Gier: auch nicht besser als Faulheit, lateinisch Avaritia, Hauptsünde Nummer zwei im Katalog Gregors des Großen.

Es ereignet sich also eine kapitalistische Krise, und für schuld erklärt wird – nicht der Kapitalismus, sondern der Mensch in seiner Sündhaftigkeit. So war es schon nach dem Börsenkrach von 1857, dem Schwarzen Freitag von 1929, und so ist es heute wieder. Immer wenn die Marktwirtschaft auf einmal nicht mehr Reichtum produziert, sondern Arbeitslosigkeit, werden dafür menschliche Verfehlungen verantwortlich gemacht. Die Faulheit, die Habgier, die Verschwendungssucht. In dieser Hinsicht gleichen die Menschen der Neuzeit denen des Mittelalters, die eine Dürre nicht als meteorologischen Zufall sahen, sondern als Strafe für ihre Sünden. Bis die Gelehrten der Aufklärung sie von diesem Aberglauben befreiten, auch dadurch, dass sie Bücher schrieben. Wenn es jedoch um Wirtschaft geht, scheint ein Rest des alten Denkens noch in den Köpfen zu stecken. Nur dass an die Stelle des strafenden Gottes der strafende Markt getreten ist.

Es passt deshalb gut, dass in diesen Wochen einige Bücher erscheinen, die ökonomische Aufklärung versprechen. Es sind Die neue Weltwirtschaftskrise von Paul Krugman, Animal Spirits von George Akerlof und Robert Shiller und Der Aufstieg des Geldes von Niall Ferguson. Alle drei haben sie das Anliegen, das Animal Spirits als deutschen Untertitel trägt: zu erklären, wie Wirtschaft wirklich funktioniert.

Leserkommentare
  1. Die weltweite und tiefgreifende Krise ist kein Betriebsunfall wegen ökonomischer Sünden der Menschheit oder verursacht durch Fehlberechnungen von Experten. Die einfache Sicht der Vorgänge "Im Prinzip sei ja fast alles in Ordnung gewesen, wenn man nur mehr vernünftige Regeln gehabt hätte (warum hat man die eigentlich "vergessen"?)" ist daher unangemessen.

    Das Wesen des weltweit durchgesetzten Neoliberalismus ist doch gerade die Regellosigkeit (zumindest weitgehend); darin besteht also sein Hauptcredo, was uns auch der zeitweise in den Medien geradezu omnipräsente Prof. Sinn immer wieder gern erzählte. Ein Neoliberalismus abzüglich der ihm vorgängigen und ihn nicht zuletzt ausmachenden Regellosigkeit ist etwas anderes, doch sicherlich kein Neoliberalismus mehr. Das System ist das Problem - und diese unbequeme und unangenehme Aussage wird sehr gern relativiert und weggeschoben.
    Sicherlich hat Gier die Krise nicht allein ausgelöst. Sicherlich sind einige Menschen zu allen Zeiten gierig. Doch die Gier gepaart mit der Regellosigkeit (= dem Neoliberalismus) ergibt dann die explosive Mischung, nämlich die zügellose Gier, die sich steigert. Diese führt z.B. dazu, Menschen Kredite zu verkaufen, die sie dann nie und nimmermehr zurückzahlen können. Macht man das millionenfach .. s. USA.
    Insgesamt wird hier eine typische, oberflächliche Position vorgeführt:: "Wir können schon so weitermachen wie bisher, wenn wir nur einige Regeln einführen." Hinzu kommt das Märchen vom "freien Markt". Das ist reichlich naiv und unrealistisch. Die Krise wird in ihrer tiefen Dimension nicht erfasst. Wir brauchen z.B. einen neuen Arbeitsbegriff, erweitert und von der reinen Lohnarbeit wegführend. Arbeit ist immer mehr die Arbeit der Ideen einschließlich ihrer Kommunikation. Die gesellschaftliche Frage "Was kostet das?" ist folglich zu ersetzen durch die grundlegendere Frage "Was ist es uns als Gesellschaft wert?". Sie kann nur vor dem Hintergrund eines gemeinsamen Zieles beantwortet werden. Das Geld ist also Mittel zum Zweck und nicht Zweck an sich: Geld als Zweck an sich ist letztlich nichts wert.

    Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner Heine
    rheinelbe

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    Sie verwechseln den Neoliberalismus mit dem klassischen Liberalismus des Laisser-Faire oder gar dem Libertarismus.

    Der Neoliberalismus ist nicht regellos, das Gegenteil ist richtig. Gerade das ist es, was ihn vom kassischen Liberalismus unterscheidet: der Neoliberalismus will einen starken Staat, der Rahmenbedingungen setzt, diese durchsetzt und für den sozialen Ausgleich sorgt.

  2. Ich ärgere mich schon, wenn ich lese, dass jemand "den Kapitalismus" erforscht. Das erscheint mir einfach zu platt, denn Kapitalismus kann man imho genauso schlecht definieren wie Sozialismus, ohne sich dabei in Plattheiten zu ergehen. Konzentrieren wir uns doch darauf das zu erforschen, was sehr genau definiert ist: unser Geldsystem.

    Ich stelle daher erneut die These auf (mit der ich nicht allein bin): unser System musste zusammenbrechen.

    Warum? Nun in einem Fiat-Money System (das existierende) ist alles Geld welches im Umlauf ist, geliehen. Mit anderen Worten: es muss verzinst werden. Um diese Zinsen bezahlen zu können (und den Kredit zu tilgen) muss die Kreditsumme mit jeder Generation weiter ansteigen. Genau das nennt man landläufig Inflation.

    Ein Problem bekommt man an der Stelle, wo zunehmend Leute immer größere Geldmengen aus der Wirtschaft ziehen um diese zu sparen. Sie verhindern damit indirekt, dass andere Leute ihre Kredite zurückzahlen können. Es kommt zur bekannten Rezession, mit Pleiten, Renditeschwund, Arbeitslosen, der Anbiederung an angeblich nötiges ausländisches Kapital etc. wir kennen das alle. IdR springt an dieser Stelle dann der Staat mit Krediten ein und umgeht so den Geldengpass und die drohende Deflation.

    Dummerweise wird das "gesparte" Geld auch noch verzinst und wächst damit mit Zinseszins quasi exponentiell, entsprechend müssten sich natürlich auch die Kredite vermehren, damit diese Zinsen gezahlt werden können. Hier stößt man dann an die nächste Systemgrenze: irgendwann gibt es keine "guten" Schuldner mehr. Staaten wie die USA haben dieses Problem erkannt und mit "Deregulierung" einen weiteren Anreiz geschaffen Kredite zu nehmen. Zinszahlung und Tilgung wurde unwichtig, allein die Wertsteigerung reichte aus um Profite zu machen: voila.

    Logisch, dass in einer begrenzten Welt auch das irgendwann zu Ende ist. Auch diesmal haben die USA das erkannt und gehen den einzigen Weg, der die Krise noch einige Jährchen verzögern kann: sie geben jegliche Hemmungen bei der Staatsverschuldung auf. Damit vermeiden sie vorerst eine Deflation/Depression und nehmen dafür den Staatsbankrott oder gar eine Hyper-Inflation billigend in Kauf.

    In Deutschland hingegen scheint man all das nicht ansatzweise erkennen zu wollen. Stattdessen verabschiedet man blauäugige Staatsverschuldungsverbote und nimmt eine uU jahrzehntelange Rezession billigend in Kauf um das Staatsdefizit nicht weiter zu erhöhen. Es rächt sich also bitterböse, dass in der Schule die Grundlage unseres Systems nicht mal ansatzweise zur Sprache kommt. Die meisten Menschen haben nicht den geringsten Schimmer wie alles zusammenhängt und wie sehr wir verarscht werden. Von der ständigen nötigen Verschuldung profitieren nämlich vor allem: die Banken, die immer mächtiger und reicher werden und das fast ohne Risiko, während wir uns an Zinsen dumm und dämlich zahlen. Zum Glück versteht man in den Banken das eigene Geldverdienprinzip offenbar nicht gut genug, um gegen die zwangsläufige Krise gewappnet zu sein.

    Und erneut meine Abschluß-Prognose: die Krise ist erst mit einer Währungsreform und der damit einhergehenden Enteignung großer Geldvermögen an ihrem Ende. Über die zweite Möglichkeit möchte ich eigentlich nicht nachdenken: sie bedeutet uU ein jahrelanges Ausbluten unserer Wirtschaft, Kunst, Bildung, Forschung, Sozialsysteme etc. bis die Verbindlichkeiten und Zinsforderungen pleitebedingt auf ein verträgliches Niveau gefallen sind. Eine Horrorvision, leider wahrscheinlich realistischer, wenn ich mir die ideologielastige, korrupte und ahnungslose Berliner Mischpoke anschaue...

    Aber bitte: ich lerne am Widerspruch. Ist jemand nicht meiner Meinung, so mag er mir das begründen und mich auf meine(n) Denkfehler hinweisen. Ich hoffe sogar, dass ich mich irre. Aus meiner Perspektive ist obige These aber schlüssig und erklärt die meisten Probleme und Fehlentwicklungen des Systems. Auch an Stellen, wo andere Thesen bereits auf menschliche Schwächen wie die "Gier" als Erklärung zurückgreifen müssen.

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    Der geld-kredit-zinstheoretische Zusammenhang ist nur eine Art Brandbeschleuniger. Wer die Evolutionsprozess- und Akzelerationslogik drauf hat, der weiß, dass auch im Industrie-/Kredit-/Wachstumssystem diese Logik waltet. Alle exponentiell wachsenden Natur- und Kulturphänomene (= Wachsen der Siegersysteme) wächsen ihrem Zusammenbruch entgegen. Diese Siegersysteme müssen, um diesem Crash-Schicksal zu entgehen, vom exponentiellen zum logarithmischen Wachstumspfad übergehen. Diese Evolutionsmodell-Logik lernt man in der Schule - aber sie ist für unseren Fall hinreichend.

    In vermachteten Gesellschaften gibt es das Phänomen der Macht, besonder der geheimen Wissensmacht. Den exponetiellen Siegerpfad wird eine Machtspitze nicht freiwillig verlassen. Der Dauersieger (= Umschlag von wirtschaftlichm Erfolg in politische Macht, wie bei der Autoindustrie, Hightech-Industrie gegeben) fühlt man sich übermächtig und unbelehrbar, d.h. man packt immer noch einen drauf. In diese selbstzerstörerische Lage kam die Vormacht der kapitalstockmaximierenden Wachstumszwang-Absolutisten in den Industrieländern. Wann und an welcher Übertreibungsstelle das Kartenhaus ins Wackeln kommt und einstürzt, wird von zufälligen Konstellationen bestimmt.

    Ich hoffe, dass ich Ihnen vorstellbar gemacht habe, dass wir mit einer Evolutionsprozess-Theorie (= Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses) ansetzen müssen, um den weltindustriellen Kulturfortschritt auf einem machtsystemfreien, nicht-crashenden Wachstums-/Akzelerationspfad zu organisieren. Mit Merkels ORDOliberalismus, der evolutonstheorie-erweitert ist, wird uns das gelingen. Kurt Biedenkopf hat in der ZEIT v. 25.11.2004 darüber geschrieben - unter 'Wachstum schafft noch keine Arbeit'. Und Angela Merkel, Thomas de Maiziére und Kurt Biedenkopf sind ein kongeniales, ORDOliberales Team.

    • RalphS
    • 24. März 2009 16:04 Uhr

    Zitat:Von der ständigen nötigen Verschuldung profitieren nämlich vor allem: die Banken, die immer mächtiger und reicher werden und das fast ohne Risiko
    Nicht die unpersönlichen Banken, die sind nur Tools, sondern vor allem profitieren die Vermögenden, die ihr Geld zur Bank bringen und so uns Normalverdiener für ihre Renditen - bis zu 25% sind realistisch (Ackermann) - arbeiten lassen.
    .
    Zitat: Um diese Zinsen bezahlen zu können (und den Kredit zu tilgen) muss die Kreditsumme mit jeder Generation weiter ansteigen. Genau das nennt man landläufig Inflation.
    Nein, beides falsch.
    .
    Zitat: Ein Problem bekommt man an der Stelle, wo zunehmend Leute immer größere Geldmengen aus der Wirtschaft ziehen um diese zu sparen.
    Welche Leute ? Das sind die Vermögenden, also die Bourgeois, die kaum konsumieren und einen immer größeren Anteil ihres Geldes dem Binnenmarkt und damit dem Normalbürger entziehen, so dass die Realeinkommen seit über 20 Jahren stagnieren bzw. sinken. Diese Vermögensumverteilung müßte auf den Stand des Jahres 1980 per Grundgesetzt fest zementiert werden, denn damals ging es der Bourgeois auch schon sehr gut.
    .
    Meinungsmache als Ursache der Krise
    In Hamburg, am Stammsitz der ZEIT, sollen laut Manager Magazin Sonderheft aus Oktober 2006, 9 Milliardäre und weitere 27 der 300 reichsten Deutschen wohnen.
    Warum sollten sie und all die anderen reichen Deutschen Interesse daran haben, ihr sauer verdientes Geld (haha) in Deutschland anzulegen, wenn sie die Möglichkeit haben durch Spekulation oder Anlage in Steueroasen noch mehr raus zu holen ? Da diesem Personenkreis das kurzfristige Shareholder Value Denken der FDP besonders gut liegt, haben sie keine Lust, mühselig wie in den ersten Jahrzehnten der BRD unter Ludwig Erhard üblich, ihr Geld in der deutschen Industrie anzulegen.
    Damit dies so bleibt, bestimmen sie als Geldgeber und Meinungsmacher, was in Zeitschriften erscheint und was nicht. Gewisse Kreise sind nun mal der Meinung, dass es kurzfristig besser ist in China zu produzieren.
    Wenn aber erstmal die produzierenden Industrien dezimiert (Opel) und ausgehölt sind, gewinnen die Produzenten in China und Südkorea die Preisgestaltungsmacht durch ihre dann erworbene Monopolstellung (Kartellbildung) zurück.

    Leider ist es mir nicht möglich, die Vielfalt Ihrer Denkfehler in nur 1500 Zeichen umfassend aufzuzeigen. Daher nenne ich nur einen: die von Ihnen beschriebene Welt und Wirtschaft sind rein statisch; Sie gehen von der Annahme aus, daß Entwicklung, Produktivität und Wirtschaft konstant blieben. Das ist aber falsch, denn alle diese Dinge sind in höchstem Maße dynamisch und von den verschiedensten ökonomischen, psychologischen und letztlich sogar modischen Trends beeinflußt. Ihre Thesen hört und liest man schon seit Ned "King" Ludd, doch die daraus resultierenden Prophezeihungen sind weder bislang eingetreten, noch werden sie es in der Zukunft.

    Vielleicht möchten Sie hierzu den folgenden Artikel des großartigen Erik P. Roderwald lesen, der Ihren Thesen nicht nur mathematisch, sondern auch theoretisch begründet widerspricht. Viel Spaß und Erfolg wünsche ich.

    http://blogs.roderwald.de...

  3. jetzt habe ich mal etwas mehr über den "inflationstreiber" k-man erfahren.
    der umgang mit greenspans geldpolitik (erst bejubeln und ein jahrzehnt später kritisieren) mcht den mann nicht gerade vertrauenswuerdig.
    entsprechend scheint er ja auch die wirtschaft zu sehen. was interessiert mich das geld (mein geschwätz) von gestern, das die leute nicht gleich ausgegeben haben. jetzt gibts eben neue spielkarten, neues spiel, neues glück...
    das bild des aklof, mit der wildpferdeherde ist ja auch ganz herzergreifend vital, trotzdem scheint mir, daß diese wirtschaftsnobelpreisträger doch recht komische typen sind...

  4. Der geld-kredit-zinstheoretische Zusammenhang ist nur eine Art Brandbeschleuniger. Wer die Evolutionsprozess- und Akzelerationslogik drauf hat, der weiß, dass auch im Industrie-/Kredit-/Wachstumssystem diese Logik waltet. Alle exponentiell wachsenden Natur- und Kulturphänomene (= Wachsen der Siegersysteme) wächsen ihrem Zusammenbruch entgegen. Diese Siegersysteme müssen, um diesem Crash-Schicksal zu entgehen, vom exponentiellen zum logarithmischen Wachstumspfad übergehen. Diese Evolutionsmodell-Logik lernt man in der Schule - aber sie ist für unseren Fall hinreichend.

    In vermachteten Gesellschaften gibt es das Phänomen der Macht, besonder der geheimen Wissensmacht. Den exponetiellen Siegerpfad wird eine Machtspitze nicht freiwillig verlassen. Der Dauersieger (= Umschlag von wirtschaftlichm Erfolg in politische Macht, wie bei der Autoindustrie, Hightech-Industrie gegeben) fühlt man sich übermächtig und unbelehrbar, d.h. man packt immer noch einen drauf. In diese selbstzerstörerische Lage kam die Vormacht der kapitalstockmaximierenden Wachstumszwang-Absolutisten in den Industrieländern. Wann und an welcher Übertreibungsstelle das Kartenhaus ins Wackeln kommt und einstürzt, wird von zufälligen Konstellationen bestimmt.

    Ich hoffe, dass ich Ihnen vorstellbar gemacht habe, dass wir mit einer Evolutionsprozess-Theorie (= Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses) ansetzen müssen, um den weltindustriellen Kulturfortschritt auf einem machtsystemfreien, nicht-crashenden Wachstums-/Akzelerationspfad zu organisieren. Mit Merkels ORDOliberalismus, der evolutonstheorie-erweitert ist, wird uns das gelingen. Kurt Biedenkopf hat in der ZEIT v. 25.11.2004 darüber geschrieben - unter 'Wachstum schafft noch keine Arbeit'. Und Angela Merkel, Thomas de Maiziére und Kurt Biedenkopf sind ein kongeniales, ORDOliberales Team.

    Antwort auf "Die wahre Ursache"
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    "...der weiß, dass auch im Industrie-/Kredit-/Wachstumssystem diese Logik waltet."

    Dem kann man natürlich zustimmen. Andererseits ist es egal ob eine Unternehmensführung ein bisschen beschränkt ist, sie wird zwangsläufig auf den Boden der Tatsachen zurück geholt und normalerweise zerbricht daran nicht gleich die ganze Wirtschaft.

    Das Geldsystem sollte also absolut primär behandelt werden, denn da hängt alles dran.

    "Den exponetiellen Siegerpfad wird eine Machtspitze nicht freiwillig verlassen."

    Dem würde ich gerne zustimmen, allerdings habe ich bei Merkel und Co noch nicht mal das Gefühl, dass die wissen was eigentlich vor sich geht. Sie agieren ziemlich ziel- und hilflos. In Amerika sehe ich dieses Phänomen schon eher. Da ist man sehr zielstrebig und sichert sich derzeit die guten Positionen für die nächste Ponzi-Runde.

    Auch die Bürger sind sich des Problems längst nicht bewusst. Angeblich gab es in den 50-igern einen Volksentscheid zum Freigeld in der Schweiz: er wurde abgelehnt. Mag primär ein Bildungsdefizit sein, aber man sieht auch: gewohnte Pfade zu verlassen ist schwer. Und der Systemfehler ist nicht gerade einfach zu entdecken und hat eine lange prosperierende Vorlaufzeit.

    • RalphS
    • 24. März 2009 16:04 Uhr

    Zitat:Von der ständigen nötigen Verschuldung profitieren nämlich vor allem: die Banken, die immer mächtiger und reicher werden und das fast ohne Risiko
    Nicht die unpersönlichen Banken, die sind nur Tools, sondern vor allem profitieren die Vermögenden, die ihr Geld zur Bank bringen und so uns Normalverdiener für ihre Renditen - bis zu 25% sind realistisch (Ackermann) - arbeiten lassen.
    .
    Zitat: Um diese Zinsen bezahlen zu können (und den Kredit zu tilgen) muss die Kreditsumme mit jeder Generation weiter ansteigen. Genau das nennt man landläufig Inflation.
    Nein, beides falsch.
    .
    Zitat: Ein Problem bekommt man an der Stelle, wo zunehmend Leute immer größere Geldmengen aus der Wirtschaft ziehen um diese zu sparen.
    Welche Leute ? Das sind die Vermögenden, also die Bourgeois, die kaum konsumieren und einen immer größeren Anteil ihres Geldes dem Binnenmarkt und damit dem Normalbürger entziehen, so dass die Realeinkommen seit über 20 Jahren stagnieren bzw. sinken. Diese Vermögensumverteilung müßte auf den Stand des Jahres 1980 per Grundgesetzt fest zementiert werden, denn damals ging es der Bourgeois auch schon sehr gut.
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    Meinungsmache als Ursache der Krise
    In Hamburg, am Stammsitz der ZEIT, sollen laut Manager Magazin Sonderheft aus Oktober 2006, 9 Milliardäre und weitere 27 der 300 reichsten Deutschen wohnen.
    Warum sollten sie und all die anderen reichen Deutschen Interesse daran haben, ihr sauer verdientes Geld (haha) in Deutschland anzulegen, wenn sie die Möglichkeit haben durch Spekulation oder Anlage in Steueroasen noch mehr raus zu holen ? Da diesem Personenkreis das kurzfristige Shareholder Value Denken der FDP besonders gut liegt, haben sie keine Lust, mühselig wie in den ersten Jahrzehnten der BRD unter Ludwig Erhard üblich, ihr Geld in der deutschen Industrie anzulegen.
    Damit dies so bleibt, bestimmen sie als Geldgeber und Meinungsmacher, was in Zeitschriften erscheint und was nicht. Gewisse Kreise sind nun mal der Meinung, dass es kurzfristig besser ist in China zu produzieren.
    Wenn aber erstmal die produzierenden Industrien dezimiert (Opel) und ausgehölt sind, gewinnen die Produzenten in China und Südkorea die Preisgestaltungsmacht durch ihre dann erworbene Monopolstellung (Kartellbildung) zurück.

    Antwort auf "Die wahre Ursache"
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    "Nicht die unpersönlichen Banken, die sind nur Tools, sondern vor allem profitieren die Vermögenden, die ihr Geld zur Bank bringen und so uns Normalverdiener für ihre Renditen - bis zu 25% sind realistisch (Ackermann) - arbeiten lassen."

    Das stimmt durchaus auch, allerdings ist es ja so, dass die Banken nur die Mindestreserve (und evtl. eine Barreserve) als Sicherheit brauchen um mit ihren Einlagen riesige Mengen neues Geld zu schöpfen und Zinsen dafür zu kassieren.

    Bsp. ich bringe 10k Euro zur Bank und kassiere dafür 5% Zinsen (500 Euro), die Bank schöpft angenommen im Verhältnis 1:10 neues Geld und verleiht es für 10%, macht 100k Kreditsumme und Zinsen in Höhe von 10k Euro. Die hätten also an meiner Einlage eine identische Summe Zinsen verdient. Gerade die Kredite an Häuslebauer sind dabei nahezu risikolos, da über Grundschuld etc. abgesichert (zumindest wenn gerade keine Spekulationsblase ;-) mit welchem Recht kassiert eine Bank für meinen Kredit uU zigtausende an Zinsen? Da greift noch nichtmal das Argument der angeblichen Geld-Verzichtsprämie, da die Bank auf nichts verzichtet.


    "Zitat: Um diese Zinsen bezahlen zu können (und den Kredit zu tilgen) muss die Kreditsumme mit jeder Generation weiter ansteigen. Genau das nennt man landläufig Inflation.
    Nein, beides falsch."

    :-) Begründen kannst du das auch? Woher kommt dann die Inflation?

    "Welche Leute ? Das sind die Vermögenden, also die Bourgeois, die kaum konsumieren und einen immer größeren Anteil ihres Geldes dem Binnenmarkt und damit dem Normalbürger entziehen..."

    Das sehe ich durchaus auch so, allerdings ist es in diesem System halt doch etwas komlexer und mir ging es um ein möglichst komplettes Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen und der Ursachen der Krise.

    Die so gern genannten 25% beziehen sich auf die Eigenkapitalrendite, im Falle der Deutschen Bank also auf die Rendite, die sie bezogen auf ihr eigenes Kapital erwirtschaftet. Das ist etwas vollkommen anderes die Renditen, von denen Sie sprechen, und 25% Eigenkapitalrendite ist nicht verwerflich -- jeder Handwerker, Softwareentwickler, Architekt und sogar die meisten Bäcker müssen viel höhere Eigenkapitalrenditen erwirtschaften, um überhaupt überleben zu können.

  5. "Nicht die unpersönlichen Banken, die sind nur Tools, sondern vor allem profitieren die Vermögenden, die ihr Geld zur Bank bringen und so uns Normalverdiener für ihre Renditen - bis zu 25% sind realistisch (Ackermann) - arbeiten lassen."

    Das stimmt durchaus auch, allerdings ist es ja so, dass die Banken nur die Mindestreserve (und evtl. eine Barreserve) als Sicherheit brauchen um mit ihren Einlagen riesige Mengen neues Geld zu schöpfen und Zinsen dafür zu kassieren.

    Bsp. ich bringe 10k Euro zur Bank und kassiere dafür 5% Zinsen (500 Euro), die Bank schöpft angenommen im Verhältnis 1:10 neues Geld und verleiht es für 10%, macht 100k Kreditsumme und Zinsen in Höhe von 10k Euro. Die hätten also an meiner Einlage eine identische Summe Zinsen verdient. Gerade die Kredite an Häuslebauer sind dabei nahezu risikolos, da über Grundschuld etc. abgesichert (zumindest wenn gerade keine Spekulationsblase ;-) mit welchem Recht kassiert eine Bank für meinen Kredit uU zigtausende an Zinsen? Da greift noch nichtmal das Argument der angeblichen Geld-Verzichtsprämie, da die Bank auf nichts verzichtet.


    "Zitat: Um diese Zinsen bezahlen zu können (und den Kredit zu tilgen) muss die Kreditsumme mit jeder Generation weiter ansteigen. Genau das nennt man landläufig Inflation.
    Nein, beides falsch."

    :-) Begründen kannst du das auch? Woher kommt dann die Inflation?

    "Welche Leute ? Das sind die Vermögenden, also die Bourgeois, die kaum konsumieren und einen immer größeren Anteil ihres Geldes dem Binnenmarkt und damit dem Normalbürger entziehen..."

    Das sehe ich durchaus auch so, allerdings ist es in diesem System halt doch etwas komlexer und mir ging es um ein möglichst komplettes Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen und der Ursachen der Krise.

  6. "...der weiß, dass auch im Industrie-/Kredit-/Wachstumssystem diese Logik waltet."

    Dem kann man natürlich zustimmen. Andererseits ist es egal ob eine Unternehmensführung ein bisschen beschränkt ist, sie wird zwangsläufig auf den Boden der Tatsachen zurück geholt und normalerweise zerbricht daran nicht gleich die ganze Wirtschaft.

    Das Geldsystem sollte also absolut primär behandelt werden, denn da hängt alles dran.

    "Den exponetiellen Siegerpfad wird eine Machtspitze nicht freiwillig verlassen."

    Dem würde ich gerne zustimmen, allerdings habe ich bei Merkel und Co noch nicht mal das Gefühl, dass die wissen was eigentlich vor sich geht. Sie agieren ziemlich ziel- und hilflos. In Amerika sehe ich dieses Phänomen schon eher. Da ist man sehr zielstrebig und sichert sich derzeit die guten Positionen für die nächste Ponzi-Runde.

    Auch die Bürger sind sich des Problems längst nicht bewusst. Angeblich gab es in den 50-igern einen Volksentscheid zum Freigeld in der Schweiz: er wurde abgelehnt. Mag primär ein Bildungsdefizit sein, aber man sieht auch: gewohnte Pfade zu verlassen ist schwer. Und der Systemfehler ist nicht gerade einfach zu entdecken und hat eine lange prosperierende Vorlaufzeit.

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    an @ johaupt »
    Wenn Sie, wie nachfolgend zitiert, feststellen, dann sind Sie nicht informiert: "Und der Systemfehler ist nicht gerade einfach zu entdecken und hat eine lange prosperierende Vorlaufzeit."

    Der Systemfehler ist längst erkannt, z.B. von den Profiteuren der wirtschaftlichen und machtpolitischen Ergebnissen der Fehlentwicklungen, die natürlich ihren Erkenntnisstand geheimhalten und sich zum Machtclan organisiert haben. Die IGM gehört z.B. zu diesem Kapitalstockmaximierungs-Clan der Hightech-,Energie- und Banken-Branchen. Der Systemfehler besteht in dem Verteilungsmechanismus des Produktivitätsfortschritts via Flächentariflohnerhöhungen, d.h. strukturelle Bruttoarbeitskosten-Steigerunger. Wenn diese Weichenstellung durch ein energie- und sachkapitalsteuer-finanziertes Zweiteinkommen für Jedermann - national und global organisiert - ersetzt wird, dann haben wir den Exodus aus dem Wachstumszwang- und Kapitalistenmonster evolutionsprozess-logisch geschafft und sind in der Weltordnung-des-nachhaltigen-Wirtschaftens. Das weiß Angela Merkel. Darauf zielt Angelas 'Charta-für-nachhaltiges-Wirtschaften. Man müßte sie nur fragen, um die Senstation öffentlich zu machen.

  7. Auch ich schaetze Krugmans wirtschaftswissenschaftliche Kompetenz sowie seine Faehigkeiten, relativ komplexe Sachverhalte verstaendliche zu beschreiben bzw. durch Vergleiche zu illustrieren.

    Aber der Vergleich mit dem Auto klingt hohl, denn es gibt natuerlich alternative Verkehrsmittel - die ein Auto sogar ueberfluessig machen (koennen). Die "Gier nach Bewegung" befriedige ich jedenfalls mit dem Fahrrad und, wenn es schneller gehen muss, mit dem Zug!

    ********************************
    Ich gehe, damit ich wiederkommen kann.

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