BELLETRISTIK Sendungsbewusstsein

Jürg Laederach verschickt Emails aus dem Stegreif

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enialer Sound, dürftiger Plot: Jürg Laederachs Depeschen nach Mailland polarisieren so radikal, dass Polschwankungen unmöglich werden. Entweder wir stehen auf diesen Sound, dann stehen wir die Depeschen durch; oder wir stehen nicht, dann unterliegen wir. Stöhnend. Also schreibt Laederach, der große in Basel ansässige Schweizer Anarchist und Freistildenker: »Gestern vor dem Einschlafen stöhnte ich kurz, heute früh beim Aufwachen stöhnte ich wieder, und als Bemerkung, über mehrere Stunden verteilt, war es tiefsinniger als jeder Filosof.«

Was liegt hier vor? Laederach hat seinem Kollegen Michel Mettler fünf Jahre lang Mails geschrieben, Mettler hat die Mails gesammelt, gekürzt und gebündelt, und plötzlich haben wir nach Jahren des Harrens wieder ein Laederach-Buch. Dass es Inhalte gibt, ist nicht ganz zu vermeiden, aber keineswegs als Absicht aufzufassen. Anfangs geht es vor allem um Jazz, nein, falsch, nicht um Jazz, sondern um verschollene Platten, die Laederach für Mettler ausgräbt, preist, auf CD brennt: »brenn gut, zünd andere an.« Lob des Nero und Jammer über Computerkatastrophen werden ausführlichst ausgebreitet, dem Mailabsender und seinem »Sendungsbewusstsein« gelingt ebenso unablässig wie virtuos die »Aufknackung der inzwischen überall vorhandenen Kopierschutze«, was wir als Laederachs Tribut an »Madame la Réalité« verstehen und ertragen wollen, vor allem aber des profunden Plurals wegen bejubeln.

Laederach befindet sich unablässig »in der Wirre«; einmal so sehr, dass er erklärt: »Ich will mich erklären.« Er tut es nicht. Ein andermal kündigt er an: »Näheres später.« Das Nähere kommt nie, also kommentiert Laederach Ferneres. Ein Anruf übers Wochenende wird »quasigarantiert«, die »Tiefe der Überquellung und Ordnungsherstellungsunmöglichkeit« wird beschworen, der Siegeszug des Rechtspopulisten Blocher ein »übrigens totalneuer Fall«. Fazit: »Also es ist furchtbar, aber rekord-furchtbar, also interessant.«

Leitmotive kristallisieren sich heraus, meist sind es Leidmotive: schlechte Filme, Katzenpsychologie und Laederachs Erleidnisse als »Berufs-Patient«, der zwischen Dialyseterminen und Krankenhausaufenthalten kaum noch zu Atem kommt, aber immer zum Mailen, das entsprechend kurzatmig ausfällt. Zwischen Kommentaren zum Papststerben (»dieses Glaubensbrünstige ist blutspeiend«) und zum Literaturbetrieb (»ein völlig degeneriertes gigantisches autoritäres Gouvernanten-System«) dämmert Laederach plötzlich, dass er seinen allkompetenten Adressaten unterfordert, also denkt er sich für ihn eine ultimative »360-Grad-Frage« aus: »Sag mir, warum gibt es das Wie, und wo findet man es des Öftesten?«

Adressat Mettler ist mitnichten unterfordert, sondern entzückt; im Nachwort bejubelt er Laederach als »Stegreifliteraten ersten Ranges« und meint gar, der vorliegende Depeschenband tauge als Appetitanreger für alle, denen echte Laederach-Bücher zu schwere Kost seien. Wer dem folgt, könnte sich eine schwere Magenverstimmung zuziehen. Der Sound ist zwar da, rührt aber von einem bloßen Stimmen der Instrumente her, und wer hier bereits klatscht und nach Zugaben schreit, trägt die Schuld daran, dass das Laederachorchester nach dem Stimmen die Bühne schon wieder verlässt. Nie schreibt der alltagbeschreibende Laederach etwas davon, dass er anderes schriebe als Mails, aber einmal erwähnt er eine »Überraschung, die ich rausmolk aus dem großen Euter des Niepublizierten«, es gibt also einen Fundus an nichtgedruckten Laederach-Texten – echten Texten, heißt das, nicht nur Stegegriffenem aus dem Unterliegebereich. Nur als Ankündigung dieser Texte mögen wir vorliegende Depeschen goutieren, ansonsten gilt, was wir hier lesen: »Gott, wenn diese Musiker sich bloß auf ihren Beruf konzentrieren und uns nicht auch noch den Privatmann zeigen möchten, der nichts taugt.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Belletristik | Literatur | Jazz | Basel
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