Belletristik Dichter und Sex

Ralf Rothmanns Alter Ego steckt in einer furchtbaren Dreiecksbeziehung

Der Hauptprotagonist in Ralf Rothmanns neuem Roman Feuer brennt nicht ist ein Schriftsteller. Der Schriftsteller heißt Wolf, von seinem Namensgeber trennen ihn also nur zwei Buchstaben. Das nennt man Alter Ego.

Was sind Schriftsteller? Menschen mit wenig Kontakt zur Außenwelt, die mühsam ihren Alltag bewältigen, sofern nicht eine weibliche Hand ihr weltentrücktes Dasein stützt.

Wo leben Schriftsteller? Sie leben in Berlin, an der ewig traurigen, durch den Mauerfall nur scheinbar durchlässig gewordenen Nahtstelle zwischen Ost und West.

Wo lernt ein Schriftsteller eine Frau kennen? Da er kaum Freunde hat: auf einer Lesung. Auf Lesungen gibt es Buchhändlerinnen, das ist praktisch. Praktisch auch, dass Buchhändlerinnen Bodenhaftung haben, Schriftsteller nicht, und sich beide so gut ergänzen.

Worüber schreiben Schriftsteller? Sie schreiben gern über einen Schriftsteller. Über einen Schriftsteller zu schreiben hat den Vorteil, sich mühsame Recherchen zu ersparen. Was es heißt, ein Schriftsteller zu sein, weiß der Schriftsteller noch immer am besten.

Aber das Schriftstellerdasein ist doch gar nicht so interessant! Stimmt: Wortfindungsprobleme, Rückenschmerzen, Alkohol. Ein begrenztes Sujet. Also führt der Autor seinem Protagonisten Wolf eine Frau zu, Alina, die Buchhändlerin, so lässt sich ein bisschen was über die große Liebe sagen. Und eine Nebenbuhlerin, Charlotte, so lässt sich ein bisschen was über die beiläufige Liebe sagen.

Dann mal ab in die Kiste mit dem Schriftstellermann und bitte bedeutungsvoll schwitzen! Die Stellungen, etwas Gelenkigkeit vorausgesetzt, sind nicht unergiebig und das männliche Glied nicht nur eine Metapher, mit der sich prächtig spielen lässt. In der Jugend bekanntermaßen zuverlässiger als in reiferen Jahren, wo zur hingebungsvollen weiblichen Mund- und Handarbeit noch Pornos laufen müssen, damit sich endlich eins zum anderen fügt. Vor und nach derartigen Szenen lässt sich manches über das Alter an sich sagen: »Wehe dem, der nicht im Schutz der Liebe altert.«

Wie denn überhaupt in diesem handlungsarmen Buch sehr viel an sich gesagt werden muss. Über die Erinnerung: Sie »ist … nicht das Mittel, um aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk zu machen. Dazu fehlt es ihr an Vollkommenheit.« Über das Künstlertum: »Wer aufhören kann, hätte niemals anfangen dürfen.« Über die Ehe: »Eine Liebe mit Stempel, das ist wie ein Gedicht ohne Poesie.«

Da also nicht recht etwas passiert in diesem Roman, kein komplexes personales Gefüge errichtet wird, muss jeder Körperfalte Tiefsinnigkeit untergeschoben werden und jeder Geste Welthaltigkeit. Und das geschieht in bester deutscher Empfindsamkeitstradition. Alina ist das »Sexuelle so selbstverständlich wie Atmen oder Wassertrinken«. Wolf, der ewig Gespaltene, »macht« nur Liebe, Alina aber »ist Liebe«, ein Zauberwesen, das am Schenken mehr Freude hat als am Beschenktwerden (»Mein einziges Talent besteht darin, dich zu lieben«) und das, wenngleich mit unterdrückter und zunehmender Erschütterung, Wolfs Fremdgehen erträgt.

Jedes Käthchen aber braucht Kunigunde, um zu erstrahlen, und so ist Charlotte, Karrierefrau überdies, Alinas sexuell rastloser Gegenpol mit charlotterochehaftem Anstrich: »Dass sie etwas unsauber ist an dem Abend, dass ihre Möse mit den eingerollten grauen, von der Wäsche angedrückten Schamlippen einen leichten Hautgout hat … erregt ihn sehr.« Das Heilige und das Dreckige, die schöne Leiche und die Hure – diese seit dem Aufstieg des Bürgertums verhandelten Weiblichkeitszuschreibungen sind hier so atemberaubend schematisch auf zwei Frauenfiguren verteilt, dass sie Feingezeichnetem entgegenarbeiten: prosagedichthaften Landschaftsbeschreibungen oder funkelnden Alltagsbeobachtungen im diffusen Nachwende-Ostberlin. Rothmann ist ein Meister darin, Stimmungen aus einem beiläufigen Kuss, dem Flugverlauf einer Möwe zu erschaffen. Und wunderbar, wenn derart Miniaturhaftes in seinen Romanen mit satten Milieubeschreibungen verschränkt ist wie etwa in seinen Ruhrgebietsromanen (Stier, Wäldernacht, Milch und Kohle, Junges Licht) oder in Hitze, in dem die Großküchengerüche Berlin-Kreuzbergs verewigt sind.

Rothmann schreibt schutzlos, indem nichts durch Ironie leichtfertig aufgehoben wird, ernst und pathetisch: ein selbstbewusster Flirt mit dem Kitsch. Es gibt Stellen in Feuer brennt nicht, die kunstvoll vergessen lassen, dass er diesmal nur um sich selbst kreist.

 
Leser-Kommentare
  1. Eine ärgerliche Rezension! Sie gibt den Plot des Klappentextes wider, schiebt einige heraus gepickte Zitate ein, moniert ein fehlendes Interesse an Recherche, die den Plot interessanter hätte machen können, und findet zuletzt die älteren Bücher Rothmanns besser (die dann vielleicht wirklich gelesen wurden). - Eine so allgemein gehaltene "Kritik" - die wohl eher an eine durch Fernsehformate eingeführte Art der Auseinandersetzung mit Büchern erinnert, hätte man sich sparen können.
    Das Buch bietet bei genauerer Betrachtung genügend Stoff, der hier hätte thematisiert werden können. Aber dazu hatte der Rezensent wohl keine Lust. Schade, aber mit solchen Phrasen wird man dem Buch des hervorragenden Autors Rothmann wirklich nicht gerecht.

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