Lost in Translation
Über den Kampf gegen Wikinger, unser Layout und weshalb manche Romane in DER Übersetzung besser sind als im Original
Der Boß sagt: »Zeit für eine neue Übersetzungskolumne. Aber nicht so lang wie letztesmal. Das Layout kämpft um seine schönen weißen Flächen.«
Bei meinem letzten Promi-Fragebogen habe ich auf die Frage, was ich hasse, eingetragen: »Architektur; Layout; überhaupt Design.«
Aber wenn es etwas sein soll, was nicht viel Platz braucht, empfiehlt sich, nein, drängt sich mein theoretisches Rüstzeug geradezu auf. Bei allen, die das von mir schon mal gelesen oder gehört haben, möchte ich mich entschuldigen, bei allen anderen ausdrücklich nicht; Gelegenheit genug hätten sie gehabt.
Es kann durchaus passieren, daß eine – gern auch kriecherisch werktreue – Übersetzung aus dem Englischen auf deutsch besser ist als das Original. Das hat dann zwei Gründe. Erstens den, den ich den Krimi-Effekt nenne. Bei längeren deutschen Sätzen kommt das Verb am Schluß. Wenn der Leser erfahren will, was Held mit Heldin gemacht hat, muß er den ganzen Satz lesen. Hat er sie geküßt? Hat er sie ermordet? Hat er ihr einen Fuffi geliehen? Im Original dagegen weiß der Leser sofort Bescheid und sagt: »Och nö, nicht schon wieder.« Zweitens stimmt natürlich, was Tucholsky gesagt hat: »Englisch ist eine einfache, aber schwierige Sprache. Es besteht aus lauter Fremdwörtern, die falsch ausgesprochen werden.« Wobei die Wörter, die von Herzen kommen, z.B. heart, angelsächsischen, also germanischen Ursprungs sind und von jedem Torfstecher verstanden werden, während man für das dazugehörige Adjektiv, cordial, bereits mindestens Mittlere Reife braucht, und herzlich bedeutet es dann noch lange nicht, sondern eher das Gegenteil, weil es normannischen, also romanischen Ursprungs ist.
Als die Normannen im Jahre 1066 (sage ich mal so) die Engländer kolonisierten (was bis heute anhält. Sehen Sie sich mal das Oberhaus an: alles voller Normannen. Und anstatt die Normannen rauszuschmeißen, wie die Iren es in der Schlacht bei Clontarf mit den Vorläufern der Normannen, den Wikingern, gemacht hatten, haben die Engländer, weil sie es zu Hause unter den Normannen nicht mehr aushielten, mehr als die halbe Welt kolonisiert, um Leute wie Lady Curzon bei Laune zu halten), war Normannisch bald in bzw. dans le vent, und Angelsächsisch war out bzw. out, weshalb bis heute die Faustregel gilt: Alles, was Arbeit macht, heißt germanisch, also cow; alles, was Spaß macht, heißt romanisch, also beef. Das geht so weit, daß die germanische Endsilbe -son und die keltischen Präfixe Mac, Mc und O’ nebbich Sohn bedeuten, während das romanische Fitz- (von fils), hoho, unehelicher Sohn heißt.
Hier müßte ich Ihnen eine schön lange Passage aus dem besten Roman, der je geschrieben wurde, Auf Schwimmen-zwei-Vögel von Flann O’Brien, zitieren, einmal im Original, sozusagen zur Abschreckung, und einmal auf deutsch, aber das Layout, das Layout. Ich kannte das Buch in der Übersetzung von Lore Fiedler (Unter dem Titel Zwei Vögel beim Schwimmen), und als ich mich daranmachte, es zusammen mit Magister Helmut Mennicken neu zu übersetzen, war ich entsetzt, wie kalt es mich gerade da ließ, wo es auf deutsch am prallsten, am wunderprächtigsten gewesen war, und das lag an öden Wörtern wie recalcitrant. Was bedeutet recalcitrant? Recalcitrant bedeutet gar nichts, recalcitrant bedeutet Nachschlagen. Dann aber fängt es an zu funkeln, dann aber schlägt es uns in seinen Bann, dann heißt es plötzlich aufsässig, und das Leben wird wieder schön.
Und weil wir dem Layout nicht kampflos das Feld überlassen wollen, erzähle ich Ihnen noch rasch die Schlacht bei Clontarf (1014). Die Wikinger hatten mal wieder Irland überfallen, und der irische Großkönig Brian Boru rief die irischen Kleinkönige zum Krieg gegen die Eindringlinge. Die irischen Kleinkönige waren natürlich selig, weil es Krieg gab, und strömten massenhaft mit ihren Kriegern nach Clontarf. Als aber die Wikinger ihre Schwerter aus Schwedenstahl zogen und den Iren den Kopf abhauten, waren die Iren so sauer, daß sie alles, was sie an hinderlichen Waffen möglicherweise bei sich getragen haben mochten, fallen ließen und den Wikingern mit bloßen Händen die Gurgel zudrückten. Denn so ging es ja nicht. Es konnte zwar bei irischen Kriegen durchaus mal vorkommen, daß jemand, wie man in Hamburg sagt, tot blieb, aber das war nicht der Sinn von Kriegen. Und während der gesamten Schlacht bei Clontarf saß Brian Boru, der bereits Christ war, in seinem Zelt und betete um einen günstigen Ausgang, weshalb man heute noch in Irland, wenn jemand zu lange auf dem Klo sitzt, an die Tür hämmert und sagt: »Mach da drin mal nicht den Brian Boru.« Immerhin hatte er erfolgreich gebetet, die Iren hatten gewonnen, bohrten in der Nase und wußten nicht weiter. Bringen wir sie jetzt alle um? Vertreiben wir sie so, daß sie sich nie wieder hier blicken lassen? Alles viel zu mühsam. Stattdessen sagten sie zu den besiegten Wikingern: »Ihr Mistkerle gründet jetzt erst mal in aller Ruhe Dublin, und dann sehen wir weiter.«
Das ging auch ein paar Jahrhunderte lang gut, bis die gesamte Idylle von den Engländern kolonisiert wurde, wodurch eine gewisse recalcitrance entstand, die sich wie bekannt irgendwann in Aufsässigkeit verwandelte.
Und nun zurück zur Tundra, zur Tundra des Layouts.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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