BELLETRISTIK Der böse Onkel

Susanne Schädlich erzählt eine deutsch-deutsche Familiengeschichte

E

ine ordentliche Tragödie zeichnet sich unter anderem durch die solide Verzahnung von Notwendigkeit und Zufall aus. Der Anstoß scheint oft beliebig. Hat aber das Schicksal erst einmal seinen Lauf genommen, lässt es sich nur schwerlich noch aufhalten. Selbst der Tod markiert dann nicht unbedingt einen Endpunkt, eher das Startzeichen für weiteres Unheil.

Dort wo sich Lebensläufe mit politischen Entwicklungen kreuzen, findet die Tragödie ideale Ausgangsbedingungen. In solchen Fällen sprengt die Beschreibung dieses Schicksals die Gattungsgrenzen, ob Roman, Bericht, Dokumentation, bleibt gleichgültig. Auch die Frage nach der literarischen Qualität tritt zurück hinter die Authentizität der Geschichte und die Wucht des Schreckens.

Am 17. Dezember 2007, morgens um 9.23 Uhr, klingelte Susanne Schädlichs Handy. Sie stand gerade vor dem Eingang des Kindergartens, um ihre Tochter abzuliefern. Am Apparat ihr Vater, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich. Er fragte, ob sie reden könne. Sie sagte, sie riefe gleich zurück.

Grund des Anrufs war der Selbstmord von Schädlichs Bruder Karlheinz, der sich in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember auf einer Bank des Böcklerparks in Ostberlin erschossen hatte. Die Nachricht stand in allen Zeitungen.

Zur Beerdigung ist die Familie nicht gegangen. Obwohl man ihr sagte: »Der Tod setze andere Maßstäbe. Verzeihen könne man auch dem Toten.« Aber die Autorin schreibt: »Es gibt kein Ende, das weiß ich jetzt. Nicht in dieser Angelegenheit. Nicht in dieser Zeit.« Und noch etwas: »Dieser Tod macht nichts ungeschehen.«

Damit ist die Ausgangslage schon einmal angedeutet. Susanne Schädlich, die Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, musste dieses Buch schreiben. Für sie wurde die Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Familie unvermeidlich. Denn fünfzehn Jahre zuvor war sie schon einmal von einem Anruf aus der Bahn geschleudert worden. Im Januar 1992. Damals war es ihre Mutter, die anrief.

Begonnen hatte die Geschichte Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Ost-Berlin. Der Sprachwissenschaftler Hans Joachim Schädlich, Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften, hatte einige Texte geschrieben, für die in der DDR keine Chance bestand, veröffentlicht zu werden. Er gehörte damals schon zu einer Gruppe von ost- und westdeutschen Schriftstellern, die sich in unregelmäßiger Folge bei Klaus Schlesinger und Bettina Wegner oder Erich Arendt in Ost-Berlin trafen, nur zu dem Zweck, sich gegenseitig aus entstehenden Arbeiten vorzulesen und darüber zu diskutieren. Aus dem Osten nahmen an diesen Treffen Sarah Kirsch, Adolf Endler, Elke Erb, Jurek Becker, Günter Kunert teil. Aus dem Westen kamen Günter Grass, der als Initiator dieser Treffen gelten kann, dann unter anderen Nicolas Born, H. C. Buch, Peter Schneider, Rolf Haufs, Reinhard Lettau, einmal auch Max Frisch. Den Ost-Berliner Behörden waren diese Zusammenkünfte mehr als suspekt. Weil sie, prominent bestückt, in privaten Wohnungen stattfanden, schien es schwierig, dagegen vorzugehen. Schädlich gelang es jedenfalls, aufgrund dieser Kontakte, seinen ersten, sehr erfolgreichen Erzählungsband Versuchte Nähe im Rowohlt Verlag unterzubringen.

Am 16. November 1976 wurde dem Liedermacher Wolf Biermann, nach dem Konzert in Köln, die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen. Die Wirkung glich der eines Zündbeschleunigers in explosiver Umgebung. Als Hans Joachim Schädlich eines Abends sehr spät nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: »Ich bin drauf.« Das sollte heißen: Auch er hatte den Protestbrief gegen Biermanns Ausbürgerung unterschrieben. Danach ging alles sehr schnell. Noch im Dezember durften die Schädlichs in den Westen ausreisen.

Hier beginnt nun die zweite Geschichte, die uns Susanne Schädlich erzählt: Zwölf Jahre war Susanne Schädlich damals. Grass hatte die Familie zunächst aufgenommen. Doch dann begannen die Probleme. Der Vater versank in Depressionen. Und immer wieder kommt es zu unerklärlichen Irritationen, die erst aus den Stasiakten erklärlich werden.

Einer der wenigen Haltepunkte im Leben der jungen Susanne bleibt der Onkel in Ostberlin. Mit ihm, dem Historiker Karlheinz Schädlich, telefoniert sie regelmäßig. Ihn besucht sie so oft wie möglich. Er ist, scheint ihr, stets für sie da.

Am 29. Januar 1992 erreicht Susanne in Los Angeles ein Anruf ihrer Mutter aus Berlin. »Setz dich.« Einige Tage zuvor hatte Hans Joachim Schädlich begonnen, seine Stasiakten zu lesen. Er stieß auf den IM Schäfer. Auf seinen Bruder.

Und dann auch auf den Abschlussbericht der Stasi, 1984. »Mission erfüllt. Die Familie zerschlagen. Eltern unschädlich gemacht.« Die – unglaublichen – Einzelheiten kann man detailliert nachlesen. Dennoch behauptet Susanne Schädlich jetzt etwas trotzig: »IM ›Schäfer‹ hat uns kein Rätsel aufgegeben.« Das stimmt sicher nicht. Auch wenn richtig ist, was sie weiter schreibt: »Er hat unser Vertrauen gestohlen. Wir versuchten, mit dem Verrat fertig zu werden (…) Der Onkel war ein Dieb, er hat sich uns gestohlen.«

Hier liegt das treibende Motiv für dieses Buch. Es ist unglaublich, was Karlheinz Schädlich, völlig ungerührt, alles, weit über die Familie seines Bruders hinaus, angerichtet hat. Es ist, auch wenn man es oft gehört oder gelesen hat, immer wieder unfassbar, wie die Stasi gearbeitet hat. Immer wieder Dezember, ein beeindruckendes Dokument von Niedertracht, Skrupellosigkeit und Verrat, ist ein Lehrbuch deutscher Nachkriegsgeschichte.

 
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