BELLETRISTIK Verloren in Wien

Thomas Stangl fliegt durch die Geschichte und treibt seine Helden in die Apokalypse

D

ie ersten Sätze, die dem Leser die Stadt Wien als einen »seltsamen ausgeschnittenen Ort« vorstellen, führen tief in das Buch hinein und gleichzeitig in einen dunklen Raum, in ein trostloses Gelände. Schon in dem früheren Roman Ihre Musik hat der 1966 in Wien geborene Thomas Stangl seine Figuren und Orte schnellen Umschwüngen vom hellen Dasein in die diffuse Schemenhaftigkeit ausgesetzt. Emilia und Dora Degen, Mutter und Tochter, sahen sich in diesem ersten Roman gegenseitig dabei zu, wie ihnen das Leben in der gemeinsamen Wohnung, einem Museum mitgeschleppter Gewohnheiten, durch die Finger glitt.

In seinem neuen Buch was kommt greift Stangl die Figur der Emilia nochmals auf, der wir nun im Jahr 1937 begegnen, also kurz vor dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Die Tochter aus begütertem Haus ist leidenschaftliche Leserin und ständig auf der Suche nach einem »Anderswo«, besonders in ihren Büchern, die über Indien, China und ein Italien vergangener Jahrhunderte berichten. Sie verliebt sich in ihren jüdischen Mitschüler Georg, Sohn eines Buchhändlers. Bevor er eines Nachts in Todesangst beschließt, aus Wien zu fliehen, bleibt den beiden, die sich in der eigenen Stadt wie Nomaden auf fremdem Boden bewegen, das Glück eines kurzen Sommers.

Thomas Stangl folgt in einer weit ausholenden sprachlichen Bewegung ihren Reisen durch Wiens verwinkelte, unaufgeräumte Gassen, Wohnungen und Seelen. Das Paar beobachtet die Attitüden, Sprechweisen und Alltagsrituale der Menschen, kurz bevor sie sich an Hitlers Reich ausliefern werden und das, »was kommt«, zur Realität wird. Die heraufziehende Katastrophe wird in den Gerüchen der Körper, den Ausdünstungen der Zimmerwände, Treppenhäuser und kleinen Läden vorausgeahnt. »Weite, graue Flächen, wie unbekannte Gewässer, breiten sich auf den Plätzen aus: Löcher in der Wirklichkeit, Unzugängliches.« Zukunft, das will Stangl zeigen, liegt nicht nur in der Luft. Sie hat einen langen Vorlauf auf der Erde, wo sie in einer ungeregelten, aber beredten Sprache frühzeitig ihre Zeichen setzt.

Überraschend die Tatsache, dass sich ein gerade erschienenes, anderes Buch ebenfalls dem Jahr 1937 widmete: Karl Schlögels große Untersuchung über Moskau, Terror und Traum, in der auf dokumentarischer Grundlage die Verknüpfung kollektiver Fantasien mit historischem Geschehen entschlüsselt wird. Thomas Stangl lässt Zeit und Ort aus einem anderen Blickwinkel entstehen, indem er auf die meisterhaften Fähigkeiten seiner Figuren setzt, den Warnzeichen kommender Ereignisse ein Gesicht zu geben. »Sie schaut in der Pause aus dem Fenster, draußen riecht es nach Sommer, junge Frauen mit ärmellosen Kleidern gehen vorbei, ein eleganter Mann mit breiter Krawatte und beigem Hut, ein Strotter mit um die Füße gewickelten Lappen.« In den Bildraum von 1937 werden Zeitungsnotizen, die ihre eigenen bitteren Geschichten zu erzählen beginnen, eingefügt: Selbstmord- und Suchmeldungen; Bittgesuche arbeitsloser Bürger; Berichte über Fahnenweihen und das Hausiererverbot.

Rettung vor dem drohenden Unheil bietet der Rückzug auf zivilisatorische Glanzpunkte, auf Vorbilder und deren sublimes geistiges Leben. Georg und Emilia entdecken das Kapital von Karl Marx, den argentinischen Tangosänger Gardel, sie lesen Gedichte, Bücher, die Georg aus dem Laden des Vaters mitbringt, und stellen sich vor, am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Der Gedankenaustausch des Liebespaares mündet, mit Blick auf den Donaukanal, im Wunsch, mit dem Wasser zu »verschwimmen«, sich einfach hineingleiten zu lassen und unterzugehen.

In den gedankenversunkenen Kosmos des Paares blendet Thomas Stangl, in einem waghalsigen formalen Manöver und mit grellen Schnitten, die Innenwelt einer weiteren, dritten Person ein. Andreas, ein Schüler aus den späten siebziger Jahren in Wien, lebt bei seiner kranken Großmutter, mit der er abends Kartoffelchips futtert, fernsieht und Domino spielt. Jeden Tag legt sie ihm die Kronen Zeitung auf den Küchentisch, die den Jungen am Schierlingsbecher der Meinungsbildung nippen lässt.

Mit Andreas geraten Signale gegenwärtigen Lebens in den Text. »Eine zerfließende Zeichnung«, so sieht er sich selbst. Stangl nennt ihn »ein starres Etwas, ein sirrendes Stück Metall«. Eine Beschreibung, die in dem Sonderling das unter Höchstspannung stehende, verschreckte und benachteiligte Kind erkennt. Seine Mitschüler, nach deren Anerkennung der Junge immer vergeblicher giert, schockiert er durch die Mitteilung »ich mag den Kreisky nicht, mit seiner Nase. Seiner Judennase«.

Der soziale Abstand zwischen ihm, dem kleinbürgerlichen Siebziger-Jahre-Kind, und dem exklusiven Paar von 1937 könnte nicht größer sein. Stangls Roman setzt die Stimmen und Stimmungen des explosiven Dreiergespanns dennoch zu einer unteilbaren Sprachkomposition zusammen. Der Flug seiner Protagonisten durch die Geschichte und ihr Sturz auf das harte Pflaster der Wirklichkeit werden sie am Ende als Bewohner eines gemeinsamen historischen Bodens zeigen. Drei Leben, eine Bewegung. Eine Suche. Und ein Teufelskreis im Sog der Phantomwelten. Georg wird für immer verschollen bleiben, aber als unvergessen Anwesender das Leben mit Emilia teilen. Sie wird jahrelang auf der Suche nach ihm durch eine wahnsinnig gewordene Stadt jagen, in deren Straßen die Menschen gelbe Sterne an ihren Mantelaufschlägen tragen und die Selbstmörder umgehen.

Andreas, der »Nachgeborene«, verliert nach dem Tod der Großmutter jeden Halt. Sein Schicksal, so legt das Buch es nahe, greift nicht nur zeitlich weit zurück in »dunkle Räume«, sondern formt und modelliert bereits das, »was kommt«. Thomas Stangl treibt die Menschen, die er in seinem Buch zwischen »Wien« und »Wüste« ansiedelt, einem apokalyptischen Ende zu. Atemlos vorgetragen und in seitenlange Sprachblöcke zusammengestaucht, reißt dieses Buch den Leser in das Geschehen hinein. Als folgte die Sprache, ohne aufzublicken, der unbändigen Logik eines zeitgleich in alle Richtungen zersprengten Geschehens. Sie lässt in ihrem Kreisen um drei Jugendliche in Österreich Spielräume und Reichweiten zeitgenössischer Erfahrung und des Mitempfindens entstehen. Ein Gefühl für Ferne und Nähe des Lebens, das wir selber führen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service