Liebeskolumne Aushungernde Belagerung

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Muss man den Hochzeitstag feiern?

Die Frage: Peter und Anne führen ein glückliches Familienleben mit zwei Kindern. Sie haben zwar beruflich viel um die Ohren, aber es scheint, dass sie mit dem Stress ganz gut zurechtkommen. Sie teilen sich die Aufgaben der Kinderbetreuung und des Haushalts. Ihr Umgang miteinander ist harmonisch, obwohl sie nur noch wenig als Paar unternehmen, immer sind die Kinder dabei. Am Hochzeitstag will Anne etwas besonderes machen und plant mit Peter einen Theaterbesuch, doch er sagt ihr, dass er zu müde ist. Danach ist die Stimmung bei den beiden plötzlich auf dem Tiefpunkt. Anne reagiert sehr verletzt auf die Absage und spricht drei Tage lang nicht mehr mit ihrem Mann. Plötzlich stellt sie ihre ganze Beziehung infrage. Peter ist ratlos, er versteht nicht, dass Anne wegen solch einer Lappalie so gekränkt ist.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Anhand einer groß angelegten Sterbestatistik in Kalifornien hat sich herausgestellt, dass Frauen signifikant häufiger nach einem Geburtstag sterben – Männer hingegen vor einem Geburtstag. Auch im Alltag beobachten wir, dass Männer Feiermuffel sind, gerade was Jahrestage angeht. Für ein Liebespaar ist das Motto "Wir haben Geburtstag" förderlicher als "Schon wieder ein Jahr!". Also bin ich inhaltlich auf Annes Seite. Sie hat recht, Peter ihre Verärgerung spüren zu lassen. Formal finde ich aber drei Tage Schweigen verdächtig, das hat etwas von einer aushungernden Belagerung und zeigt, dass das Paar in seiner Regenerationsfähigkeit geschwächt ist. Wenn die beiden nicht aus diesem Ereignis lernen, sind sie ein typischer Kandidat für eine Trennung, sobald die Kinder aus dem Hause sind.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine E-Mail an liebeskolumne@zeit.de .

Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.

 
Leser-Kommentare
  1. Also, ich war schon immer schlecht mit den Jubiläen.... es kommt da schon mal vor das ich meinen Geburtstag vergesse oder nachrechnen muss wie viele Jahre ich schon durch das Leben gewandert bin...

    Auch das mit dem feiern von irgenwas. Das geht ganz gut, spontan oder auf kurzfristige Abmachung... aber irgend welche anderen Auslöser für Feiern liegt mir nicht so und je länger das geplant wird desto schwerer...

    Aber die Frauen, die haben etliche Termine im Kopf und da wüsste ich schon gerne warum das so ist... bzw. warum die Männder da tendeziell in's Hintertreffen geraten... Oder sind sie etwa doch vorne?

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service