Klassik Wie die Engel singen
In der kleinen Familie der Countertenöre ist der Franzose Philippe Jaroussky derzeit der populärste. Seinem intensiven Gesang kann niemand widerstehen

© Serge Cohen/Cosmos/Agentur Focus
Philippe Jaroussky (2. von re.) mit Serge Saitta, Marco Horvat, Yoko Nakamura und Marc Wolff
Es waren Männer wie nicht von dieser Welt. Sie wuchsen bis in ihr vierzigstes Lebensjahr und waren überdurchschnittlich groß. Mit gewaltigem Brustkorb und enormem Schalldruck sangen sie in schwindelnder Höhe, an Strahlkraft jede Sopranistin hinter sich lassend, an Sex-Appeal jeden Rivalen – Seitensprünge mit den durchaus potenten Kastraten blieben natürlicherweise kinderlos. Gut zweihundertfünfzig Jahre weilten diese Saurier des Gesanges auf dem Planeten, die letzten erreichten noch das 20. Jahrhundert. Vor allem die barocken Komponisten haben ihnen ein gewaltiges Repertoire komponiert. Die Geschichte der Countertenöre hingegen ist jung, sie beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie handelt ebenfalls von Außenseitern, die es ins Zentrum schaffen.
Der derzeit populärste Countertenor ist zugleich der jüngste. Vor elf Jahren erst begann Philippe Jaroussky, jetzt 31, ernsthaft mit dem Singen. Mittlerweile hat er rund 25 CDs mit renommiertesten Barockensembles produziert und Preise gewonnen, von denen Altisten früher nur träumen konnten. Er füllt mit Arienabenden Konzertsäle – und stellt erst mal klar, dass keiner den Kastraten das Wasser reichen kann. »Es gibt viele Arien für sie, die wir nicht singen können, sie sind zu hoch.« Auch wo die Tessitura zu ihm passt, muss er tricher, wie er sagt: mogeln. »Die Kastraten konnten eine ganze Seite singen, ohne zu atmen. Sie hatten ein enormes Lungenvolumen. Ich muss häufiger atmen, das ändert nicht viel an der Musik. Aber das Barockpublikum hat auf diese langen Phrasen ohne Atem gewartet.« Und natürlich auf den überirdischen Effekt, so viel Lungenkraft durch einen Kinderkehlkopf gebündelt zu hören.
Die Töne des Philippe Jaroussky haben eine andere Magie, anders auch als die seiner Kollegen, die er mit dem »wir« umfasst wie eine Familie. Rund klingt seine Stimme, kein bisschen angeschärft, wie das leicht passiert, wenn beim Falsettgesang nur die Stimmbandränder schwingen, oder forciert bis zur Trompetenhaftigkeit. Und wo bei anderen in tieferen Lagen schon Baritonfarbe anklingt, tönt Jaroussky – ja, wie eigentlich? Weiblich? Engelhaft? Natürlich? Organisch verbinden sich die Register, organisch verbindet sich wiederum das Timbre mit der Gestaltung der Silben, Worte, Affekte, der Gefühlslinien bei Händel und Vivaldi. Freilich haben schon drei Generationen von Countertenören – seit dem legendären Alfred Deller im England der fünfziger und sechziger Jahre – daran gearbeitet, die barocke Musiksprache neu zu beleben.
Dabei ist eine stilistische Sicherheit und Geschmeidigkeit entstanden, an die in dritter Generation – nach René Jacobs und Paul Esswood – so unterschiedliche Sänger wie Andreas Scholl und Kai Wessel, David Daniels und Michael Chance anknüpfen konnten und jüngere wie Fabrice de Falco. Der bescherte Philippe Jaroussky, was er seine vocation, seine Berufung nennt. »Er sang Farinellis Arien, und ich war hypnotisiert. Ich dachte, ich kann das auch!« Bis dahin hatte er nur vor sich hin geträllert, aber schon eine musikalische Ausbildung genossen. Auf Anraten eines Musiklehrers hatten Philippes Eltern, musikalisch nicht speziell interessiert, ihm Geigen- und Klavierunterricht geben lassen. »Ich konnte mühelos Partituren lesen, als ich mit den Gesangsstunden begann.«
Als Lehrerin wählte der junge Franzose dieselbe wie sein Erwecker. »Nicole Fallien lässt mich arbeiten wie eine Frau«, sagt er. »Für sie ist Counter keine Spezialstimme, sie lässt mich dieselben Übungen machen, wie sie für Frauenstimmen gut sind. Das prägt auch die neue Generation der Counter: Es sind keine strange voices mehr.« Das aber waren die Sänger lange auch in ihrer markantesten gesellschaftlichen Funktion: als stimmlich androgyne Projektionsgestalten schwuler Melomanen, die ihre Ikonografie auch in Jarousskys Booklets wiederfinden können. Für Heroes, ein wunderbares Vivaldi-Album und ideale Einstiegsdroge, posiert er mit offenem Hemd, verrutschter Krawatte, kühn in den Wind gestemmt. »Das sollte eigentlich nur Vivaldis Stürme spiegeln«, erklärt Jaroussky, »aber man kriegt ein Image, das nicht kontrollierbar ist.«
Mittlerweile kommen die Fans der Countertenöre aus vielen Bereichen. Das hat nicht nur mit dem Boom der Barockoper zu tun. Spätestens seit Michael Jackson sind männliche Soprane auch Pop, die Heteros haben – Stichwort »Metrosexualität« – ihre Abgrenzungskrämpfe hinter sich, zumindest in den kulturellen Zentren, und zu Jarousskys Konzerten kommt auch das traditionsfeste Bildungsbürgertum und feiert ihn mit stehenden Ovationen. Wie in Hannover, wo im NDR noch eine erfreuliche Normalisierung zu erleben ist: Die Radiophilharmonie, alles andere als ein Spezialorchester für Barockmusik, spielt Händel klar, artikuliert, federnd, und die Leute lauschen fasziniert Texten, die sie im Programmheft weder finden noch, offensichtlich, vermissen. Wenn Jaroussky singt, was Händel aus den Worten »Dove sei?« gemacht hat, »Wo bist du?«, schlicht und intensiv, ist ihm jede(r) ausgeliefert.
Freilich entzückt es die Älteren auch, wie lieb dieser Junge aussieht, wie zerbrechlich im perfekt sitzenden Anzug. Aber der Showaspekt interessiert ihn weniger als die Konzeption seiner Konzerte und Platten. Da redet er von vorne bis hinten mit und riskiert Themenalben voller Raritäten wie das Concert pour Mazarin: italienische Musik, die der legendäre Kardinal, Minister, Diplomat im 17. Jahrhundert aus Italien nach Frankreich holte. Stücke, für die Jaroussky auch in Bibliotheken stöbert, was er ebenso gern tut wie Jordi Savall, der Großmeister der Alte-Musik-Themenalben. »Es macht Spaß, Geschichten zu erzählen, und die Leute wollen Hintergründe entdecken.« Vor drei Jahren seien bei Virgin, seinem Exklusivlabel, noch Platten wie Die besten Adagios Bestseller gewesen. Jetzt schaffen es Erstaufnahmen und Ausgrabungen in die Charts.
Darum konnte der Sänger seine Plattenfirma überzeugen, dem Kastraten Carestini nicht nur eine Platte, sondern auch ein 42 Seiten dickes Begleitbuch zu widmen. »Bis dahin«, sagt er mit Blick auf den Markt, »war Farinelli für uns der Kastrat. Aber er ist nicht repräsentativ, er sang nur fünfzehn Jahre, ein James Dean der Kastraten. Giovanni Carestini sang mehr als 35 Jahre und hatte enormen Einfluss auf die Komponisten.« Es macht Spaß, im Licht der Koloraturfeuerwerke von Händel bis Gluck auf dieser CD die Umrisse eines zuerst gefeierten und dann vergessenen »Kapaunen« zu erkunden, wie man die Kastraten auch gern nannte – und in lyrischen Stücken Jarousskys wunderbar dosiertes Messa di Voce zu genießen, das vibratolose An- und Abschwellen der Töne, das ein sinnliches Eigenleben gewinnt über die Verzierung hinaus.
Auf der Monteverdi-CD Teatro d’Amore wirken solche Qualitäten etwas dekorativ. Des Sängers Gastauftritt beim Ensemble L’arpeggiata beginnt mit einer parfümiert angejazzten Version von Ohimè ch’io cado, die dem Marketing deutlich näher ist als der Liebesklage. »Ich nehme an, das wird sich gut verkaufen«, sagtt Jaroussky nüchtern. Riskanter ist sein jüngstes, eigenes Projekt. Für Opium hat er französische Lieder von Massenet bis Debussy aufgenommen und einem Außenseiter viel Platz eingeräumt: Reynaldo Hahn, einem schillernden Spätestromantiker. In seiner Verlaine-Vertonung L’heure exquisite von 1916 erreicht die Melancholie dieser Sammlung ihren zerbrechlichen Gipfel, ebenso wie die Stimme des Solisten. Er scheut sich nicht, auf dem hohen leisen Sehnsuchts-dis die Grenzen der Stimme zu zeigen. Er macht nichts mit dem Ton, er setzt ihn behutsam aus ins Weite, anrührend.
»Wenn man bei Verlaine zu viel macht, bringt es die Lyrik um«, sagt er, »diese Erfahrung kann man auch aufs Barock übertragen. Ich werde immer einfacher. Man muss nicht immer gleich sterben.« Er hechelt parodistisch und singt Händels »Dove sei« bebend und kurvig: »Dooove ssseiii…« Aber warum lässt sich Jaroussky, mit historischer Aufführungspraxis groß geworden, bei Romantik statt auf einem Steinway nicht auf einem französischen Érard begleiten? »Counter«, kontert er, »sind auch keine historischen Stimmen. Es gibt uns ja erst seit 50 Jahren.« Vielleicht werden sie sich so lange halten wie die Kastraten, vielleicht nicht: Der Gesang folgt gesellschaftlichen Bedürfnissen. In Jarousskys Stimme ist Gelassenheit zu hören, mehr Schönheit als Kampf, mehr Homogenität als Extrem. Vielleicht brauchen wir das.
Opium – Mélodies françaises
Jérôme Ducros (Klavier)
Virgin Classics/EMI
Claudio Monteverdi: Teatro d'Amore
L'arpeggiata, Ltg. Christian Pluhar
Virgin Classics/EMI
- Datum 11.03.2009 - 17:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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