Klassik Wie die Engel singenSeite 3/3
Auf der Monteverdi-CD Teatro d’Amore wirken solche Qualitäten etwas dekorativ. Des Sängers Gastauftritt beim Ensemble L’arpeggiata beginnt mit einer parfümiert angejazzten Version von Ohimè ch’io cado, die dem Marketing deutlich näher ist als der Liebesklage. »Ich nehme an, das wird sich gut verkaufen«, sagtt Jaroussky nüchtern. Riskanter ist sein jüngstes, eigenes Projekt. Für Opium hat er französische Lieder von Massenet bis Debussy aufgenommen und einem Außenseiter viel Platz eingeräumt: Reynaldo Hahn, einem schillernden Spätestromantiker. In seiner Verlaine-Vertonung L’heure exquisite von 1916 erreicht die Melancholie dieser Sammlung ihren zerbrechlichen Gipfel, ebenso wie die Stimme des Solisten. Er scheut sich nicht, auf dem hohen leisen Sehnsuchts-dis die Grenzen der Stimme zu zeigen. Er macht nichts mit dem Ton, er setzt ihn behutsam aus ins Weite, anrührend.
»Wenn man bei Verlaine zu viel macht, bringt es die Lyrik um«, sagt er, »diese Erfahrung kann man auch aufs Barock übertragen. Ich werde immer einfacher. Man muss nicht immer gleich sterben.« Er hechelt parodistisch und singt Händels »Dove sei« bebend und kurvig: »Dooove ssseiii…« Aber warum lässt sich Jaroussky, mit historischer Aufführungspraxis groß geworden, bei Romantik statt auf einem Steinway nicht auf einem französischen Érard begleiten? »Counter«, kontert er, »sind auch keine historischen Stimmen. Es gibt uns ja erst seit 50 Jahren.« Vielleicht werden sie sich so lange halten wie die Kastraten, vielleicht nicht: Der Gesang folgt gesellschaftlichen Bedürfnissen. In Jarousskys Stimme ist Gelassenheit zu hören, mehr Schönheit als Kampf, mehr Homogenität als Extrem. Vielleicht brauchen wir das.
Opium – Mélodies françaises
Jérôme Ducros (Klavier)
Virgin Classics/EMI
Claudio Monteverdi: Teatro d'Amore
L'arpeggiata, Ltg. Christian Pluhar
Virgin Classics/EMI
- Datum 11.03.2009 - 17:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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