Bei einer Party habe ich Sascha Lobo kennengelernt, einen Propheten des Internetzeitalters. Er betreibt mit anderen das Blog Riesenmaschine und scheint ein sympathischer Typ zu sein. Ein paar Tage später schalte ich den Fernseher ein, wer sitzt da, Sascha Lobo. Er wird interviewt. Er sagt, dass wir alle demnächst wissen werden, wo unsere Freunde sich gerade aufhalten. Das läuft übers Handy, wir können pausenlos senden, empfangen und am Leben der anderen teilhaben. Er findet das toll.

Mir ist aufgefallen, dass die finsteren Visionen von Romanen wie 1984 und Schöne neue Welt allmählich Wirklichkeit werden. Da herrscht auch permanente Beobachtung. Ich halte es für widersprüchlich, wenn man gegen Videokameras in Umkleidekabinen ist und gleichzeitig die totale Vernetzung als Fortschritt feiert.

Jetzt reden alle über das Twittern. Es sind Mitteilungen von maximal 140 Zeichen, die man in die Welt schickt, an die Handys und Computer seiner persönlichen Abonnenten, die sogenannten "Follower". Politiker und Japaner sind besonders eifrige Twitterer. Es gibt auch schon literarische Texte, die "Twitteratur" heißen. Ich habe mir die Twitter-Mitteilungen von Kordula Schulz-Asche angesehen, der Vorsitzenden der hessischen Grünen. Sie schreibt an ihre Follower: "Das war – wie jedes Jahr – ein wundervoller Grüner Aschermittwoch in Hattersheim. Nur der Rollmops liegt mir schwer im Magen." Ein anderes Mal setzt sie ihre Follower in Kenntnis, sie sei "heute morgen ein bisschen träge. Woran es wohl liegt? Wahrscheinlich am Wetter."

Falls ich jemals aus dem Grund grün wählen sollte, dass Grüne ungern Rollmops essen oder weil sie wetterfühlig sind, dann soll meine Familie mich bitte für unzurechnungsfähig erklären lassen, und dies, obwohl auch ich Rollmops nicht sonderlich mag.

Als neulich ein Flugzeug in New York notwassern musste, wurde die Nachricht zuerst über Twitter verbreitet, das wurde als Durchbruch des neuen Mediums gefeiert. Ich soll in Zukunft Nachrichten über Flugzeugunglücke bereits eine Minute nach dem Absturz erhalten statt, wie bisher, erst nach einigen Minuten. Einen Vorteil kann ich darin nicht erblicken. Ich kann auf Katastrophen gut warten.

Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen mithilfe moderner Maschinen kommunizieren und Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden. Ich brauche aber hin und wieder Zeit zum Nachdenken, ich lese auch ganz gerne mal einen längeren Text. Dazu muss ich mich konzentrieren, ich kann nicht gleichzeitig simsen. Was mich, Twitter betreffend, besonders misstrauisch macht, ist der Hype, also die allgemeine Aufregung. Ein Kenner sagt am Telefon: "Das ist das nächste heiße Ding im Netz! Es wird alles noch schneller!" Wenn irgendwas als "das nächste heiße Ding" gehandelt wird, bedeutet dies mit 90-prozentiger Sicherheit, dass es demnächst den Bach runtergeht, genau wie ein ganz heißer Immobilienfonds. Lernen die Menschen niemals?

Außerdem begreife ich den Kult um die Geschwindigkeit nicht. Beim Essen und beim Sex heißt es, man soll immer schön langsam und gründlich machen – bei der Kommunikation, der schönsten Nebensache der Welt, ist es umgekehrt? Beschleunigung, das ist doch völlig out, das ist doch achtziger Jahre. Sich kurz zu fassen, finde ich dagegen okay, das kenne ich von früher, da sollte man sich in den Telefonzellen immer kurz fassen. Als die Twitter-Erfinder neulich einen Preis bekamen, hielt ihr Sprecher folgende Rede: "Wir würden uns gern in 140 Zeichen oder weniger bedanken. Was wir hiermit getan haben." Das fand ich gut.

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