Der 11. Mai 1975 ist ein sonniger Sonntagmorgen. In Berlin-Kreuzberg, im Westteil der Stadt, spielt ein Fünfjähriger mit den Nachbarskindern Ball. Der Kleine hat Geburtstag, der Ball ist ein Geschenk. Als er die nahe Böschung hinab in die Spree rollt, eilt das Kind hinterher und versucht, ihn mit einem Stock herauszufischen, es verliert das Gleichgewicht und fällt ins Wasser. Schlimm genug, denn es hat noch nicht Schwimmen gelernt. Schlimmer aber: Es fällt in einen Grenzfluss, der an dieser Stelle in ganzer Breite zu Ost-Berlin gehört – und das ist sein Todesurteil.

Der Junge fällt von West- nach Ost-Berlin, fällt über eine Grenze, die der einen Seite als Grenze zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Sektor der besetzten deutschen Hauptstadt gilt, der anderen Seite aber als Staatsgrenze zwischen der Hauptstadt der DDR und der »besonderen politischen Einheit Westberlin «. Aus politischen Gründen ist diese Grenze von West-Berlin aus offen, wird indes von Ost-Berlin aus durch bewaffnete Posten scharf bewacht.

Gewiss hätte das Kind von Passanten rasch gerettet werden können. Unter diesen Umständen aber wagt sich niemand in das von der nahen Oberbaumbrücke aus bewachte Gewässer. Man ruft den Grenzern auf der Brücke zu, sie sollen etwas unternehmen, man ruft die Westberliner Feuerwehr.

Die Feuerwehr erscheint, der Brandmeister verhandelt mit den Grenzern, vergeblich. Stunden vergehen, bis ein DDR-Taucher das tote Kind schließlich birgt, nur wenige Meter vom Westufer entfernt holt er es hoch, vor den Augen der Eltern und zahlloser Schaulustiger. Man fordert ihn auf, es ans Westufer zu bringen, doch genau das darf er nicht. Jede Bewegung auf das westliche Ufer zu kann als Fluchtversuch gedeutet werden. Der kleine Leichnam wird ins Grenzboot geschafft, in Ost-Berlin obduziert und erst dann an einem innerstädtischen Grenzübergang den Eltern übergeben.

Der Junge ist schon das vierte Kind, das nach dem Mauerbau an dieser Stelle ertrinkt, weil man sich zwischen Ost und West noch nicht über praktikable Modalitäten verständigen konnte, Unfälle dieser Art zu verhindern. Erst jetzt sperrt West-Berlins Senat das Ufer konsequent ab, und zwischen Ost und West einigt man sich endlich auf ein System von lebensrettenden Signalanlagen.

Der Tod der Kinder erzählt in besonders drastischer Weise von der Absurdität, eine lebendige, in Jahrhunderten gewachsene Stadt so zu spalten, dass das Ufer zur einen, das Wasser zu einer anderen Welt gehört. Dass ein fünfgeschossiges Haus Teil der einen, der Bürgersteig davor aber Teil der anderen Hemisphäre ist. Dass der U-Bahntunnel mit Waggons und Passagieren dem West-Reich, das Lüftungsgitter neben dem belebten Gehweg darüber aber dem Ost-Reich angehört. Zwei Städte in einer, nur einen Schritt voneinander entfernt, und dieser Schritt konnte das Leben kosten. So wurde der Fußweg vor jenen fünfgeschossigen Mietskasernen unmittelbar an der Bernauer Straße in den Tagen nach dem Mauerbau noch als Fluchtweg genutzt. Aus dem Fenster sprangen die Menschen hinab, die Westberliner Feuerwehr stand helfend bereit. Dennoch kam es in der Hektik zu schweren Unfällen, für einige der Flüchtlinge wurde der Sprung in die Freiheit zum Sprung in den Tod. Sie waren die ersten »Mauertoten«, was der Bernauer Straße eine traurige Berühmtheit eintrug. Hier befindet sich heute die Gedenkstätte Berliner Mauer.