Im kalten Frieden

Elf Jahre lang war Ruhe, nun töteten Splittergruppen der IRA drei Menschen. Was die Anschläge für Nordirland bedeuten

London

Die Soldaten Mark Quinsey und Patrick Azimkar starben im Kugelhagel, als sie am Samstagabend vor ihrer Kaserne eine Pizzalieferung entgegennahmen. Der Polizist Stephen Carroll wurde mit einem Schuss in den Kopf hingerichtet, als er in der Nacht zum Dienstag einem Notruf folgte.

Die jüngsten Terroranschläge in Nordirland erinnern an eine Zeit, als der Identitäts- und Machtkampf zwischen Briten und Iren, zwischen Protestanten und Katholiken, von Hinrichtungskommandos ausgetragen wurde. Diese Zeit endete vor elf Jahren mit dem Karfreitagsabkommen, in dem alle Seiten sich grundsätzlich darauf einigten, die Frage nach der politischen Zukunft der Provinz mit demokratischen Mitteln zu lösen. Dafür erhielt Nordirland 1999 größere politische Unabhängigkeit von London. Die ehemals erbitterten Feinde, die republikanische Sinn-Féin-Partei, der politische Arm der katholischen IRA, und die Democratic Unionist Party (DUP) als Vertreterin der protestantischen Loyalisten, erhielten den Auftrag, sich in einer Großen Koa-lition zusammenzuraufen.

Seither wurden keine Polizisten mehr erschossen. Nachdem die IRA sich 2006 endgültig zur Entwaffnung bereit erklärte, gilt der Friedensprozess als »unzerstörbar«, wie Premierminister Gordon Brown am Montag in Belfast betonte. Der nordirische Regierungschef und Anführer der DUP, Peter Robinson, stimmte ihm zu, es gebe keine Rückkehr zur Gewalt. Und auch der Sinn-Féin-Vorsitzende Gerry Adams meinte: »Der kalkulierte Anschlag auf den Friedensprozess war falsch.« Weder die Real IRA, die sich zu dem Anschlag auf die Soldaten bekannte, noch die Continuity IRA, die die Verantwortung für den Tod des Polizisten übernahm, haben Rückhalt in der Bevölkerung. Der britische Geheimdienst MI5 zählt kaum mehr als 300 Mitglieder in den beiden Splittergruppen.

Dennoch kamen die Anschläge nicht überraschend. In den letzten zwölf Monaten haben die gewaltbereiten Republikaner mit Autobomben und versuchten Anschlägen auf die Polizei immer wieder Unruhe gestiftet. Erst vor zwei Wochen konnte die Polizei eine Autobombe entschärfen, die »katastrophale Zerstörung« angerichtet hätte, wenn sie explodiert wäre. Kurz darauf erhöhte die Polizei die Alarmstufe und verkündete, dass weitere Anschläge nun »höchst wahrscheinlich« seien. MI5 gibt jedes Jahr 27 Millionen Pfund (15 Prozent des Anti-Terror-Budgets) dafür aus, nordirische Terrororganisationen zu unterwandern und zu verfolgen. Frieden in Nordirland ist also bis heute nur mit großem Aufwand zu sichern, und der ist in dieser Woche noch größer geworden.

Nordirlands Polizeichef Terry Spence erklärte, dass er auch in Zukunft mit weiteren Anschlägen rechne. »Wir müssen die Sicherheitsvorkehrungen in Nordirland grundsätzlich überdenken«, sagte er, Gordon Brown versprach sogleich zusätzliche Mittel. Vereinzelte Forderungen der DUP dagegen, die britische Armee zur Befriedung der Provinz einzusetzen, wurden allgemein abgelehnt. Der Abzug der britischen Spezialeinheiten, die jahrzehntelang in Belfast und Londonderry für Ruhe gesorgt hatten, war erst im vergangenen Sommer als großer Erfolg für den Friedensprozess gefeiert worden, denn für die IRA und Sinn Féin verkörperten sie das politische Unrecht einer Besatzungsmacht. »Eine Rückkehr der Soldaten würde die Spannungen noch weiter erhöhen und den Friedensprozess auch auf politischer Ebene gefährden«, erklärte Robinson.

Doch der Friedensprozess ist in den Straßen von Belfast kaum sichtbar. Um protestantische und katholische Nachbarn voneinander zu trennen, wurden im Laufe der Jahre 82 sogenannte Friedenslinien errichtet, die ganze Stadtteile durchziehen. Zwar wünschen sich 60 Prozent der Bevölkerung, dass diese eines Tages abgebaut werden, aber Umfragen zufolge würde sie nur eine Minderheit sofort abreißen. Das Misstrauen sitzt so tief, dass die Stadtverwaltung in diesen Monaten im Norden von Belfast eine neue Mauer zieht. Dort, wo bald eine neue Wohnsiedlung entsteht, existiert bereits eine Mauer. Sie ist 20 Meter hoch und 400 Meter lang und soll Katholiken und Protestanten, die hier noch gar nicht wohnen, voneinander fernhalten. So also sieht Frieden in Nordirland aus.

 
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