MEINUNG Vom Glück, die Vögel zwitschern zu hören

Der Fall Walter Jens: Im Umgang mit Demenzkranken braucht es mehr Wissen und bessere Pflege, kein Gerede über Sterbehilfe

Deutschland diskutiert über Walter Jens, den legendären, aber demenzkranken Rhetor, seinen Sohn, seine NSDAP-Mitgliedschaft und über Sterbehilfe. Mich stört die düstere Grundmelodie dieser Diskussion. Wenn wir öffentlich immer nur betonen, Demenz sei eine Katastrophe, dann ziehen wir nicht nur den Kranken, sondern auch den Angehörigen moralisch den Boden unter den Füßen weg. Auch die nicht persönlich Betroffenen hinterlässt die derzeitige Debatte eher ratlos. Auf geradezu gespenstische Weise fehlen Zwischentöne. Zwischen dem hochgeistigen Menschen, der Demenz und dem Tod scheint es nichts mehr zu geben.

Es gehört mehr Mut dazu, der Demenz ins Gesicht zu schauen, als Nebendiskussionen zu führen. Diese Krankheit entwickelt sich in vielen Fällen langsam, breitet sich unaufhaltsam aus, besteht über viele Jahre. Sie ist sehr facettenreich, so wie das furchenreiche Gesicht eines alten Menschen. Wegschauen ist zwecklos, Demenz wird uns in den kommenden Jahren millionenfach begleiten.

Aber die stark personalisierte Debatte verstellt nicht nur den Blick auf die gesellschaftliche Dimension. Schlimmer noch, sie offenbart auch ein falsches Bild vom Menschen. Nur aus der Fülle der vollen geistigen Leistungsfähigkeit heraus kann die Einstellung stammen: Wenn ich mein kognitives Leistungsniveau nicht mehr halten kann, dann verliere ich auch meine Würde. Tatsächlich ändern sich im Verlauf der Demenz die Kriterien für »ein gutes Leben« fundamental. Wenn eine Demenz spürbar wird (wer weiß schon, wann sie beginnt?), dann treten am Anfang Verunsicherung und Depression auf. Die Persönlichkeit wird in hohem Maße verletzlich, oftmals treten einzelne vertraute Charakterzüge sehr deutlich hervor. Nicht selten aber verändert sich die Persönlichkeit tief greifend. Der Demenzkranke ahnt und spürt als Erster, dass er sich auf »sich«, nämlich auf seine kognitiven Fähigkeiten, immer weniger verlassen kann. Dies belastet Kranke wie Angehörige gleichermaßen.

Die Auseinandersetzung mit solchen Veränderungen ist ein langwieriger und schmerzvoller Prozess, der nur gelingen kann, wenn die betroffenen Menschen in ihren Bemühungen, die bestehende Grenzsituation zu verarbeiten, wahrgenommen, akzeptiert und unterstützt werden.

Die Demenz verändert die Sicht auf die Dinge. Worte schwinden, die Namen, Orte und Zusammenhänge geraten in Vergessenheit. Eine düstere, ja grauenhafte Vorstellung für uns Gesunde. Aber auch nur für uns. Für Menschen, die an Demenz erkrankt sind, schwindet mit fortschreitender Krankheit auch die scharfkantige Sicht auf sich selbst. Gedächtnis und Denken verblassen. Neben der Trauer, neben der Angst sind vielfältige Glücksgefühle, Glücksmomente möglich. Glück kann auf einer anderen, einer neuen Ebene empfunden werden. Den Vogel, der singt, kann der früher so kundige Ornithologe schon lange nicht mehr benennen, aber dass es um ihn herum zwitschert, lässt ihn gleichwohl lächeln.

Das Heidelberger Institut für Gerontologie unter Leitung von Professor Andreas Kruse hat in den letzten Jahren eine enorm wichtige Grundlagenforschung zur Erfassung der Lebensqualität Demenzkranker geleistet. Wir wissen nun, dass an Demenz Erkrankte sehr genau erfahren und erfühlen, wie mit ihnen umgegangen wird. Die Güte ihrer Lebensqualität unterliegt ganz anderen Faktoren als noch in gesunden Tagen: Scheinbar apathische Demenzkranke empfinden messbar mehr Glück und Zufriedenheit, wenn ein anderer Mensch gezielt auf ihre individuellen Erlebnisse, Erfahrungen und Vorlieben eingeht. Aus den Befunden von Professor Kruse ergibt sich eine sehr ernst zu nehmende Verantwortung: sowohl für jeden Einzelnen wie auch für die Solidargemeinschaft und die Politik.

Unser Umgang mit dieser existenziellen Krankheit wird entscheidend dadurch bestimmt, welches Bild vom Menschen und seiner Würde wir haben. Die Wahrheit ist: Niemand von uns kann vorhersehen, wie er in einer Grenzsituation empfindet. »Wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituationen offenen Auges eintreten«, sagt der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers, und auch in diesem Geiste müssen wir Demenz öffentlich diskutieren. Ist es etwa kein Ausdruck von Lebensqualität, wenn ein Demenzkranker, der früher ein brillanter Theoretiker war, heute akribisch ein Kinderpuzzle legt? Die Gewichte haben sich von der Geistes- in die Gefühlswelt verschoben, der Mensch kann weiter Glück erleben.

Diese Überlegungen zeigen uns, dass wir nicht nur unseren Umgang mit demenzkranken Menschen, sondern auch – sehr viel umfassender – unser Menschenbild reflektieren müssen. Grenzen gehören zu unserem Leben. Wenn das akzeptiert ist, entsteht auch in einer öffentlichen Debatte über eine so Furcht einflößende Krankheit Raum für Zwischentöne.

Das dürfen wir nicht kleinreden. Schon der Angehörigen wegen. Sie gehen mit, sie müssen. Sie erleben jeden Tag fortschreitend den Verlust der Worte und des Zusammenhanges, wenn etwa gefragt wird, was ein Zwieback ist. Die Demenz besteht schon Monate, vielleicht Jahre lang, ehe sie von Außenstehenden wahrgenommen wird. Angehörige erleben das Versickern der empathischen Fähigkeiten, wenn der Demenzkranke weder ihre Freude noch ihren Zorn oder ihre Verzweiflung wahrnimmt. Das schmerzt nicht nur, es erschöpft auch zutiefst. Die Emotionen der Angehörigen laufen ins Leere.

Als Gesellschaft dürfen wir nicht zulassen, dass Angehörige von Demenzkranken in eine Spirale zunehmender Isolation geraten. Sie brauchen Menschen, mit denen sie darüber reden können, was sie wahrnehmen. Sie brauchen Weggefährten, die sie trösten, wenn sie den geliebten anderen, den jetzt Demenzkranken, wie einen dummen Jungen angefahren haben. Sie brauchen andere Menschen, die ihnen Zeit (freie Zeit) ermöglichen. Zum Luftholen. Um über die kleinen und großen Malheurs nicht nur noch zu weinen, sondern gemeinsam zu lachen. Die professionelle und ehrenamtliche Betreuung und Versorgung der pflegenden Angehörigen ist ein vielversprechender und zutiefst menschlicher Ansatz.

Feingeistige Debatten über die Köpfe der Kranken und Angehörigen hinweg helfen niemandem. Angesichts der demografischen Entwicklung ist es höchste Zeit, dass sich unsere Gesellschaft mit dieser Krankheit differenziert auseinandersetzt. Höchste Zeit, dass wir aufhören, über den Verlust an Genie zu jammern oder gar Sterbehilfe als Ausweg zu erwägen.

Was wir brauchen, ist mehr Wissen über die Krankheit. Wir brauchen bessere Strukturen, die im Alltag mit Demenzkranken helfen. Wir brauchen ein tragfähiges ethisches Koordinatensystem, das die Menschenwürde Demenzkranker nicht infrage stellt, sondern einem fragwürdigen Idealtypus »Würde« mit den Worten Schillers entgegentritt: »Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«

Ärzte, Pflegepersonal, ehrenamtliche Demenzbegleiter, aber auch das persönliche Umfeld benötigen festen moralischen Rückhalt für die mühevolle, aber lohnende Aufgabe, für die Lebensqualität ihrer Familienmitglieder und Patienten zu kämpfen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Walter Jens | Karl Jaspers | Demenz
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service