POLITISCHES BUCH Von Marx bis Gorbatschow
Der britische Historiker Archie Brown beschreibt den Kommunismus als Idee und System
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er Titel des neues Buches von Archie Brown erinnert an Edward Gibbons History of the Decline and Fall of the Roman Empire. Aber sonst verbindet die beiden Oxforder – Gibbon war vor über 200 Jahren am St Magdalen College, Brown war bis zu seiner Emeritierung 2005 Fellow an St Antony’s – wenig. Den einen trennt mehr als ein Jahrtausend von seinem Gegenstand, der andere begleitete Höhepunkt und Agonie des Kommunismus als Zeitgenosse in gleichsam teilnehmender Beobachtung. Wo der eine ein großes, aufs Ganze gehendes geschichtliches Panorama in dramatischen Farben entwirft, ordnet der andere die Aufstiegs- und Verfallsgeschichte des Kommunismus übersichtlich in wohlkomponierten Kapiteln und Unterkapiteln.
Brown hat sich zeitlebens mit dem Kommunismus, mit der Sowjetunion und dem Ostblock beschäftigt, und das neue Buch ist auch die Summe eines langen und produktiven Wissenschaftlerlebens. In einem ersten Teil werden die Anfänge der kommunistischen Idee und ihre Ausbreitung über die Welt dargestellt. In einem zweiten Teil versucht Brown, das kommunistische System in seiner Ausprägung unter Stalin zu erfassen. Im dritten Teil Überleben ohne Stalin geht es um die zeitlich und räumlich umfangreichste Phase – die Ausbreitung des Kommunismus nach Asien, Afrika, Lateinamerika, insbesondere nach China und Kuba. Der vierte Abschnitt zeichnet die Erosion des Sowjetblocks seit den 1970er Jahren nach. Im Schlussteil erörtert Brown die seiner Meinung nach zentralen Fragen, weshalb der Kommunismus so lange hat überleben können, welches die Ursachen des Zusammenbruchs waren und was vom Kommunismus bleiben wird.
In den 40 Kapiteln des über 800 Seiten starken Werkes wird der Leser ohne große Überraschungen von einem Feld zum anderen geleitet. Hier wird zusammengefasst, was sonst an anderer Stelle nachzulesen ist: über den Kommunismus als Idee, die Geschichte der UdSSR, die chinesische Revolution, den kubanischen Kommunismus und so fort. Im Grunde haben wir eine Kurzfassung vieler Geschichten vor uns: nicht nur einen Abriss der Geschichte des Kommunismus, sondern der Geschichte der Sowjetunion, Chinas, der mitteleuropäischen Staaten nach 1945, die Geschichte der Perestrojka, aber alles so knapp, wie das in Gesamtdarstellungen und Lehrbüchern eben der Fall zu sein hat. Manchmal ist es die Geschichte einer Idee, dann die Geschichte einer Partei, schließlich die eines Staates oder des gesamten Ostblocks.
Ideengeschichte läuft neben der Parteigeschichte und diese wiederum neben der National- oder gar Weltgeschichte her. Dies hängt gewiss mit dem Gegenstand zusammen, dass, wer von Kommunismus redet, in Wahrheit immer auch von (nationalen) Kommunismen spricht. Und es hat gewiss auch damit zu tun, dass eine Kommunismusgeschichte im 20. Jahrhundert integraler Bestandteil einer Weltgeschichte ist. Zwar stellt Brown immer wieder die Frage, was das einigende Band der vielen Kommunismen sein könnte und was es rechtfertigen könnte, den nordkoreanischen oder kampucheanischen Kommunismus in einem Atemzug mit dem britischen zu nennen, aber letztlich folgt er doch der Linie, dass Kommunismus dort ist, wo es eine kommunistische Partei, ein kommunistisches Programm oder eine Einparteienherrschaft plus Staatseigentum plus Planwirtschaft gibt.
In dieser Geschichte erfahren wir wenig von den sozialen Schubkräften und den Krisen, die den Kommunismus zu einer geschichtsmächtigen Kraft hatten werden lassen. Kommunismus ist hier wesentlich eine Partei- und Systemangelegenheit. Dabei wird deutlich, dass Browns Domäne nicht die Geschichte, sondern die Analyse der politischen Systeme ist. Dass man deren Geschichte auch ganz anders erzählen könnte, zeigt sich an all jenen Stellen, wo Browns intime und persönliche Kenntnis der Sache zum Tragen kommt: etwa wenn er über die britischen Kommunisten mit Distanz, aber auch mit Einfühlsamkeit und Respekt spricht, wenn er von seinen Eindrücken in der Moskauer Studienzeit in den 1960ern berichtet oder von den Begegnungen mit den führenden Köpfen aus den Thinktanks der Perestrojka. Da blitzen Zusammenhänge auf, die in den Gesamt- und Übersichtsdarstellungen gar nicht vorkommen. Hier merkt man etwas von dem leidenschaftlichen Interesse dessen, der noch bei Leonard Shapiro und Alec Nove in die Lehre gegangen ist und sein Leben lang mit sowjetischen Angelegenheiten befasst war.
Schade, dass Brown mehr auf eine Art Kompendium, auf eine Art Lehrgang zur Geschichte des Kommunismus hinauswollte. Wir hätten mehr und vor allem etwas Neues über den Kommunismus erfahren, wenn er weniger auf Vollständigkeit, die doch unmöglich ist, aus gewesen wäre und wenn er uns stattdessen mehr von seinen persönlichen Beobachtungen und Begegnungen mit der Welt des Kommunismus mitgeteilt hätte. Manchmal ist, so hat Lenin es einmal in größter Prägnanz gesagt, weniger mehr. Und auf den Kommunismus als Geschichte müssen wir wohl noch eine Weile warten.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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