POLITISCHES BUCH Ein Ende ohne Schrecken

Ilko-Sascha Kowalczuk erzählt eindrucksvoll, wie die DDR-Bürger ihre Revolution machten

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ieses Buch, für das der Verlag mit einem sympathisch-strubbeligen Autorenfoto wirbt, ist eine ebenso informative wie spannende Lektüre: keine gelehrte Analyse der friedlichen Revolution von 1989, aber eine erfahrungsgesättigte, bunte, meinungsfreudige, Widerspruch herausfordernde und höchst lebendig geschriebene Darstellung. Das Endspiel beginnt nicht erst mit dem spektakulären Herbst, sondern bezieht DDR-Geschichte in ihrer Endphase seit Mitte der achtziger Jahre insgesamt ein. Darin zeigt sich eine besondere Stärke. Zwar liegt der Zeitzeuge Ilko-Sascha Kowalczuk bisweilen mit dem akademischen Historiker im Clinch, aber er nimmt auch nicht olympische Objektivität in Anspruch, bekennt sich vielmehr vorab dezidiert zu »seiner DDR-Geschichte«. Angesichts der Vielfalt und regionalen Unterschiedlichkeit der Ereignisse schwebt ihm vor, eine »Schlängellinie durch den historischen Prozess zu ziehen«, die zumindest das Wichtigste einfängt: »Überall war alles anders, aber das Ergebnis war überall gleich.«

Milder Zorn, gemischt mit einer Prise Ironie und Spott, führt ihm die Feder, keine Abrechnung mit politischem Schaum vor dem Munde. Etliche Passagen mögen sprachlich und gedanklich etwas locker gestrickt sein. Problematisch erscheint auch manche nicht näher belegte Generalisierung. Gleichwohl reduziert Kowalczuk die Sicht auf die DDR-Geschichte nie auf nur einen Blickwinkel. Das Bemühen um Differenzierung wird nur selten vom dezidierten Urteil überlagert.

Der erste Teil, Bilder einer Gesellschaftskrise, ist der längste. Der Weg in den Abstieg und den überraschend schnellen Untergang der SED-Diktatur ist Thema der beiden anderen Großkapitel. Der Autor spürt zunächst den längerfristigen Ursachen der Revolution nach. Neben allgemeinen Rahmenbedingungen und frühen Krisensymptomen bilden vor allem die Gegenbewegungen das Gerüst, in das die eigentliche Revolutionserzählung eingebaut wird. Gorbatschow war zwar der wichtigste Auslöser des Umbruchs. Aber auch er lässt sich, wie zu Recht betont wird, bereits als Produkt einer langfristigen Erosion des kommunistischen Blocks verstehen. Die Gegenbewegungen zur SED-Herrschaft werden vor allem auf drei Ebenen aufgesucht: im Einfluss des Westens, bei den Kirchen und in der vielgestaltigen Opposition. Die unterschiedlichen Strömungen in der protestantischen Kirche zeichnet Kowalczuk mit großer Sachkenntnis und fairem Urteil nach. Der »Kirche von unten« gilt zwar erkennbar seine Sympathie gerade wegen ihrer Jugendarbeit, aber auch eine so umstrittene Person wie Manfred Stolpe kommt in ihrer ambivalenten Rolle zu ihrem Recht. Die eingehende Diskussion des höchst kontrovers beurteilten SED/SPD-»Ideologiepapiers« von 1987 ist ein weiteres Beispiel für differenziertes Vorgehen.

Schließlich die Opposition. Dieser Abschnitt ist ebenso wie das Porträt der jugendlichen Subkulturen in Ost-Berlin in den achtziger Jahren eines der Glanzstücke. Einen oft vergessenen Schauplatz hebt Kowalczuk ausdrücklich hervor: Plauen, dessen Protestgeschichte wegen der Abwesenheit der Westmedien wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Bemerkenswert ist auch der Hinweis auf die Theater, die zwar kein Kern der Opposition waren, aber sehr wohl »Zentren kritischen Denkens«.

Der Autor führt dem Leser Innenansichten einer unter der tristen Oberfläche sehr vielgestaltigen und unübersichtlichen politischen Landschaft vor, mit einem phänomenalen Sinn für sprechende Details. Dabei hütet er sich vor Idealisierungen, betont immer wieder die zunächst marginale Rolle der Gruppen, aber auch ihre internen Spannungen und Konflikte, und warnt vor einer allzu geradlinigen Sicht aus der Rückschau. Niemand konnte sich damals eine so rasante Entwicklung in so kurzer Zeit vorstellen. »Die Gesellschaft war in Bewegung geraten«, so ein bilanzierender Satz, »aber noch Mitte Oktober wagte sich nur eine kleine Minderheit auf die Straßen und in die Kirchen, nur eine gesellschaftlich überschaubare Gruppe unterschrieb die Aufrufe, wurde Mitglied, richtete Briefe, Eingaben, Proteste, Anzeigen an Staats- und Parteiinstitutionen.«

Auch für die Westmedien, denen eine Schlüsselrolle zugewiesen wird, gibt es eine wichtige Einschränkung für den ereignisreichen Oktober: »Die Fernsehbilder aus Leipzig, Dresden und Ost-Berlin lügen nicht, aber sie suggerieren noch heute, alle wären ›dabei‹ und ›dafür‹ gewesen. So weit war es noch nicht, so weit kam es nie.«

Es wird den Historikern auf absehbare Zeit nicht gelingen, die überall in Ostdeutschland populäre »Wende« aus dem Sprachgebrauch zu eliminieren. Dass wir es dennoch mit einer Revolution zu tun haben, wer will das ernsthaft bestreiten? Zur Erklärung ihrer Entstehung und ihres Verlaufs leistet dieses Werk einen sehr eindrucksvollen Beitrag.

 
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