Politisches BuchAls Kaiser Rotbart lobesam

Herfried Münklers luzide Exkursionen ins Reich deutscher Mythen von Harro Zimmermann

Die Niebelungen, ein deutscher Mythos. Hier verfilmt von Fritz Lang, 1924

Die Niebelungen, ein deutscher Mythos. Hier verfilmt von Fritz Lang, 1924  |  © Hulton Archive/Getty Images

Mit Kaiser Barbarossa, dem Nibelungenlied und dem Doktor Faust beginnt Herfried Münklers Erkundungsfahrt ins abgründige Fabelgespinst deutscher Mythen. Welch eine erzählerische Odyssee stellt allein die vom rotbärtigen Urkaiser dar. Sie reicht von seiner Ikonisierung zum heilsgeschichtlichen Wiedergänger im Spätmittelalter über die national-demokratische Inanspruchnahme im Vormärz bis hin zur endgültigen Desavouierung unter Wilhelm II. und in Hitlers wahnhaftem »Unternehmen Barbarossa«.

Und dann das Nibelungenlied. Schon im 18. Jahrhundert dem Wunschbild der politischen Mannhaftigkeit verfügbar, wächst ihm im 19. Jahrhundert die Aura einer »Feld- und Zeltpoesie« zu, mit der man Armeen aus dem Boden stampfen kann. Der Mythos von Siegfried und den Nibelungen fügt sich ganz der machtlüsternen Nervosität des Wilhelminismus ein, und noch die Dolchstoßlegende von 1918, selbst der Kadavergehorsam vor Stalingrad erfahren ihre mythische Überhöhung und Rechtfertigung im Namen jenes literarisch bezeugten Heldentums.

Wie tief sich in solche Interpretationen die Zeitverhältnisse eingeschrieben haben, ist nirgendwo sinnfälliger zu studieren als an der Gestalt des Doktor Faust. Mal als kühner Welterforscher begriffen, mal als verzweifelt hinfälliges Individuum der Moderne – hier mutiert ein Stoff der protestantischen Predigtliteratur zum vielschichtigen nationalen Mythos der Deutschen. Die Entdiabolisierung des beelzebübisch Verschworenen, seine nationale Heroisierung, erlebt schließlich alle kriegsbedingten Schwankungen deutscher Sieger- und Verlierermentalität mit. Bei Thomas Mann wird das Teuflische an der Faust-Figur wiederentdeckt, die luziferische Liaison der Dichter und Denker mit den Nazis wirkte allzu desillusionierend.

Tacitus beschert den Humanisten mit seiner romkritischen Germania den womöglich nachhaltigsten Gründungsmythos. Die aus ihm hergeleiteten Bilder und Spruchweisheiten von deutscher Treue und Redlichkeit, von deutschem Mut und Freiheitssinn, immer wieder inkarniert in Hermann und der siegreichen Varus-Schlacht, reichen bis in die nazistische Wahnideologie hinein, das Sonderbewusstsein der Nation hat hier immer wieder fröhliche Urständ gefeiert.

Selbst der Mythos Preußens gehört noch in diese Zentralperspektive deutscher Selbstbeglaubigung. Viel länger als die Königin-Luise-Vergötterung wird sich die Adoration Friedrichs II. halten, bis in die Sterbestunde des Diktators Hitler hinein. Im Attentatsversuch Stauffenbergs hat sich der Preußenmythos dann ein letztes Mal ermannt zur Insistenz auf Freiheit und Würde, insoweit ragt er noch in den Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland hinüber.

Eine pointierte geschichtliche Exkursion unternimmt Münkler auch durch die deutschen Städte- und Burgenlandschaften – von der Fama des mutigen »Junker Jörg« und der romantischen, später wagnerianischen Erzählung vom Sangeswettstreit auf der Wartburg über die kulturideologisch schillernde Aura der Dichtermetropole Weimar, die historisch geschlagenen Kunst- und Kultstädte Dresden und Nürnberg bis hin zur nationalen Hysterie um den Kölner Dombau und zu Weinseligkeit, Grenz- und Kriegsgebrüll um den Vater Rhein.

Ganz anders lautet Münklers Diagnose der deutschen Nachkriegsära, in der sich der große Atem kollektiver Mythenproduktion erschöpft hat. Währungsreform, Wirtschaftswunder und Leistungsstolz sind seiner Argumentation zufolge eher »Gründungserzählungen« denn Gründungsmythen, haben sich doch nicht einmal der 17. Juni 1953 oder der Mauerfall von 1989 in der »dünnen« Staatssymbolik der Bundesrepublik durchsetzen können.

Münklers Umgang mit den zentralen Termini Mythos, Gründungsmythos und Gründungserzählung sowie »Ergänzungsmythos« und »Mythensammler« bleibt gelegentlich unscharf. So mag er sich nicht recht entscheiden, ob die »nüchterne Profanität«, die dem bundesdeutschen Gemeinwesen attestiert wird, einen demokratischen Vorzug darstellt oder ob sie Ausdruck eines Defizits ist, dem er die numinose »German angst« zur Last legen möchte. Jedenfalls beklagt Münkler ausdrücklich, dass die deutschen Intellektuellen seit 1989 keine »gründungs- und orientierungsmythischen Erzählungen« vorgelegt, sondern diese den »Funktionsäquivalenten« überlassen hätten, die aus Medien und Tagespublizistik geflossenseien und oftmals nur kurzlebigen Kampagnencharakter besessen hätten.

Am Ende dieses kenntnisreichen und luziden Buches scheint sich eine Art geläuterte Mythensehnsucht des Autors herauszustellen, denn er billigt den Deutschen nur dann strukturelle politische Reformfähigkeit zu, wenn sie auch wieder mobilisierende und Perspektiven setzende »Großerzählungen« ihr Eigen nennen. Aber wollen wir wirklich das Ende des politischen Mythos beklagen?

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Leserkommentare
  1. Gründungsmythos der Bundesrepublik gibt's vielleicht zumindest im Kleinen. Wenn man sich die Ausstellung im Konvent auf Herrenchiemsee anschaut. Dass auf dieser Insel die Grundlagen unseres Staats entstanden sind wirkt faszinierend und schon auch irgendwie mythisch, wenn man dieses Eiland mal besucht und sich nicht nur das Schloss vom Ludwig II. anschaut.

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    Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.

  2. Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland ist das Versprechen auf Wohlstand für alle, so auch der Titel des bekannten Buches von Ludwig Erhard. Insofern dieser Gründungsmythos einst wetgehend erfüllt wurde und jetzt bröckelt, steht der Gesellschaftsvertrag der Bundesrepublik Deutschland immer stärker zur Disposition. Mit anderen Worten: Der Mythos muss durch einen anderen ersetzt werden.
    Durch welchen?
    Der Neoliberalismus ist es offenbar nicht.

    rheinelbe

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  • Schlagworte Herfried Münkler | Thomas Mann | Wilhelm II. | Bundesrepublik Deutschland | Dresden | Nürnberg
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