POLITISCHES BUCH Grenzgänger zwischen den Welten

Lothar Gall entwirft ein faszinierendes Porträt Walther Rathenaus in seiner Epoche

U

m es gleich zu sagen: Dies ist keine Biografie im herkömmlichen Sinne. Der Untertitel Portrait einer Epoche zeigt vielmehr präzise an, worum es Lothar Gall geht – nicht darum, dem Leben Walther Rathenaus in allen seinen Facetten nachzuspüren, sondern anhand dieses Lebens Einsichten zu gewinnen über jene Periode zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg, die wir als das »wilhelminische Zeitalter« bezeichnen.

Es waren zwei Jahrzehnte des Umbruchs und der tief greifenden Veränderungen auf allen Gebieten, der Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur. Und ebendeshalb interessiert sich Gall weniger für die individuelle Person Rathenau als vielmehr für die Aufbruchs- und Umbruchszeit, die sie repräsentierte. Der Frankfurter Historiker, der vor allem mit seinem Bismarck-Buch bewiesen hat, wie meisterhaft er das klassische Genre beherrscht, versucht sich hier also an einer Form biografischen Erzählens, die ganz auf das Zeittypische konzentriert ist.

Folgerichtig beginnt Gall seine Darstellung nicht, wie üblich, mit der Geburt seines »Helden«, sondern mit der Entstehung einer modernen Sozialformation um 1900, für die er den Begriff des »neuen Bürgertums« einführt. Was diese Schicht, bei allen inneren Fraktionierungen, einte, war der entschiedene Wunsch nach einer Erneuerung der Gesellschaft, und dies in bewusster Abkehr von der Welt der Väter, der in die Jahre gekommenen Reichsgründergeneration.

Genau an diesem Punkt kreuzte sich, wie der Autor deutlich macht, der individuelle Lebensweg mit den überindividuellen Tendenzen der Zeit. Denn auch Rathenau war von früh an bestrebt, aus dem Schatten seines erfolgreichen Vaters, des Begründers der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), Emil Rathenau, herauszutreten und, jenseits der Sphäre von Industrie und Finanzen, ein selbstbestimmtes Leben als Publizist und Schriftsteller zu führen. Und doch blieb er, allen Distanzierungsversuchen zum Trotz, der väterlichen Berufs- und Lebenswelt verhaftet, beugte er sich immer wieder den damit verbundenen Zwängen und Erwartungen.

In diesem Zwiespalt sieht Gall die eigentümliche Doppelexistenz Rathenaus begründet. Einerseits entwickelte sich der 1867 geborene erste Sohn des »großen« Rathenau selbst zu einem führenden Mitglied der Wirtschaftselite des Kaiserreichs. 1904 wurde er in den Aufsichtsrat der väterlichen Firma berufen – dazu kamen zahlreiche weitere Mandate in Banken und Industrieunternehmen, sodass er bald den Spitznamen »Aufsichtsrathenau« erhielt.

Andererseits wird uns Rathenau geschildert als ein Wortführer der kulturellen Moderne um 1900, der nicht nur vielfältige Kontakte zu namhaften Schriftstellern, Künstlern, Architekten pflegte, sondern selbst in vielen Aufsätzen und Büchern der Stimmung des Aufbruchs und des Protestes gegen das Alte, scheinbar Abgelebte Ausdruck verlieh.

Stefan Zweig nannte Rathenau 1912 in einem Artikel in der Wiener Neuen Freien Presse ein »amphibisches Wesen zwischen Kaufmann und Künstler, Tatmensch und Denker«. Gall zeigt: Es war gerade das Changieren zwischen den verschiedenen Rollen, das Rathenau als prominente Figur des Berliner Lebens interessant, aber zugleich auch angreifbar machte. Seinen Bekannten aus Bankenwelt und Industrie galten seine schriftstellerischen Bemühungen als Marotte, die man ihm nachsah, weil er als Unternehmer Hervorragendes leistete. Und seinen Freunden aus Künstlerkreisen erschienen seine literarischen Arbeiten eher als Hobby eines geistreichen Außenseiters, eines auf vielen Gebieten dilettierenden reichen Mannes.

ie Skepsis, die man seiner Person entgegenbrachte, hat auch Robert Musil in seinem Anfang der zwanziger Jahre begonnenen Epochenroman Der Mann ohne Eigenschaften zum Ausdruck gebracht. Darin lässt er einen Deutschen namens Dr. Paul Arnheim auftreten, der unverkennbar Züge Rathenaus trägt. Er wird als ein Mann der Moderne vorgestellt, originell und anregend, aber innerlich hohl und substanzlos. Gall hat sich die wichtigsten Werke Rathenaus vorgenommen – darunter vor allem Zur Kritik der Zeit (1912), Zur Mechanik des Geistes (1913) und Von kommenden Dingen (1917) – und gelangt zu einem wesentlich günstigeren Befund. In allen seinen Büchern, die zum Teil hohe Auflagen erlebten, erwies sich Rathenau als ein scharfsinniger Beobachter seiner Zeit mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch unverkennbar heraufziehenden Gefahren.

Allerdings blieb Rathenau eine aktive Rolle in der Politik vor 1914 versagt. Erst zu Beginn des Weltkrieges, den er, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, für ein Verhängnis hielt, wurde er zum Leiter der auf seine Initiative errichteten Kriegsrohstoffabteilung im preußischen Kriegsministerium ernannt. In dieser Behörde, die 1918 2500 Beschäftigte zählte, erblickte Rathenau ein Modell für eine grundlegende Neuordnung der Wirtschaft: Private Initiative und staatliche Lenkung sollten Hand in Hand gehen. »Wirtschaft ist nicht Privatsache, sondern Gemeinschaftssache, nicht Anspruch, sondern Verantwortung«, lautete sein Credo, das heute aktueller ist denn je.

Unter seinen Kollegen in der Großindustrie stieß das Konzept einer »Gemeinwirtschaft« auf heftige Ablehnung, ja sie scheuten nicht davor zurück, antisemitische Vorurteile gegen Rathenau ins Spiel zu bringen. Diese Angriffe sollten sich in der frühen Weimarer Republik noch verschärfen, als Rathenau zunächst als Sachverständiger in der Reparationskommission, dann als Wiederaufbauminister und schließlich als deutscher Außenminister für eine Politik des Ausgleichs und der Zusammenarbeit mit den Siegermächten eintrat. Von der politischen Rechten wurde er als antinationaler »Erfüllungspolitiker« gebrandmarkt und geheimer Sympathien mit dem Bolschewismus verdächtigt – ein Zerrbild, das den jungen Rechtsradikalen im Umfeld der »Organisation Consul« vor Augen stand, als sie Rathenau am 24. Juni 1922 ermordeten.

Auf die Tat und ihre Hintergründe geht Gall nicht mehr näher ein. Da sein Interesse auf die wilhelminische Ära als Laboratorium der Moderne fokussiert ist, bilden die Abschnitte über die Weimarer Republik nur noch den Epilog. Wer sich dafür interessiert, wird eher zu dem immer noch lesenswerten Rathenau-Buch von Harry Graf Kessler aus dem Jahr 1928 oder zu den jüngeren Biografien von Wolfgang Brenner (2005) und Christian Schölzel (2006) greifen. Wer indes Walther Rathenau als Phänotyp jener Welt um 1900 mit ihrer ungeheuren Unruhe und ihren unaufgelösten Spannungen kennenlernen will, der wird aus Lothar Galls Porträt reichen Gewinn ziehen.

 
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