POLITISCHES BUCH Mit sanfter Macht
Fareed Zakaria plädiert für eine neue Rolle der USA im Konzert der Mächte
D
ies war das weltpolitische Buch des Jahres 2008. Der Titel der Originalausgabe, The Post-American World, ist als neue Epochenformel durch zahllose Leitartikel über den Abstieg der Vereinigten Staaten in der späten Ära Bush gegeistert. Barack Obama hatte sich während des Wahlkampfs als Leser des Essays von Fareed Zakaria zu erkennen gegeben – eine Lektüre, die den Abschied von imperialer Hybris und ein bescheideneres amerikanisches Selbstverständnis signalisieren sollte. Der Autor, Herausgeber der internationalen Ausgabe des Magazins Newsweek, ein Star des US-Journalismus, hat das Programm des multipolaren, nicht mehr von einer einzigen Supermacht beherrschten 21. Jahrhunderts entworfen. »Das weltweit größte Flugzeug wird in Russland und in der Ukraine gebaut, die größte Raffinerie in Indien, und die größten Fabriken stehen alle in China« – die Beispiele sind, wie Zakaria selbst bemerkt, willkürlich gewählt, die historische Tendenz jedoch ist eindeutig: Die Dynamik der Gegenwart ist an neue, nichtwestliche Mächte übergegangen.
Zakaria ist aber zugleich ein begeisterter, 1982 mit 18 Jahren aus Indien in die USA eingewanderter Amerikaner – bei Oswald-Spengler-haftem Kulturpessimismus will er sich nicht ertappen lassen. Das ist die eigentliche Pointe des Buchs: dass es die globale Machtverschiebung nicht als Niedergang der Vereinigten Staaten, sondern eben als »Aufstieg der Anderen« beschreibt, als erdumspannenden Modernisierungsprozess, der seit Jahrzehnten von den USA ausgeht und über dessen universalen Erfolg die USA sich daher nicht beklagen sollten. Amerika wird relativiert, weil in gewisser Weise alle Welt amerikanisch wird. In dieser Welt kann und wird Amerika eine neue Rolle finden: als »ehrlicher Makler« wie Bismarcks Deutschland im Europa des späten 19. Jahrhunderts oder als »Vorstandsvorsitzender, der eine Gruppe eigenverantwortlicher Vorstände mit sanftem Druck führen kann«.
Zakarias Optimismus für die Vereinigten Staaten gründet sich auf den Vergleich mit der letzten großen Weltmacht, dem britischen Empire des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. England, so Zakaria, hatte seine wirtschaftlich besten Zeiten schon hinter sich, als es beim prunkvoll gefeierten 60. Thronjubiläum von Königin Viktoria 1897 den Höhepunkt seines globalen politischen Einflusses erreicht hatte – das Deutsche Reich und die USA hatten da Großbritannien als Industriestaaten bereits den Rang abgelaufen. Es waren ihre geschickte Diplomatie und ihre militärische Seeherrschaft, mit der die Briten ihre Machtstellung über das ökonomisch gesetzte Verfallsdatum hinaus noch eine Weile aufrechterhielten.
Im Gegensatz dazu hält Zakaria die Amerikaner von heute für politisch eher ungeschickt. Wirtschaftlich dagegen, mit ihrem freien Markt und der durch Freiheit vorangetriebenen dauernden Innovation, seien die Vereinigten Staaten unverändert stark.
Das liest sich inzwischen weniger einleuchtend als im vergangenen Jahr, als die amerikanische Ausgabe erschien. Der ganze Blick auf Weltwirtschaft und Globalisierung ist bei Zakaria noch von einer befremdlich gewordenen Sonnigkeit bestimmt. Es wird bezweifelt, dass die niedrige Sparquote und die private Überschuldung in den USA ein ernstes Problem darstellten, und eine der wenigen Schwächen des Wirtschafts- und Finanzplatzes Amerika sieht Zakaria in der schwachen Stellung auf dem internationalen Derivatemarkt – bei jenen Papieren also, vor denen jetzt jedermann wie vor einer ansteckenden Krankheit davonläuft. Der Autor hat der deutschen Ausgabe ein Vorwort vorangestellt, das die gegenwärtige Krise bespricht, aber nicht wirklich in sein Weltmodell einbauen kann. Die ganze Idee vom Aufstieg aller, von einer multipolaren Welt, die trotzdem nicht in Großmachtrivalität zerfällt, beruht auf einem stetigen globalen Wachstums- und Wohlstandsfortschritt, der zweifelhaft geworden ist.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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