POLITISCHES BUCH Die Löwin und das lahme Fußvolk

Carla Del Pontes Abrechnung mit dem schleppenden Gang des Jugoslawien-Tribunals

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ierhundertfünfzig Seiten lang fragt man sich, für wen und warum dieses Buch geschrieben worden ist. Voller Erbitterung berichtet Carla Del Ponte, bis 2007 Chefanklägerin des internationalen Strafgerichtshofs für Jugoslawien (ICTY), von den Strapazen ihrer Mission und den diplomatischen Schlangengruben, die sie um der Wahrheit willen ausgehoben hat. Aber weshalb sie das tut, bleibt zunächst rätselhaft.

Lassen sich Del Pontes Verbündete an einer Hand abzählen, so marschieren ihre Gegner in Legionsstärke auf: Unterbelichtete Mitarbeiter, machtbewusste Politfunktionäre und die postjugoslawischen Potentaten verwandeln das ICTY-Mandat häufig in eine mission impossible. Erst die letzten Buchseiten aber offenbaren das ganze Ausmaß der Misere. Slobodan Milošević ist noch nicht gestürzt, als Carla Del Ponte erstmals den »Müttern von Srebrenica« begegnet, jenen Frauen, deren Männer, Väter und Söhne durch bosnische Serben 1995 zu Tausenden hingeschlachtet wurden. Sie beschwören die Chefanklägerin, den Diktator zu inhaftieren: »Niemand kann sich vorstellen, wie erbärmlich ich mich fühlte – ich, ein Symbol für das Versagen der internationalen Gemeinschaft, Gerechtigkeit herzustellen.« Milošević landet zwar schließlich vor Gericht, nicht aber General Ratko Mladić, der für das Massaker unmittelbar verantwortlich ist.

Dieses Scheitern nimmt die gebürtige Schweizerin persönlich. Wer Del Pontes Eingeständnis liest, dass sie enttäuscht aus dem Amt geschieden sei, der begreift das Motiv ihres Schreibens: Hinter der Abrechnung mit dem schleppenden Gang des Jugoslawien-Tribunals steht der Wunsch, Rechenschaft abzulegen. Und zwar nicht zuletzt vor allen Opfern des ethnischen Terrors, deren Leiden bis dato ungesühnt geblieben sind.

Die Strukturen jenseits der »Gummiwand«, die Del Ponte unermüdlich einzureißen sucht, bleiben dabei im Dunkeln, denn die Strategien der Widersacher – verzögern, verschleiern, verweigern – analysiert sie nicht. So geraten selbst jene Triumphe schal, die Del Ponte federführend errungen hat.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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    • Schlagworte Buch | Literatur | Srebrenica
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