SACHBUCH Vom Himmel in der Hölle

Im kolumbianischen Medéllin, einem der gefährlichsten Orte der Welt, spielt eine Liebesgeschichte, wie sie in der Literatur selten zu lesen ist: Héctor Abads »Brief an einen Schatten« erzählt von der Beziehung zwischen Vater und Sohn

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ls Héctor Abad ein kleiner Junge war, sah er sich gezwungen, zwischen seinem Vater und dem lieben Gott zu entscheiden. Eine Nonne befahl ihm, jeden Abend zu beten, und sagte warnend, sonst würde er wie sein Vater, der nicht zur Messe gehe, dereinst in die Hölle kommen. Kurzerhand beschloss daraufhin der Junge, das Beten einzustellen: »Nein, ich will nicht in den Himmel kommen. Ein Himmel ohne meinen Vater gefällt mir nicht. Ich will lieber mit ihm in die Hölle gehen.« Nicht nur auf das »Wohin« kommt es also an, sondern auch auf das »Mit wem«. Ein Himmel, von dem man einsam herunterblickt, um den geliebten Menschen unten schmoren zu sehen, gleicht einer Hölle. Umgekehrt reißt in der Hölle, wenn man nur in guter Gemeinschaft ist, vielleicht der Himmel auf.

Die Himmel-Hölle hat viele Adressen, eine von ihnen ist in Medellín. Hier lebte Héctor Abad, der Sohn, mit Héctor Abad, dem Vater, und der Sohn war erfüllt von dem Gefühl, ihm könne, wenn er nur mit seinem Vater zusammen sei, »nichts passieren«. Hier kauerte der Sohn am 25. August 1987 am Leichnam seines Vaters, nur wenige Minuten nachdem dieser von Motorrad-Mördern erschossen worden war. Rund zwanzig Jahre nach diesem nie aufgeklärten Mord hat Héctor Abad eine Liebesgeschichte geschrieben, wie sie in der Literatur seltener vorkommt als im Leben: sein Brief an einen Schatten ist die bewegende Geschichte einer großen Liebe zwischen Vater und Sohn.

In der Tasche seines toten Vaters fand Héctor Abad ein Blatt Papier, auf das dieser ein Sonett von Jorge Luis Borges notiert hatte. »Wir sind schon das Vergessen, das wir werden« – so lautet die erste Zeile dieses Gedichts, der Abad auch den Originaltitel seines Buches El olvido que seremos entnommen hat. Borges erzählt vom Triumph des Todes, von der Unerbittlichkeit des Verfalls, aber auch von dem »Trost«, den er in der »Hoffnung« auf einen Menschen findet, welcher »nicht mehr weiß, dass ich auf Erden war«. Es ist eine ungeheure Botschaft, die aus der Tasche des Toten herausflattert: Nicht nur arrangiert sich hier jemand zähneknirschend, zähneklappernd mit dem Vergessen, sondern er findet Trost in der Vorstellung, dass ein anderer, unüberschattet von schmerzlichen Erinnerungen, sein Leben führen mag. Man könnte sagen, dass Abad, der Sohn, Protest gegen dieses Vergessen einlegt, das ihm der Vater mit Borges’ Gedicht nahelegt. Doch haben die Erinnerungen des Sohnes nicht nur etwas Schmerzliches, sondern selbst auch etwas Tröstliches. Er erzählt von einem Glück, das ihm niemand nehmen kann.

Walter Benjamin hat einmal bemerkt, dass wir uns am Vergangenen, an das wir uns erinnern, wärmen können wie an einem Feuer. Ein solches Feuer entfacht Abad, es brennt in den Augen, bis die Tränen kommen, aber es wärmt auch. Sein Brief an einen Schatten handelt nicht nur – aber auch – von den gesundheitspolitischen Initiativen, mit denen sein Vater als Professor für Sozialmedizin den Typhus und andere Seuchen bekämpfen wollte; er beschreibt nicht nur – aber auch – die militärisch-paramilitärische Zerstörung der Zivilgesellschaft in Kolumbien. Seinem Vater setzt Abad kein Denkmal, er holt ihn vom Sockel in den Alltag zurück, er erzählt vom rechten Leben im falschen, von jenen »Abschnitten des Lebens«, die, bevor »die Tragödien kamen«, eine »Aura vollkommenen Glücks« ausstrahlten. Man darf sich weite Teile dieses Buches als ein Bild blühender Landschaften vorstellen, über denen eine schwarzgraue Gewitterfront heranrollt.

as Glück der Kindheit ist vor allem ein Glück der Gerüche und Geschmäcker. Das Parfüm der Aufzugführerinnen im Bürohaus der Mutter. Der Weihrauch der Öllampen im Kloster. Das Bettzeug des Vaters, das sich der Sohn ausleiht, wenn jener auf Reisen ist. Die Zigarette des Priesters im Beichtstuhl. Die frittierten Kochbananen am Strand von Cartagena. Die »köstliche Ochsenzunge« nach dem Rezept von Doña Jesusita, nach deren Genuss sich die amerikanischen Gäste übergeben. Unglaubhaft wäre es, wenn Abad einfach eine heile Welt schilderte. Es gibt komische Momente – etwa wenn der junge Héctor die pornografischen Qualitäten von Ernst Gombrichs Geschichte der Kunst (und insbesondere eines Bildes von Giorgione) zu schätzen lernt. Es gibt bittere Erfahrungen – etwa wenn er, erstarrt vor Schreck, seiner Schwester, die zu ertrinken droht, nicht zu Hilfe eilen kann. Wie Heinrich von Kleist einst den »Schmutz und Glanz« seiner Seele offenlegen wollte, so sieht sich auch Abad zur Rechenschaft gezwungen, und es ist klar, dass nicht eigentlich die Leser die Adressaten dieses Berichts sind, sondern sein Vater.

»Mein Vater ließ mich alles tun, was ich wollte. Nun, alles ist vielleicht übertrieben. Ich durfte keine Schweinereien machen…« Dem Leben zugewandt und weltfremd, zärtlich und streng mit sich selbst, großzügig und unnachgiebig in seiner Güte: so war dieser Vater, dessen bedingungsloser Liebe der Sohn auf angenehmste Weise ausgeliefert war – und vielleicht sogar bis heute ist: »Auch heute noch gehorche ich ihm, wenn auch nicht immer (er hat mir auch beigebracht, aufzubegehren, wenn es nötig war).« Im höchsten, lebensdienlichsten Gehorsam bleibt dieser Sohn dem Vater verbunden: Noch wenn er gegen ihn protestiert, wenn er seinen eigenen Weg geht, erfüllt er dessen Wunsch und bleibt ihm treu. Abad erzählt eine Geschichte vom Spiel zwischen den Generationen, das unter widrigen Bedingungen gelingt. Nebenbei fällt damit für andere Kinder, andere Väter die Botschaft ab, dass dieses Spiel unter weniger unwirtlichen Bedingungen hier und da, jetzt und gleich, auch haufenweise glücken könnte.

Noch etwas: Als Héctor Abads Vater starb, untersagte López Trujillo, der Erzbischof von Medellín, dem Gemeindepfarrer, für diesen heidnischen Kommunisten eine Totenmesse abzuhalten. Sein Verbot wurde unterlaufen, man empörte sich darüber, dass Trujillo der Familie den Trost verweigern wollte; ein paar Jahre später übernahm der Erzbischof die Leitung des »Päpstlichen Rates für die Familien«, die er bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr innehatte.

 
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