SACHBUCH Es lebe die Grazie, das Wilde, die Anmut
Karl-Heinz Ott haut für Händel auf die Pauke, aber daraus erwächst noch lange kein wohltemperiertes Werk
K
arl-Heinz Ott ist ein wagelustiger Autor. Nach drei psychologisch virtuosen Romanen, von denen der jüngste, die abgründige Kriminalgeschichte Ob wir wollen oder nicht, letztes Jahr in die Auswahl für den Deutschen Buchpreis kam, hat er einen großen Sprung getan und sich dem Sachbuch zugewandt. Tumult und Grazie ist nicht eigentlich eine Händel-Biografie, denn die Quellenlage erlaubt es kaum, aus dem Leben des Musikers viel zu erzählen; es ist mehr ein groß angelegtes kulturgeschichtliches Panorama, vor dem die Musik, ihre Produktionsbedingungen und ihre eigentümliche, schon nicht mehr vollständig barocke Ästhetik diskutiert werden.
Eine gute Idee und ein guter Titel. Tatsächlich gibt es bei dem Komponisten gleichermaßen das Tumultöse, das Wilde und Enthemmte, das namentlich bei den Auftritten des jungen Händel in Italien für entsetzte Bewunderung sorgte, wie auch das Graziöse, das betörend Anmutige und Zarte, das im Barock kaum seinesgleichen hat. Otts Kenntnis des Werks ist stupend, die Notenbelege für seine Thesen purzeln dem Leser nur so entgegen, man möchte unverzüglich die Plattenläden und Musikalienhandlungen leer kaufen, um sich dem großen ottschen Projekt anzuschließen, Händel endlich gegenüber Bach zu rehabilitieren.
Denn auch die nicht immer glückliche Rezeptionsgeschichte ist Ott präsent; die deutsche Abwertung Händels als flach und pompös, die in Adorno ihren Kronzeugen hat, verfolgt er zurück bis zu der musiktheoretischen Debatte, die der Komponist Johann Adolph Scheibe 1737 in der Zeitschrift Der critische Musicus anzettelte; dort findet sich bei dem Bach-Freund Johann Abraham Birnbaum schon das ganze Ressentiment gegen den elegant-italienischen Stil Händels, dem es an Kontrapunkt, Schwierigkeit und sperriger Herausforderung mangele. Der Gegensatz zwischen dem sittlich fragwürdigen Süßen (Händel) und dem sittlich hochstehenden Ernst (Bach) – hier ist er zum ersten Mal formuliert.
Es ist nicht das geringste Verdienst Otts, das Ideologische dieser Debatte, die das Ästhetische mit dem Moralischen verschränkt, an seinem Ursprung zu zeigen; er macht aber leider nicht viel daraus. Es ist nur eine der vielen farbigen Anekdoten und Exkurse, aus denen er sein Sittenbild der Zeit zusammensetzt; es ist ein gewaltiges Mäandern durch die Zeit von 1650 bis 1750 mit allem, was sich dort über Musik und Musiker finden lässt, einschließlich dessen, was sich darüber hinaus noch aufdrängt, wenn man über ein gutes historisches Assoziationsvermögen verfügt. Man könnte auch sagen: Ott kommt ständig vom Hölzchen zum Stöckchen, aber nur selten wieder zum Hölzchen zurück.
Es verlangt beachtliche Frustrationstoleranz, dem Autor durch seine Abschweifungen zu folgen; zumal aus den meisten wunderbarerweise – nichts hervorgeht. Ott kämpft einen sympathischen Kampf gegen die Händel-Klischees; aber ein großer Teil des Materials, das er zu diesem Zwecke umschichtet, besteht ebenfalls aus Klischees. Ein Leser von Plattentexten und CD-Beiheftchen wird sich in kurzer Zeit von lauter sattsam bekannten Überlegungen umstellt und erstickt fühlen. Das Buch hat Kapitel, aber keine logische Struktur. Ott selbst kämpft einen verzweifelten Kampf gegen die Wogen des Wissens, die er rief. Am Ende sitzen beide, Leser wie Autor, als Schiffbrüchige erleichtert und frierend am Strand und blicken entsetzt zurück auf den Tumult der aufgewühlten See historischen Wissens.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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