SACHBUCH Arm, aber edel und gut
Neues über den Renaissance-Architekten Andrea Palladio
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uss die Höllenfahrt denn im Paradies stattfinden? Musste Joseph Losey 1979 seinen wüsten Don Giovanni- Film ausgerechnet in der Villa Rotonda drehen, einem Gebäude, dessen Steine von Arkadien zu träumen scheinen? Dieser Gegensatz wird nun in die Biografie des Architekten Andrea Palladio zurückgeführt, der die herrliche Rotonda in der Nähe von Vincenza entwarf und dessen Leben der italienische Palladio-Kenner Guido Beltramini erzählt: Nicht nur saß der Bauherr der Villa, Paolo Almerico, wegen Mordes im Kerker, Palladio stand zugleich bei seinem Opfer im Auftrag. Und mehr noch der blutigen Hintergründe: Auch die Söhne des Palladio-Förderers Trissino meuchelten einander, am liebsten durch Messerstöße ins Gesicht.
Andrea Palladio, dessen 500. Geburtstag 2008 gefeiert wurde, hat die klassizistische, ja die neuzeitliche Architektur geprägt wie kein anderer. Neu und virtuos kombinierte er antike Bauelemente, seine Werke gleichen zu Architektur erstarrten Akkorden. Dass diese Harmonie, die man stets auch sittlich interpretierte, auf grausam umkämpftem historischen Boden errichtet wurde, macht sie nur noch sehnsuchtsvoller, ferner, noch schöner.
Ihr Schöpfer wirkt bis heute ähnlich entrückt. Karg sind die Lebensspuren, wie Beltraminis Buch treffend betitelt ist. Er macht das Beste daraus, er zeichnet ein unspekulatives Porträt in klaren Strichen. Der in Padua als Müllerssohn geborene Steinmetz Andrea di Pietro della Gondola zieht 1524 nach Vicenza; hier trifft er den Humanisten Trissino, dem er seinen Künstlernamen und drei Romreisen verdankt; ab 1540 reüssiert er im Veneto als Baumeister. In den bekannten, nüchternen Daten sieht Beltramini das Bemerkenswerte: Das Genie ereignete sich nicht als Offenbarung – es waren Talent, Förderung, Leidenschaft, die den Handwerker zum Architekten machten.
Das Wenige, was über Palladios Privatleben zu erfahren ist, verknüpft Beltramini zum Bild eines Mannes, der absichtlich hinter sein Werk zurücktritt. Selbst Palladios Vier Bücher zur Architektur (1570) bleiben unpersönlich. Ein wenig Kalkül darf man dem bescheidenen Humanisten aber wohl unterstellen. Gegen die ränkevollen Kollegen hat sich Palladios gerühmter edler Charakter nie durchsetzen können. An gut dotierte Aufträge kam er selten, als Bauleiter in Vincenza bezog er ein Maurermeistergehalt. Da liegt ein wenig Berechnung, einst höheren Ruhm am geistigen Erbe seiner Bauten und Schriften davonzutragen, nicht ganz fern.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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