Musik & Literatur Viel Ärger mit ArnoldSeite 2/2

So steht es in jenem 22. Kapitel, in dem Adrian Leverkühn seinem Freund, dem Ich-Erzähler Serenus Zeitblom, seine Ideen zur Reihentechnik erläutert. Mann präsentiert das System in statu nascendi zugleich mit der scharfsinnigsten Kritik daran, spontan vom wackeren Zeitblom formuliert, und bringt es fertig, das in einem Dialog glaubwürdig zu machen. Und er arrangiert dezent jene Motive der teuflischen Kälte, die der Erfindung etwas nicht Geheures geben. »Schönberg wird mir die Freundschaft kündigen«, schreibt Mann noch während der Arbeit. Als Doktor Faustus 1947 gedruckt ist, sendet er dem Komponisten ein Exemplar, gewidmet »dem Eigentlichen«. Schönberg liest es nicht, lässt sich aber berichten, dass der Autor ihn beklaut habe, und schickt diesem eine grobschlächtige Satire auf den Geistesdiebstahl. Mann reagiert kühl: »Und doch, es war ein gut gemeintes Geschenk, das wir Ihnen da über die Mauer warfen!« Als Nächstes überbringt ihm Alma Mahler-Werfel die Aufforderung des Komponisten, in künftigen Ausgaben seine Urheberschaft zu vermerken.

Das geschieht. Nun aber ist der Nachbar gekränkt, dass er dort nur als »ein« zeitgenössischer Komponist firmiert, und zeigt sich in der Saturday Review of Literature beleidigt, weil Leverkühn als »geistig-unbalanciert dargestellt« werde – so als habe Mann Schönberg porträtiert und nicht eine Gestalt geschaffen, in der vor allem Nietzsche und Mann selbst oszillieren, eine Gestalt, die ebenso eine Metapher ist wie der Teufel in dieser gewaltigen Parabel auf den deutschen Hang zum Irrationalen. Thomas Mann fühlt sich »widrig zerstört durch die Verrücktheit Schönbergs«.

Herausgeber E. Randol Schoenberg, Enkel des Komponisten, vermutet, dass für den späten Schönberg die Zwölftonmethode auch Ausdruck seiner Religiosität war und dass es ihn verletzen musste, sie mit einem Teufelspakt verbunden zu sehen. Offenkundig ist immerhin die Verbindung seiner künstlerischen mit seiner jüdischen Identität, vom Vier-Punkte-Programm bis zur Komposition Ein Überlebender aus Warschau. Seine entsetzlichsten Befürchtungen waren im Holocaust wahr geworden, und nun hatte ausgerechnet Thomas Mann, der Repräsentant des besseren Deutschland schlechthin, das Herz der Schönbergschen Ästhetik einem irren Lutheraner eingepflanzt. Das alles mag mitgespielt haben, zu tief und zu verästelt, um es zu benennen.

Ausführlicher und nachvollziehbarer lässt sich der Komplex jedenfalls nicht dokumentieren als in Apropos Doktor Faustus, zumal auch das 22. Kapitel und Adornos einschlägige Passagen nachzulesen sind. Und dann ist da noch die Sache mit dem Kanon. Schönberg hat ihn zu Manns 70. Geburtstag am 6. Juni 1945 komponiert, für eine Festschrift des Fischer Verlags. Da erscheint das Stück auch. Im Inhaltsverzeichnis ist als Komponist ein gewisser Alfred Schönberg verzeichnet. Arnold war stinksauer. Vielleicht war die Sorge um seinen Nachruhm doch nicht ganz aus der Luft gegriffen…

 
Leser-Kommentare
  1. ... für den Artikel! Da weiß ich ja schon, womit ich mir die Semesterferien versüßen kann :)

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