SACHBUCH Die Macht der Anekdoten
Erstmals wird die Alternativmedizin systematisch auf den Prüfstand gestellt
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ie Alternativmedizin hat sich im Abendland behaglich eingerichtet. Sie gilt als Zufluchtsort enttäuschter Patienten, die Zuwendung ersehnen; sie verspricht Mögliches und Unmögliches, spendet Optimismus und Wärme. Am Busen der Natur gesunden, statt Medikamente mit denkbaren Nebenwirkungen zu schlucken oder Operationen zu erleiden: Solche Versprechen haben Charme in einer Zeit, da die Schulmedizin bisweilen so schematisiert und arm an Zeit ist, dass ihr alles Individuelle ausgetrieben scheint. Homöopathie, Akupunktur, Chiropraktik, Ayurveda oder Feng-Shui freuen sich über Zulauf. Doch wie erforscht und wirksam sind diese Verfahren?
Die empirische, sogenannte »evidenzbasierte« Schulmedizin der Moderne unterliegt der Wissenschaftlichkeit wiederholten Prüfens. In Studien werden Patienten per Zufallsgenerator (Randomisierung) Gruppen zugelost, die entweder ein neues, ein bereits erprobtes oder ein Scheinmedikament verabreicht bekommen. Doppelte Verblindung verhindert, dass Patienten und Ärzte wissen, welchen realen oder fiktiven Wirkstoff die Pille enthält. So lässt sich die Verzerrung ausschalten, dass der Doktor dem Kranken unbewusst souffliert, er schlucke das vielversprechende neue Präparat, nicht das herkömmliche oder gar ein Placebo, also eine Zuckerpille, die nur wirksam aussieht.
Solche aufwendigen Testverfahren sind in der Alternativmedizin nicht an der Tagesordnung; hier muss der Glaube ans angeblich Gute meist reichen. Jetzt hat ein Team um Simon Singh und Edzard Ernst, den ersten Professor für Alternativmedizin in Großbritannien, erstmals deren gesamte Studienlage überblickt und kommt zu niederschmetternden Ergebnissen: dass nämlich Alternativmedizin meist suggestiv, doch kaum wirksam und gelegentlich sogar gefährlich ist.
Ernst, 1948 in Wiesbaden geboren und selbst homöopathischer Arzt, gilt seinen Gegnern als Agent, der das eigene Lager verrät. Nun, ihn deprimiert, dass Alternativmediziner die subjektiv erfühlten Effekte ihrer Therapien nur selten durch eindeutige Wirkungsnachweise objektivieren; gern halten sie alles Individuelle von der Vergröberung und Anonymität einer großen Studie fern. So kommt es freilich, dass Alternativmedizin vornehmlich von Anekdoten lebt.
Bei klarer Beweislage nahm die Schulmedizin alternative Methoden schon früh in ihren Kanon auf. Matrosen, die unter Skorbut litten, gab man Zitronen zu essen; wiederholte Prüfungen sicherten die Wirksamkeit. Dass Zitronen Vitamin C enthalten, wurde später entdeckt. Auch heute kommt der Zufall der Schulmedizin zu Hilfe: So wurde der (für andere Leiden getestete) Wirkstoff von Viagra nebenbefundlich als hilfreich bei Potenzstörungen und beim schlecht therapierbaren Lungenhochdruck erkannt.
Lässt sich Alternativmedizin als Resteverwertung bezeichnen, der jene schwachen Verfahren geblieben sind, die an der Wissenschaftlichkeit der Medizin scheiterten? Gerade homöopathische Mittel enthalten häufig keinen biochemisch oder molekular nachweisbaren Wirkstoff mehr; die Verdünnungsgrade reichen derart in die Hochpotenz, dass man vom reinen Nichts sprechen darf. Homöopathen glauben gern an die Erinnerungskraft des Wassers, das indes als Medium spiritueller Eigenschaften seit je zu dünn ist.
Wieso scheinen alternativmedizinische Präparate trotzdem zu wirken? Antwort: Weil bei vielen Krankheitsverläufen niemand sagen kann, ob eine Veränderung überhaupt der zeitgleich erfolgenden Therapie zuzuschreiben ist. Auf jede Behandlung richtet der Patient nämlich sein Gesundungspotenzial; dabei schüttet der Organismus in psychophysiologischen Prozessen körpereigene Opioide aus. Rechnet man den Placeboeffekt, den wirksame und wirkungslose Mittel häufig hervorrufen, aus den Studiendaten heraus, relativieren sich die Ergebnisse der Alternativmedizin meist auf Mindermaß.
Man darf Ernst und Singh eine gewisse Süffisanz des Aburteilens vorwerfen, doch ihre Befunde scheinen unabweisbar. Akupunkturnadeln können in Punkte stechen, die von den ominösen Meridianen weit entfernt sind, oder brauchen auch gar nicht in die Haut einzudringen (Teleskopnadeln verschwinden wie Theaterschwerter im Griff): Der Patient meint trotzdem Wirkung zu spüren. Wie kann das sein? Weil ein neuer Schmerzreiz einen anderen verdrängt oder weil der Patient einfach gläubig ist, sobald ein vermeintlich Heilkundiger mit Selbstbewusstsein und sicherer Hand auftritt. Dann setzt abermals der Placeboeffekt ein, den Millionen Menschen gern mit zuverlässiger und anhaltender Heilkraft verwechseln.
Zorn überkommt die Autoren, wenn krebskranke Menschen an Heiler geraten, die ihnen (teure) Rettung prophezeien, ohne die gängigen Therapien wenigstens zu diskutieren. Schonungslos das Urteil am Ende: Die Erfolge der Alternativmedizin lesen sich meist als Einzelfallprosa; Akupunktur hilft nur begrenzt bei Rückenschmerzen, Homöopathie gar nicht, Chiropraktik sollte einzig von Versierten und nie am Hals durchgeführt werden, wo rohe Kraft die Innenwand einer Arterie verletzen kann. Als Geldverschwendung werden Darmspülungen, Reiki, Magnet-, Aroma-, Chelat-, Kristall- oder Bachblütentherapie bezeichnet. Bestand vor dem scharfen Auge der Autoren haben nur wenige pflanzliche Mittel wie Johanniskraut (gegen leichte Depressionen) oder Fischöl, das gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und rheumatoide Arthritis helfen kann. Auch scheinen Blutegel bei Kniearthrose zu wirken.
So warten wir weiterhin auf eine große, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, die Homöopathie als sinnvoll bei Asthma oder Neurodermitis ausweist. Wie die Lage aussieht, warten wir vergebens.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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