SACHBUCH Wie Natur hergestellt wird

Zwei Autoren aus zwei Disziplinen bringen uns die biopolitische Debatte näher

I

n Kalifornien wurden jüngst Achtlinge als Resultat einer künstlichen Befruchtung geboren. Die 33-jährige Mutter der Mehrlinge war bereits Alleinerziehende von sechs künstlich entstandenen Kindern. Journalisten gegenüber gab sie an, die erheblichen Risiken einer Achtlingsschwangerschaft in Kauf genommen zu haben, weil sie sich »schon immer nach einer großen Familie gesehnt« habe. Befindet sich der Begriff des Lebens, wie wir ihn zu kennen glauben, gegenwärtig in Gefahr, von einer schrankenlos gewordenen Wissenschaft unwiederkehrbar verändert zu werden?

Auf knapp 150 Seiten liefert ein neues Buch von Helga Nowotny und Giuseppe Testa Antworten auf diese Fragen. Diese Antworten sind jedoch von anderer Art, als man es von vielen deutschsprachigen Diskussionsbeiträgen zu diesem Thema gewohnt ist. Die originelle Stoßrichtung des Buches mag auch der interdisziplinären Ausrichtung des Autorenteams zu verdanken sein: Die Österreicherin Helga Nowotny ist amtierende Vizepräsidentin des Europäischen Forschungsrates und Grande Dame der europäischen Wissenschaftsforschung; Giuseppe Testa – der viele Jahre in Deutschland gelebt hat – ist Leiter des Labors für Stammzellepigenetik am Europäischen Institut für Onkologie in Mailand und zugleich Autor zahlreicher sozialwissenschaftlicher Werke.

Wer sich auf Endzeitrhetorik gefasst machte, wird enttäuscht sein: Die Autoren legen hier keine stirnrunzelnde Ankündigung eines neuen Zeitalters vor, in dem Menschen die Rolle des Schöpfers übernommen haben. Vielmehr beleuchten Nowotny und Testa auch die Kontinuitäten in der wissenschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte; sie sensibilisieren unseren Blick dafür, wie sich unser Verständnis dessen, was »natürlich« ist, im Lauf der Geschichte immer wieder verschoben hat: Früher galt es etwa als »natürlich«, dass viele Neugeborene das erste Lebensjahr nicht erreichen. Auch deshalb ist die Natur dafür, was der Mensch tun darf und was er unterlassen soll, nicht der beste Maßstab.

Nowotnys und Testas Buch ist eine nachdenkliche Darstellung neuer lebenswissenschaftlicher Forschungsfelder im Kontext jener Bedingungen, die sie ermöglicht haben. Der thematische Bogen ist hier weit gespannt: Er reicht von der Patentierung von »Brustkrebsgenen« über das menschliche Klonen bis hin zur synthetischen Biologie. Die Autoren bringen dem Leser dabei nicht bloß einige der interessantesten derzeitigen Debatten in den Lebenswissenschaften auf zugängliche Weise näher; sie fordern dem Leser auch ab, Überzeugungen zu hinterfragen. So zeigen die Autoren etwa am Beispiel des Gen-Dopings im Sport den Widerspruch in einer Gesellschaft auf, die einerseits alles Mögliche unternimmt, um ihre Mitglieder nach dem Muster individueller Optimierung gesünder, langlebiger und glücklicher zu machen, und gleichzeitig Maßnahmen mit demselben Ziel sanktioniert, sobald sie sich biologisch-genetischer Mittel bedienen.

So erweist sich das Buch als ideales Einführungswerk für all jene, die Debatten an der Schnittstelle von Lebenswissenschaft und Gesellschaft bisher nicht systematisch verfolgt haben. Wer mit diesen Debatten vertraut ist, dem wird das Buch wegen seiner Synthesen aus Wissenschaftstheorie und molekularbiologischen Konzepten neu zu denken geben.

 
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