Wie bitte? Dekonstruktion des Christentums? Muss man hier überhaupt noch nachhelfen? Dekonstruiert sich das Christentum, jedenfalls das römisch-katholische, in diesen Wochen nicht eindrucksvoll selbst? Verrät der Papst nicht die Gottesgerechtigkeit, wenn er Judenfeinde zurück an den Tisch des Herrn holt oder die christliche Botschaft zu einer bloß ästhetischen verkümmern lässt? Ja, würde der französische Philosoph Jean-Luc Nancy zur Affäre des Papstes vermutlich sagen, diese Art »Dekonstruktion« begleite das Christentum seit Langem. In seiner Geschichte konnte es unfassbar sündhaft sein, das reaktionäre Moment sei nicht zu leugnen, die »schändliche Ausnutzung von Schmerz und Elend«, die »Affirmation von Macht, Herrschaft, Ausbeutung«.

Und doch ist diese Art Selbstdekonstruktion nicht das, was Nancy interessiert und wofür er sich ins Zeug legt. In seinen Aufsätzen hat er eine andere, eine theologische Dekonstruktion des Christentums im Sinn, eine Bewegung, die in der Religion selbst steckt und die zu feiern er nicht müde wird. Von Beginn an, rühmt er, unterlaufe das Christentum, und das heißt auch das Judentum, seine eigene Botschaft und treibe in einer endlosen Reihe von Selbstrevisionen und Selbstentgrenzungen über sich hinaus ins »Undurchdringliche«.

Das Christentum glaube an einen Abwesenden, der zugleich anwesend sei, an den EINEN, der mehrfach in sich geteilt ist und seine »eigene Repräsentation ausschließt«. Oder um das Teufelswort gelassen auszusprechen: Seit je hat das Christentum sich auf den »Tod Gottes eingelassen«, es denkt in »inneren Doppelbewegungen« so radikal gegen sich selbst, dass es mit seinen »schweren Gravitationsbewegungen« beständig die »schwarze Sonne des Atheismus« umkreist.

Dekonstruktion ist also nichts, was Nancy der Religion antut und was die obersten Glaubenswächter alarmieren müsste. Das dekonstruktive Moment ist im Christentum immer schon am Werk, es wohnt im Herzen des Glaubens und bildet den Wesenskern seiner Wahrheit. Als Philosoph tut Nancy demnach nichts anderes, als das Christentum an dessen ureigene Wahrheit zu erinnern, und zwar deshalb, weil es – wie jede andere Religion auch – Gefahr laufe, die eigene Denkbewegung stillzustellen und das anfängliche Staunen über das Unfassbare des Lebens zu verlernen und dogmatisch einzufrieren.

Aber viel weiter kommt auch ein Philosoph nicht, denn seine einkreisenden Begriffe, seine elliptischen Denkbewegungen können das »Unfassbare« nur beschwören. Damit aber wächst die Gefahr, Religion begriffslos in Mystik verschwinden zu lassen, in der Spiritualisierung des Schweigens, kurz: in jener Feier des Unbestimmten, die sich mit der mönchisch kargen Auskunft begnügen muss, unsere irdische Vernunft habe nun einmal Grenzen. Das allerdings hat die Vernunft mit Bestimmtheit längst selbst erkannt.

Nancy scheint zu fürchten, dass seine Dekonstruktion am Ende nichts Gehaltvolles mehr über das Christentum zu sagen weiß und es aus der Welt entfernt. Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum er mit Engelszungen auf den Leser einredet und ihm, sei es auch nur zwischen den Zeilen, den himmelweiten Unterschied zwischen Monotheismus und Mythos erklärt: Die biblischen Religionen bilden eine ethische Zäsur im antiken Kosmos, weil sie das »Heilige« nicht mehr als das Ewige und Immerwährende verstehen. Im Gegenteil, sie verstehen es als Unterbrechung dessen, was immer schon geschieht, als Öffnung auf die Verkündigung, auf das »Wort des Anderen«. Das Heilige, heißt das, öffnet das »Böse«, es steht gegen die Urschuld des Egoismus, gegen das teuflisch selbstbezogene und verschlossene Selbst. Die Schuld gehört also nicht, wie im Mythos, dem Dasein selbst an; es sind die Menschen, die untereinander verschuldet sind und sich gegenseitig das Wort und die »Öffnung schulden«.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Nancys Aufsätze sind extrem schwer zu lesen, trotz der nachgerade heroisch anmutenden Leistung der Übersetzerin. Wer also seine Vorurteile gegen das dekonstruktive Denken pflegen möchte, der findet hier genügend Belastungsmaterial, auch wenn er zugeben muss, das sich im Treibsand der Wiederholung manch funkelnde Aphorismen entdecken lassen, zum Beispiel großartige Sätze über einen Trost, der nicht tröstet. Im Übrigen muss man Nancy hoch anrechnen, das er – anders als viele deutsche Bewunderer von Jacques Derrida – die Dekonstruktion nicht zum Vorwand nimmt, um einen postmodernen Relativismus anzufüttern, der politisch immer nur in eine Richtung führt, nach rechts. Nein, Nancy löst das Christentum weder in Mystik noch in Ethik auf, sondern bringt beides miteinander ins Spiel. Auf Theologen kommt Arbeit zu.