Der Schreibtisch von Hans Magnus Enzensberger
Wer die Krisenfeste Trias aus Encyclopedia Britannica, niederländischem Gemälde und der Anderen Bibliothek im Blick hat, der sieht jetzt auch ganz Gelassen, wie es um die Aktien der Sprache steht
In einem der schönsten Gedichte seines neuen Bandes Rebus erzählt Hans Magnus Enzensberger von den Gedanken eines älteren Mannes, der seit über vierhundert Jahren am Rande eines niederländischen Gemäldes sitzt. Wenn der Rahmen nicht so mächtig wäre und schwarz, dann könnte man diesen Mann vermutlich rechts auf unserem Foto auf seinem Gemälde sitzen sehen, denn Enzensberger, der Gegenwartsdiagnostiker, ist in der Kunst ein großer Freund alter Meister. Und es ist genau diese heitere und doch interessierte Gelassenheit eines alten Niederländers am Bildrand, der kleine Eiszeiten und große Kriege, halbe Wahrheiten und ganze Jahrhunderte an sich vorüberziehen lässt, die von Anfang an die Faszinationskraft der Texte und der Person Hans Magnus Enzensbergers ausmachte, als er sich in den fünfziger Jahren in die intellektuellen und kulturellen Debatten der frühreifen Bundesrepublik einzumischen begann. Er nahm zwar alles sehr ernst. Aber dennoch alles nicht so wichtig. In München-Schwabing steht nun seit langen Jahren sein Schreibtisch, mit Blick ins Freie und auf eine Bibliothek von Babelschem Ausmaß. Rechterhand steht das olivgrüne Tastentelefon, einer der wichtigsten Festnetzanschlüsse der Kulturnation, daneben das Schreibmaschinenurgestein, dessen angenehmer Brummton aus den Tiefen des 20.Jahrhunderts zu uns herüberdringt. Und wenn sich Enzensberger umwendet auf seinem Schreibtischstuhl zum kulturhistorischen Schulterblick, dann weiß er um jenen jahrhundertealten Niederländer hinter ihm auf dem Gemälde. Nur so lässt sich die Perspektive erklären, die Enzensberger, geboren im Weltwirtschaftskrisenjahr 1929, auf das Weltwirtschaftskrisenjahr 2009 für die Titelseite von ZEIT Literatur eingenommen hat: Sein Alphabet der Krise blickt auf die Gegenwart mit der Gewissheit von jemandem, der auch den holländischen Blumenzwiebelcrash von 1637 gut überstanden hat und sich deshalb ganz darauf konzentrieren kann, welch wundersame Blüten die Sprache in Zeiten der Krise treibt. Man merkt: Das beruhigt doch ungemein. Florian Illies
Lesen Sie sich mal durch die Krise. Wird schon. Die nächste ZeitLiteratur erscheint am 28. Mai
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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