Schusswunden
Die Siegernationen und die deutsche Selbstversöhnung
Hat auch der Zufall eine Regel? In dem Film Operation Walküre spielt Tom Cruise den Widerständler Stauffenberg, und Cruise ist bekanntlich, wie der Regisseur Bryan Singer, amerikanischer Staatsbürger. In der Literaturverfilmung Der Vorleser agiert Kate Winslet als ehemalige KZ-Aufseherin; Winslet ist Britin. Wahrhaft spektakulär scheint der dritte Fall: Am Wochenende wurde in Berlin das im Zweiten Weltkrieg bei alliierten Bombenangriffen schwer beschädigte, nun sanierte Neue Museum dem Publikum vorgestellt (ZEIT Nr. 12/09). 35000 Neugierige kamen, die Wartezeiten waren fast so lang wie beim Gastspiel des Moma-Museums. Verantwortlich für den grandiosen Wiederaufbau zeichnet der Architekt David Chipperfield, auch dieser, unschwer zu erraten, ein Brite.
Cruise, Winslet, Chipperfield: Amerikaner und Briten spielen die Hauptrolle bei der jüngsten Rekonstruktion deutscher Geschichte. Lässt sich in dieser Besetzung ein Muster erkennen? Die kulturellen Spitzenkräfte der »Siegernationen« eilen herbei; sie helfen Deutschland bei der überfälligen Selbstversöhnung und werfen ein helleres Licht auf seine Vergangenheit. Der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat es einmal so formuliert: Tom Cruise, der »größte Star der Siegernation«, spiele »unseren Übermenschen Stauffenberg« und werfe sein »Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte«. Dies werde Deutschlands »Ansehen mehr befördern als zehn Fußballweltmeisterschaften«.
Von Donnersmarcks Nationalfantasie mag sich für die Dauer einer Kinovorstellung erfüllen, doch danach hat ihn die Geschichte wieder. Im Übrigen werden auf dem globalen Kinomarkt Rollen naturgemäß international besetzt, und auch Bernhard Schlink und der Regisseur Stephen Daldry mussten englischsprachige Stars verpflichten, sonst wäre Der Vorleser in den USA untergegangen. Und dass angelsächsische Architekten in Berlin Gebäude wieder aufbauen, ist keine meldepflichtige Neuigkeit. Sie sind weltweit unterwegs, vor allem dort, wo ihr Lear-Jet landen kann.
Chipperfields Neues Museum, frohlockt nun die FAZ, gebe »Berlin und Deutschland« endlich Gelegenheit, »mit sich und der jüngeren Vergangenheit Frieden zu machen«. Was soll uns diese Floskel sagen? Dass sich Deutschland in der schändlichsten Periode seiner Geschichte böse gestritten hat und nun wieder – unweit des Holocaust-Mahnmals – in neuer Unschuld nach vorn schaut? Für diesen Versöhnungskitsch ist Chipperfield allerdings der Falsche. Ja, sagt er lediglich, als Angelsachse könne er sich historischen Formen unbefangener nähern als ein deutscher Architekt; nicht alles Alte fällt bei ihm gleich in die Vorgeschichte der faschistischen Ästhetik.
Es ist diese Unterscheidung, mit der Chipperfield seinen Sinn für das Unwiederbringliche schärft, für das Nie-wieder-Gutzumachende. Er überschminkt die Zerstörung nicht, er zeigt sie, und damit zeigt er auch, wo es keine Versöhnung gibt. Sein Genie besteht darin, dass die Ruine eine Ruine bleibt und sich zugleich in ein grandioses Museum zurückverwandelt. Gewiss, das ist ein Trost, aber ihm wohnt die Bestürzung inne: So schön, wie das Original einmal war, wird es nie wieder werden. Der Blick des Besuchers wandert umher und trifft auf – Einschusslöcher. Thomas Assheuer
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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