Afghanistan Der gute Bösewicht
Barack Obama will mit gemäßigten Taliban reden. Aber das ist unmöglich - denn ein gemäßigter Taliban ist ein Widerspruch in sich.
Kann sich jemand noch an den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck in Afghanistan erinnern? Als er bei seinem Besuch 2007 in Masar-i-Scharif behauptete, man müsse mit den Taliban reden, wurde er an den Pranger gestellt. Nun sagt US-Präsident Barack Obama ziemlich genau dasselbe und erntet Applaus, besonders aus Deutschland. Die Welt ist ungerecht, und sie war es besonders mit Kurt Beck.
Er war der Bote, den man bestrafte, denn er entlarvte mit seiner beiläufig gemachten Bemerkung die Lebenslüge westlicher Afghanistanpolitik. Der Westen pflegte jahrelang die Illusion, es könne ein Afghanistan ohne Taliban geben. Das ist so, als forderte man ein Bayern ohne CSU. Die Taliban sind nichts anderes als Paschtunen, die Mehrheitsbevölkerung Afghanistans, so wie die Bayern die Mehrheitsbevölkerung Bayerns sind. Freilich, nicht alle Paschtunen sind Taliban, aber alle Taliban sind Paschtunen. Und man muss hinzufügen, dass in den letzten Jahren immer mehr Paschtunen zu Taliban wurden, weil sie sich nicht damit abfinden wollen, dass fremde Truppen im Land sind und eine korrupte, ineffiziente Regierung an der Macht ist.
Nun also, die Zeit ist gekommen, mit denen zu reden, die man gestern noch ausräuchern wollte. Nicht mit allen Bösewichtern will man sprechen, sondern – wie Obama sagt – mit den gemäßigten. Doch ein gemäßigter Taliban ist, genau genommen, ein Widerspruch in sich. Denn ein Taliban definiert sich durch besonders radikale, sprich wortgetreue Auslegung und Umsetzung des Korans. Auch dieser Radikalismus hat natürlich Schattierungen, da gibt es Taliban, die Frauen jede Bildung verbieten wollen, da gibt es andere, die diese bis zu einem bestimmten Punkt erlauben wollen. Beide argumentieren mit dem Koran in der Hand und gleichzeitig mit traditionellen Stammesgesetzen. Und sie streiten sich untereinander über den richtigen Kurs. Vereint radikal sind die Taliban ja nur gegen den Feind von außen, ansonsten sind sie ziemlich tief gespalten.
Aber welchen Talib sollen wir nun zum Verhandlungspartner erklären? Eine Antwort wäre: Den Talib, der nichts mit al-Qaida zu tun haben will, der Osama bin Laden ausliefert und sich an die afghanische Verfassung hält. Aber was ist, wenn eben dieser Talib keine fremden Truppen im Land haben will? Ist er dann radikal, oder ist er einfach nur patriotisch? Ziehen wir ab, wenn sie Osama ausliefern? Was ist, wenn dieser Talib denkt, dass man Ehebrecherinnen steinigen sollte, und es auch tut? Sind das dann Leute, die, wie Obama sagt, »wir als fundamentalistisch betrachten«, mit denen wir aber dennoch ins Geschäft kommen können? Und ein Talib, der sich ins Parlament wählen lassen will, um es dann abzuschaffen – was ist das für einer? Viele Fragen, keine klaren Antworten. Es kann auch keine geben, denn Taliban ist nur in Zeiten des Krieges ein brauchbarer Begriff, für den Frieden eignet er sich gar nicht.
Wer sich auf die gemäßigten Taliban einlässt, wird bald erkennen, dass ihm dieses Wort in der Hand zerbröselt wie trockene afghanische Erde. Er wird viele Stunden in Lehmhütten auf abgeschabten Teppichen sitzen und viele Tassen Tee mit vielen Clanchefs trinken müssen. Mit welchem Ergebnis? Er wird Abkommen schließen, die vielleicht halten, vielleicht auch nicht. Abkommen, die ein bisschen von dem retten, was wir unter Menschenrechten verstehen, das meiste aber nicht. Mit anderen Worten: Wer mit den gemäßigten Taliban reden will, wird noch tiefer in dem afghanischen Sumpf versinken. Alternativen gibt es dazu keine oder nur eine: den Abzug. Aber davon will keiner wirklich reden, noch nicht. Schön ist das alles nicht, am wenigsten für die Afghanen selbst, die bittere Erfahrungen mit den Taliban gemacht haben und sich fürchten, sie wieder machen zu müssen.
- Datum 19.03.2009 - 16:12 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
- Kommentare 25
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Danke für den guten Artikel. Die gleiche Einsicht steht uns bei Unterscheidung von "Islamisten" und "gläubigen Muslimen" bevor. Unterscheiden tun sich beide Gruppen lediglich in der Auslegung der heiligen Schriften.
"Unterscheiden tun sich beide Gruppen lediglich in der Auslegung der heiligen Schriften."
Warum lediglich?
Das alleine reicht schon zwei "verschiedene Planeten" zu kreiiren.
Schließlich sind wir doch seit einigen, wenigen Jahrhündertchen froh, das es nicht mehr so viele fundamentalistische Christen gibt.
"Unterscheiden tun sich beide Gruppen lediglich in der Auslegung der heiligen Schriften."
Warum lediglich?
Das alleine reicht schon zwei "verschiedene Planeten" zu kreiiren.
Schließlich sind wir doch seit einigen, wenigen Jahrhündertchen froh, das es nicht mehr so viele fundamentalistische Christen gibt.
Dieser Artikel kritisiert alle Lösungen ohne selber eine vorzuschlagen. Nun wenn der Autor alles besser weiss, dann trete er vor und löse das Dilemma.
(entfernt. Bitte bleiben Sie fair. Die Redaktion/jk)
hat Recht. Nicht die Zensur Abteilung noch die Redaktion.
Wenn man sich nicht fuer ein Loesung einsetzen will, verliert man sein Recht zu jammern.
Nur ueber die Entfernung von ehrlichen Beitraegen muss/kann man jammern.
hat Recht. Nicht die Zensur Abteilung noch die Redaktion.
Wenn man sich nicht fuer ein Loesung einsetzen will, verliert man sein Recht zu jammern.
Nur ueber die Entfernung von ehrlichen Beitraegen muss/kann man jammern.
Ladurner wuerde mal ueber zb. indien schreiben. Ein land in dem auch nach 60 jahren 'gesetzliche regelung' das kastenwesen als real existierende klassengesellschaft in vielen regionen noch exisitert. Dort leben auch heute menschen immer noch faktisch als sklaven die von ihren grossgrundbesitzern keinen lohn nur eine schale reis bekommen. Sie sind zu ausgebeutet um sich der weiteren ausbeutung zu entziehen. Jaehrlich mehrere zehn-tausend selbstmorde von bauern, alle familienvaeter mit frau und kindern, begehen selbstmord aus verzweiflung und begehen nicht nur selbsttoetung, sondern auch faktisch die toetung ihrer frau und kinder die nach dem tod ihres mannes und vaters keinen platz mehr in der ach so demokratischen gesellschaft indiens finden. Dieser zustand ist tausenmal grausamer als der schlimmste taliban-terror der zweifelsohne am besten von dieser welt verschwinden sollte. Jeder unabhaengige journalist sollte in seiner berichterstattung doch prioritaeten setzen koennen.
Aber dafuer wird ja das zahnraedchen ladurner scheinbar nicht bezahlt. Mit der vermittlung dieses verzerrten gesamt- oder grossbildes sind ja gerade solche medien wie diese zeitung verantwortlich fuer den verheerenden zustand in der welt. ZEIT & ZEIT-online, wie es mir seit laengerem scheint, ist eigentlich fast nur noch club von bruchpiloten die keine abwaegenden analysen produzieren sondern nur noch fast-food propaganda-haeppchen fuer menschen mit denk-retardierung.
Ach ja, zum artikel: Wie lange braucht der 'westen' eigenlich noch um zu kapieren, dass wir den afghanen nicht vorschreiben koennen was in ihrem land passieren soll..
Sehr interessanter Beitrag, der mal wieder hervorhebt mit, mit welchen willkürlichen Maßstäben die westliche Politik aber auch die Berichterstattung und Wertung der Medien verläuft.
Sehr interessanter Beitrag, der mal wieder hervorhebt mit, mit welchen willkürlichen Maßstäben die westliche Politik aber auch die Berichterstattung und Wertung der Medien verläuft.
gut geschrieben und äußerst interessant!
Denn sie wiederspricht herrschender Meinung (muss aber nicht falsch sein). Die Gleichsetzung von Taliban mit der CSU in Bayer ist in sofern unwahrscheinlich, da gemeinhin angenommen werden kann, dass viele der feindlichen Taliban Relikte aus dem Afgahnistan-Krieg sind. Also auch Ortsfremde. Deshalb können diese sich auch problemlos nach Pakistan zurückziehen. Die Lebenslüge bestand also nicht in Bezug auf die Taliban, sondern ob dort ein Staat nach westlichem Vorbild zu errichten sei - ohne westlich Bürger zu haben. Der Westen wird hinnehmen müssen, dass dort die Scharia herrschen wird. Die Menschen dort werden sich freuen (was im Swat-Tal zu beobachten war), denn es stellt eine gewisse Rechtsstaatlichkeit her, auch wenn die Form dem Westen nicht gefällt. Aber auch die Scharia bedarf der Auslegung, und entscheidend ist, dass der Westen sich für eine so gemäßigte Form wie möglich stark macht. Wenn also Beispiel Bayern, dann wie folgt: Fremde kamen, etablierten NSDAP, NATO kamen, vertrieben NSDAP, wollten SPD einsetzen. War aber nicht durchzusetzen. Ergebnis muss also CSU sein. Dazu muss man aber mit den Menschen reden, die da leben. Sonst riecht das immer nach Besserwessi. Das sehe ich in Obamas neuem Ansatz.
So etwa sehe ich das auch - zu blöd wenn es einfach keine vernünftige Lösung gibt ! Aber das kann natürlich kein westlicher Politiker zugeben......
Natürlich kann man in Afghanistan nichts dauerhaft ausrichten. Man kann und sollte den Afghanen auch nichts aufzwingen. Weder Frieden, noch Demokratie, noch Menschenrechte, noch Gleichheit vor dem Gesetz, usw.....
Also : Kompletter Abzug aus Afghanistan.
Aber : Sollte irgendein Afghane Ansprüche stellen, in ein demokratisches Land versuchen einzureisen oder Bürger eines anderes Landes angreifen, dann muß auch die Konsequenz dieser Logik greifen.
Welcher Frieden, welche Demokratie und welche Menschenrechte hat der Westen den Afghanen bis jetzt aufgezwungen? Die Kriminellen, die dem Bush bei der Bekämpfung der Taliban unterstützt haben, müssen sich für ihre verbrecherischen Taten nicht vor dem Gesetzt verantworten - sie wurden sogar finanziell und politisch befördert! Alle Mitglieder der verbrecherischen Milizen sind in der Armee, bei der Polizei und im Sicherheitdienst integriert.
Welcher Frieden, welche Demokratie und welche Menschenrechte hat der Westen den Afghanen bis jetzt aufgezwungen? Die Kriminellen, die dem Bush bei der Bekämpfung der Taliban unterstützt haben, müssen sich für ihre verbrecherischen Taten nicht vor dem Gesetzt verantworten - sie wurden sogar finanziell und politisch befördert! Alle Mitglieder der verbrecherischen Milizen sind in der Armee, bei der Polizei und im Sicherheitdienst integriert.
fürchten wieder bittere Erfahrungen mit den Taliban machen zu müssen, warum schnappen sie sich dann keine der vielen Waffen, die dort rum liegen und bekämpfen sie? Freiheit bekommt man nicht geschenkt, sie wird erkämpft. Und die moderaten Talibane sitzen doch schon längst in der Regierung dort und in Parlament.
Ich glaube nicht, dass Sie den Afghanen zeigen müssen, wie man die Freiheit bekommt. Waren es nicht die Afghanen, die mit ihrem Blut die sozialistische Wirtschaft der UdSSR geschwächt haben, was indirekt zum Kollaps der eisernen Wand in Ost-Europa geführt hat? Die Afghanen können sich von den Taliban nicht befreien, weil der Westen ein unehrliches Spiel mit ihnen bis jetzt betrieben hat: Von der Demokratie und wirtschaftlichem Aufbau zu reden. Aber, im Inneren die Warlords unterstützen und im Ausland mit Pakistan fragwürdige Geschäfte zu machen.
Ich glaube nicht, dass Sie den Afghanen zeigen müssen, wie man die Freiheit bekommt. Waren es nicht die Afghanen, die mit ihrem Blut die sozialistische Wirtschaft der UdSSR geschwächt haben, was indirekt zum Kollaps der eisernen Wand in Ost-Europa geführt hat? Die Afghanen können sich von den Taliban nicht befreien, weil der Westen ein unehrliches Spiel mit ihnen bis jetzt betrieben hat: Von der Demokratie und wirtschaftlichem Aufbau zu reden. Aber, im Inneren die Warlords unterstützen und im Ausland mit Pakistan fragwürdige Geschäfte zu machen.
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