Wie man aus der Anstalt ausbricht

Aufstand der irren Außenseiter: Das Theater Braunschweig zeigt »Don Quijote« als tragikomisches Handlungsballett

Hysterisches Lachen, Kopfstände, bleich geschminkte Gesichter mit offenen Mündern und vor Angst aufgerissenen Augen. Arme, die weit vom Körper gestreckt sind, und Hände, die ins Leere greifen. Körper, die sich verbiegen und auf dem Boden um die eigene Achse drehen, dazu lautes Zischeln, das an Schlangenlaute erinnert. Das ist die bizarre Szenerie, die den Zuschauer erwartet, sobald die Bühnenleinwand zu der Tanztheateraufführung Don Quijote nach oben gleitet. Das Stück von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny ist der Auftakt zum zweiten Tanzwelten-Festival im Staatstheater Braunschweig. Die Geschichte des naiven Idealisten Don Quijote wurde schon oft für Theater, Film oder Oper adaptiert. Auf der Tanzbühne wird sie nun in eine Irrenanstalt verlegt, die den Irrsinn einer perfektionistischen Gegenwart zeigt.

Umgeben von einem riesigen Gerüst und vergitterten Wänden sitzen die Insassen mit verrenkten Körpern in ihren Gitterbetten und vergraben die Köpfe in ihre weißen Kittel. Wie in Trance beginnen sie, sich zu bewegen, drehen Pirouetten, stemmen ihre angewinkelten Füße gegen imaginäre Feinde, verknoten die Beine, igeln sich auf dem Boden ein und ziehen sich an Gerüstgittern hoch, um sich dann doch resigniert auf die Betten fallen zu lassen. Ihre Bewegungsabläufe sind mal fließend, mal abgehackt und scheinen keine klare Struktur zu haben. Allmählich erkennt man darin jedoch die innere Zerrissenheit und die Ängste von Menschen, deren Körper perfekte Projektionsflächen ihres Innenlebens sind.

Diese in sich versunkene Welt der Irren wird durch den Auftritt Don Quijotes (Günter Pick) gestört. In Cervantes’ Roman war er noch ein verwirrter Ritter, der seine Mitmenschen vor Unheil beschützen wollte. In Braunschweig reitet er aus Wahnwitz in die Anstalt ein. Denn der mutige Held hat sich wieder mal in den Kopf gesetzt, gegen die Wirklichkeit zu rebellieren. Dass er daran schon wiederholt gescheitert ist, zeigen seine dick bandagierten Beine. Wie man das bereits aus Filmen wie Einer flog über das Kuckucksnest kennt, sind charismatische Irre, die in einer Anstalt für Aufruhr sorgen, Lieblinge der Insassen, aber Feinde der Autoritäten. So auch Don Quijote. Ärzte und Pflegepersonal sorgen mit ihren streng strukturierten Bewegungsabläufen, die an fernöstliche Kampfkunst erinnern, für Angst und Schrecken bei den Insassen. Dennoch reitet und kämpft Don Quijote wie in der Literaturvorlage gegen die übermächtigen Windmühlen. Allerdings nicht auf einem Pferd mit Lanze, sondern auf einem rollenden Gitterbett mit einer Bettstange in der Hand. Zur Seite steht ihm sein treuer Gefährte Sancho Pansa (Ferdinand Holeva).

Wie setzt man die Mechanismen der Anpassung außer Kraft? Wie verteidigt man sein Recht auf abweichendes Verhalten? Wie verweigert man Fügsamkeit? Das sind die Fragen, die die Tanztheaterdirektorin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny an eine freie Gesellschaft stellt, die ganz so frei vielleicht doch nicht ist. Ihr Held kämpft gegen den Anpassungsdruck der Moderne und dessen Exekutoren in Gestalt der Anstaltsautoritäten, die sich nicht leicht geschlagen geben, die die Schwachen kujonieren und die Außenseiter in die Ecke drängen. Mit dem Gefühl, nichts wert zu sein, verfallen die Insassen daher wieder in ihre alte Lethargie.

Aber Don Quijote, der Träumer, weckt die anderen aus ihrem Dornröschenschlaf. Dank seiner Fantasie nehmen sich die Insassen zum ersten Mal als freie Menschen und nicht als Ausgestoßene wahr. Er hilft ihnen, Ängste auszuhalten, und gibt ihnen neues Selbstbewusstsein. Zur spanischen Gitarrenmusik von Francisco Tárrega tanzt jeder mit jedem, mal eng umschlungen, mal distanziert. Leiber schmiegen sich aneinander und gehen wieder auseinander. Dann kehren die Krankenwärter zurück und stellen die gestörte Ordnung in der Anstalt wieder her, indem sie die Tanzenden in Zwangsjacken stecken.

Doch zu jeder Erzählung, die im Irrenhaus spielt, gehört ein ordentlicher Ausbruch. Don Quijote weist den Weg, und in einer gemeinschaftlichen verrückten Rettungsaktion werden alle Grenzen überwunden. Durch ihren Mut beweisen die Ausbrecher, dass das Bestehende überwindbar und die Welt veränderbar ist und dass auch Rebellen das Recht auf einen Platz in der Gesellschaft haben. Schade, dass es so wenige Don Quijotes in den Regierungen dieser Welt gibt. In krisenhaften Zeiten, da Angststarre sich ausbreitet, käme sein fantastischer Mut gerade recht.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Literatur | Ausbrecher | Körper | Braunschweig | Angst
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service