Die Fotografien von Gregory Crewdson zeigen eine Welt, die ihre Kraft verloren hat
Amerika, so sagt Barack Obama, könne aus sich selbst heraus gesunden und werde danach stärker sein als je zuvor. Amerika, so sagen die Bilder von Gregory Crewdson, trug den Keim der Selbstzerstörung bereits in sich, als die Finanzmärkte noch an ihre Unverwundbarkeit glaubten. Und Amerika wird nie mehr das sein, was es einmal war. Der 1962 in Brooklyn geborene Fotograf Gregory Crewdson ist innerhalb weniger Jahre zu einer zentralen fotografischen Stimme seiner Generation geworden. Letztes Jahr zeigten mit Gagosian in Los Angeles, Luhring Augstine in New York und White Cube in London zeitgleich drei der vielleicht renommiertesten Galerien weltweit seine Werke. Crewdsons mit dem Aufwand eines Hollywood-Films arrangierten Fotografien erzählen in einem einzigen Augenblick Romane von epischem Ausmaß. Es sind archaische Geschichten, die Crewdson erzählt, und der Dampf, der aus amerikanischen Vorstadthäusern oder aus defekten Chrysler-Automobilen steigt, scheint aus den Höllenschlünden der Antike aufzusteigen. Als sich Amerika an der Wende zum 21. Jahrhundert im Zenit seiner Macht glaubte, begann Crewdson mit seinen penibel durchgearbeiteten Studien über Amerika als verblassender Mythos. ZEITLiteratur zeigt in dieser Ausgabe drei neuere Arbeiten Crewdsons, die bislang noch nicht in Europa zu sehen waren. Sie haben, wie immer bei Crewdson, keinen Titel – und sprechen doch Bände: Wenn Nietzsche, wie Hartmut Böhme im nebenstehenden Essay beschreibt, eine Epoche »von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz« herbeisehnt und wenn er sich als »Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken«, »einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis« versteht, dann hat er in Crewdson einen Bruder im Geiste gefunden. Und zwar einen, dem es gelingt, die Schwebezustände eines David-Lynch-Films zum Einzelbild zu verdichten. Seine Bilder aus einer amerikanischen Kleinstadt aus dem Jahre 2007 erzählen von Häusern, die bereits den Geist der Immobilienkrise atmen. Und ein doppelseitiges Bild erzählt von dem schwarzen Messias, auf den die schlafende Vernunft hofft, lange bevor Barack Obama überhaupt seinen langen Marsch auf das weiße Haus begonnen hatte. Die Krise, so ahnt das Mädchen auf der Schaukel, ist unsere neue Realität.
- Datum 12.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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