Qinghai - Das tibetische Kloster in den hohen Bergen der westchinesischen Provinz Qinghai steht leer. Die Mönche haben sich versteckt, in einem nahen Hofhaus mit lehmverschmierten Betonwänden. Drinnen haben sie ein Porträt des Dalai Lama aufgehängt. Vor dem Bild haben die Mönche Butterlampen entzündet und ein Festmahl aufgestapelt: Berge von gesüßtem Hefebrot, fritierten Fladen, Äpfel und Bananen. Dazu Pepsi-Cola und Orangenlimonade. Noch haben sie nichts davon angerührt. Sie sitzen im Lotossitz auf blau-weißen Teppichen und beten. Unter roten Decken, die sie um die Schultern gewickelt haben, tragen sie goldbraune Seidenjacken. An ihren Handgelenken blinken die Gebetsketten. Ihre staubigen Schuhe haben sie nicht ausgezogen.

»Wir beten für die Rückkehr des Dalai Lama«, sagen sie. Mit ihrer Feier gedenken sie des 10.März, an dem vor genau 50 Jahren der Dalai Lama nach Indien floh.

Doch genau das ist verboten.

Die Mönche gehen ein dreifaches Risiko ein: Sie brechen die Vorschrift, nach der sie in China nicht das Inbild des Dalai Lama anbeten dürfen. Sie machen das am Vortag des politisch hochsensiblen Jahrestages, zu dem ihnen die kommunistischen Behörden ausdrücklich jede Art religiöser Betätigung untersagt haben. Und sie laden dazu eine Fotografin und einen Reporter der ZEIT ein. Das ist für die Mönche gefährlich. Ihnen wurde bei Widerstand mit der Schließung ihres Klosters gedroht. Doch die Mönche wollen der Welt beweisen, dass ihnen ihr Glaube wichtiger ist als die Vorschriften der Partei. »Wir danken, dass Sie aus der Ferne zu uns gekommen sind, und hoffen, dass Ihre Zeitung unser Kloster bekannter machen wird«, grüßt ihr Klostervorsteher im diplomatischen Tonfall. Dann bietet er ein Glas Tee an.

Unser Treffen hat Duojie* organisiert, ein junger tibetischer Student aus der westchinesischen Millionenmetropole Lanzhou. Duojie hat keinen einfachen Job. Der Fahrer, ein Chinese, darf nicht erfahren, worum es geht. Ausländern ist für unbestimmte Zeit der Zutritt zu den meisten tibetischen Siedlungsgebieten im Westen Chinas versperrt. Peking aber hat ein riesiges Sicherheitsaufgebot nach Tibet entsandt. Es patrouilliert auf Straßenkreuzungen und durch die Zentren der größeren Städte. Die chinesische Regierung will damit vermeiden, dass sich die Ereignisse des letzten Jahres wiederholen. Viele tibetische Klöster befanden sich vor einem Jahr in offener Revolte. In Absprache mit der Exilbewegung nutzten sie die Aufmerksamkeit vor den Olympischen Spielen in Peking zum Aufstand gegen die chinesische Herrschaft. Auch die Mönche, die uns jetzt empfangen, schwenkten vor einem Jahr die tibetische Nationalflagge. Duojie kennt sie gut. Er hat in seiner Jugend zwei Jahre als junger Mönch in ihrem Kloster verbracht. Seine Eltern waren so arm, dass sie für ihn kein Schulgeld bezahlen konnten. Duojie verdankt den Mönchen viel, obwohl er es später vorzog, allein in die Stadt zu ziehen. Jetzt will er ihnen helfen. Er glaubt, dass internationale Aufmerksamkeit ihnen Selbstvertrauen gibt. Doch die Behörden dürfen von der Natur unseres Besuches nichts erfahren, sonst drohen Duojie und den Mönchen Strafen.

Vor den Kameras der Polizei legt uns der Vorsteher die Gebetsschals um

Ganz unerkannt bleiben wir nicht. Kein tibetisches Kloster ist seit den Unruhen des letzten Jahres ohne ständige Bewacher. Im Hof des Klosters, einem großen, neu angelegten Komplex hinter bunt bemalten Mauern, parkt ihr schwarzer Volkswagen Santana 3000. Duojie ist überrascht. »Schnell weg hier«, zischt er. Dann treffen er und der Vorsteher per Handy eine Verabredung. Er kehrt wieder um und stellt uns den Klosterpolizisten als Mitglieder einer buddhistischen Vereinigung im Ausland vor. Vor ihren Kameras legt uns der Vorsteher den traditionellen weißen Gebetsschal der Tibeter um. Das übliche Zeremoniell. So begrüßen auch kommunistische Kader in Tibet ihre Gäste.