Ich habe einen Traum "Wir brauchen die Gier"

Der Autor Richard David Precht über die großen Fische des Kapitalismus und wie die Politik die Krise verhindern kann.

Denk ich an Deutschland, so blicke ich in mein Aquarium. Knorrige Welse kleben an ihren kleinbürgerlichen Wurzeln, elektrische Messerfische sorgen für Strom, und Elefantenrüsselfische im Talar benehmen sich daneben. Auch Schützenfische sind darin: Frank-Walter und Angela, die mit den tief hängenden Mundwinkeln. Alles ist friedlich, ein hübsches Biotop, die Temperatur ist etwas zu hoch, ja klar, und der Sauerstoffgehalt nimmt ab – aber eigentlich ist es gut. Doch das muss natürlich nicht so bleiben. Ich brauchte nur einen Raubfisch hineinzusetzen, sagen wir, einen Nilbarsch, und im Nu wären alle aufgefressen.

Der Nilbarsch ist mir eingefallen, weil man es mit ihm schon einmal probiert hat, in den sechziger Jahren im Victoriasee. Schwups waren vierhundert kleine feine Fischarten ausgerottet. De groten Fisch fräten de lütten Fisch , weiß man in Deutschland seit 1604. Aber warum tun die großen Fische das eigentlich? Weil sie so gierig sind!, sagt man neuerdings und meint damit Global Player und Investmentbanker. Aber: Nilbarsche sind gar nicht gierig, sie tun nur, was sie zum Überleben tun müssen. Investmentbanker tun das auch. Ob sie zusätzlich besonders gierig sind, spielt dabei keine Rolle. Zertifikate und Derivate brauchen keine Gier, um großen Schaden anzurichten. Schon das gute Buch von Karl Marx kritisiert deshalb nicht die handelnden Personen. Es heißt nicht: »Die Kapitalisten«.

An der Gier liegt es nicht. Sie ist gut und wichtig. Ohne die Gier der Konsumenten werden keine Autos gekauft, keine Flachbildschirme, keine iPhones, keine Aquarien. Und wenn keiner kauft, sinken die Steuereinnahmen, und der Sozialstaat geht baden. Ohne die Gier der einen kein Hartz IV für die anderen. Wie soll den Bankern heute unrecht sein, was sonst immer recht war?

Wenn ich die Augen schließe und träume, träume ich nicht von einer Welt ohne Gier. Ich träume von einer Welt, in der die Gier der einen die Gier der anderen in Schach hält. »Ordnungspolitik« nannte dies Walter Eucken, der Vater der sozialen Marktwirtschaft. Wie schade, dass sie so aus der Mode gekommen ist! Heute müsste Ordnungspolitik dafür sorgen, dass eine solche Krise gar nicht erst entsteht.

Wie das geht? Mit geschlossenen Augen sehe ich, dass dies viel einfacher ist, als man denkt: Wenn jede Bank jedes Risikopapier zwangsweise versichern müsste, hätte es die faulen Kredite und Derivate nie gegeben. Keine Versicherung wäre jenes Risiko eingegangen, das die Staaten nun ausbaden müssen. Versicherungspflicht für Bankpapiere, Schadstoffemissionen und Kernkraftwerke – das wäre Ordnungspolitik: Nilbarsch gegen Nilbarsch!

Aber leider hat das jetzt wieder keiner gehört, Frank-Walter nicht und Angela nicht. Sie ziehen stumm ihre immergleichen Kreise. Ich aber gehe zu Bett und halte es dabei mit Mark Twain. Ich bewahre meine Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, werde ich weiterexistieren. Aber ich werde nicht mehr leben.

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Leser-Kommentare
  1. Wovon der Autor hier träumt ist meiner Meinung nach die kapitalistische Variante des Hobbes`schen "State of Warre", dem Zustand des Krieges aller gegen alle.
    Auch wenn die erträumte, regulierte Spielart, hier "Ordnungspolitik"genannt, für die gleiche Wahl der Waffen sorgen soll und somit die Situation (inbesondere für Außenstehende) verbessert, ändert diese nichts am bedauernswerten Gemütszustand der verfeindeten Parteien, die als "solitary, poor, nasty, brutish and short" (Hobbes) beschrieben werden. Ein wohl kaum erstrebenswerter Zustand.

    • LBJ
    • 21.05.2010 um 12:00 Uhr

    Bin hier zufällig drüber gestolpert und kann dem Autor nur bedingt Recht geben. Ich sehe ehrlich gesagt auch einen Widerspruch in dem Text: Einereits ist die Gier wichtig für den Konsum, den Ausgleich und die Entwicklung (das lese ich daraus), andererseits träumt man von einer Welt ohne Gier, d.h. einer Welt ohen Fortschritt. Ich denke, es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die nach Zielen streben und damit den Ausgleich schaffen, der in einem sozialen Staat überlebenswichtig ist.

    Mir hat vor alllem der anfangs beschriebene Vergleich mit einem Aquarium gefallen ;)

    Grüße
    Stephan von www.aquarium-komplett.org :)

  2. Man darf gespannt sein, ob durch die Basel III-Regelungen etwas mehr Ordnung in die Finanzmärkte eintritt, oder ob die beschriebene Gier auch diesen Versuch aushebelt.
    Ich frage mich allerdings, weshalb der Autor die Konsumentennachfrage als "Gier" bezeichnet und mit der Gier der Invesmentbanker gleichstellt. Ein versöhnlicher Ansatz?

    Viele Grüße,
    Linda ( www.aquarium-komplettset.com )

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.03.2009 Nr. 12
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