Als Guido Westerwelle beschließt, sich in der FDP zu engagieren, hat er gerade Abitur gemacht. Im Wahlkampf des Jahres 1980 treten die Minister Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff in der Bonner Beethovenhalle auf, und der 19-jährige Westerwelle sitzt mit einem Freund im Publikum. Beide denken das Gleiche, erzählt der FDP-Chef heute: "Wow, diese Mischung aus Leistungsbereitschaft und leben und leben lassen – das fanden wir toll."

Der sechs Jahre ältere Jürgen Trittin gehört in dieser Zeit zur Göttinger Hausbesetzerszene – und zu denen, die eine Anti-Parteien-Partei gründen. "In den Jahren davor hatte die Ökobewegung Zehntausende gegen das Atomkraftwerk in Brokdorf mobilisiert und die Inbetriebnahme trotzdem nicht verhindern können", erinnert sich Trittin. "Das brachte die Suche nach parlamentarischen Hebeln in Gang." Auch Trittin wird in diesem Jahr Parteimitglied.

Ein Jahr später, im Dezember 1981, gibt der Soziologiestudent nach acht Jahren an der Universität seine Examensarbeit ab. Thema: Die Übereinstimmungen von Arbeiter- und Ökologiebewegung. Auch Guido Westerwelle studiert lange , und die Dissertation, die der Jurist anschließend vorlegt, handelt ebenfalls von der Politik, es geht um die Rolle der Jugendorganisationen. Zu diesem Zeitpunkt hat er selbst längst die Jungen Liberalen erfolgreich aufgebaut. Weitere zwei Jahre später haben beide wichtige Posten in der Bundespolitik. Westerwelle wird 1994 Generalsekretär, Trittin gemeinsam mit der Hamburger Realpolitikerin Krista Sager einer von zwei Parteivorsitzenden. Seit diesen Tagen kennen sie einander. Sie waren politische Gegner mit einem gemeinsamen Anliegen: Jeder kämpfte auf seine Weise gegen Helmut Kohl. Und beide litten unter dem Spott des beliebten grünen Oberrealos Joschka Fischer, der sich über "Gu-i-do" lustig machte und mit Trittin um die Meinungsführerschaft in der Partei rang.

Die FDP hat eine Alternative, die Grünen haben keine

Könnten die beiden, Trittin und Westerwelle, heute koalieren, in einem Ampelbündnis mit der SPD? Die Große Koalition ist ausgelaugt und zerstritten, die Aussicht auf eine schwarz-gelbe Mehrheit unsicher. Doch eine Ampel wird es nur geben, wenn die beiden hochgewachsenen Männer es wollen, so viel ist sicher. Aber falls sie es wollten, wäre vieles möglich. Beide sind weltanschaulich weit voneinander entfernt, aber gleichzeitig kühl kalkulierende Machttechniker, die pragmatische Absprachen treffen und Andersdenkenden mit professionellem Respekt begegnen. Sie könnten solch ein – in beiden Parteien unbeliebtes – Bündnis am ehesten durchsetzen, gerade weil sie unverdächtig sind, die Partei des jeweils anderen zu mögen.

Und beide wollen unbedingt regieren. Westerwelle hat elf Oppositionsjahre hinter sich. Wie oft kann man sich selbst als Daueroppositioneller aufs Neue motivieren? Trittin wiederum ist – wie der zweiten grünen Spitzenkandidatin Renate Künast – der Phantomschmerz über das verlorene Ministeramt nach wie vor anzumerken.

Und so hängt die Machtfrage für die nächste Regierungsbildung maßgeblich an zwei Männern, die nur auf den ersten Blick komplett verschieden sind. Der zweite Blick fördert Überraschendes zutage. Trittin und Westerwelle gehören zur Nach-68er-Generation, sie schätzen höfliche Umgangsformen, sie bereisen unermüdlich ihre jeweilige Partei. Beide neigen zu rhetorischer Schärfe, die einen eher tastenden, vorsichtigen Politikstil verdeckt. Beide sind Kopfmenschen, keine Instinktpolitiker. Sie wägen wichtige Entscheidungen lange ab und testen sie vorab in vielerlei Gesprächen. Beide redeten lange wenig über Privates, bei Westerwelle hat sich das zuletzt etwas verändert. Aber wer weiß schon, dass Trittin seit einigen Jahren stolzer Großvater ist? Beide waren innerhalb ihrer Parteien nie so stark wie jetzt. Was auch daran liegt, dass Altvordere wie Fischer oder die liberalen Ehrenvorsitzenden sich aus dem Alltagsgeschäft heraushalten.

Beide wollen Außenminister werden und treten gelegentlich entsprechend staatstragend auf. Als Trittin am Freitag vergangener Woche in seinem dunkelblauen Nadelstreifenanzug in der Bundestagsdebatte sprach, rügte er zunächst die Linkspartei für ihren Populismus – um später der Union und der FDP zu erklären, wie die Unionsikone Ludwig Erhard heute denken würde. Am selben Abend spricht er bei der Böll-Stiftung über die Zukunft der Nato – und kann sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen, als die Moderatorin sich für "diese Außenministerrede" bedankt.